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Neuruppin Hauptgewinn: Arbeit haben
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neuruppin Hauptgewinn: Arbeit haben
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00:34 13.04.2018
Mohammad Anwar Shinwary (2. von links) kam vor sechseinhalb Jahren selber im Übergangswohnheim Neuruppin Treskow an. Heute arbeitet der Afghane dort und hilft anderen. Quelle: Peter Geisler
Neuruppin

Die kleine Armagan wackelt zielgerichtet auf einen Schrank zu, als verstecke sich darin ein Schatz. Ganz Unrecht hat sie nicht. Ein breites Grinsen breitet sich auf Mohammad Anwar Shinwarys Gesicht aus. Der freundliche Mann zieht die obere Schublade mit Süßigkeiten auf und gibt dem 16 Monate alten Mädchen einen Riegel.

„Für dich“, sagt er auf Dari. Armagans Eltern sind aus Afghanistan, Shinwary auch. Allerdings ist er schon länger in Deutschland. Zu Anfang wohnte er jedoch wie Armagans Familie mit seinen Lieben im Übergangswohnheim in Treskow. Mittlerweile ist der Ort zu seiner Arbeitsstätte geworden und sein ganzes Leben hat sich zum Positiven verändert. Das hätte sich der ­46-Jährige damals in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt.

Beim ersten Gespräch leicht verzweifelt

Als die MAZ Mohammad Anwar Shinwary im November 2014 zum ersten Mal traf, klang er leicht verzweifelt wegen seiner Lage. In Afghanistan hatte der heute fünffache Familienvater stets gearbeitet, in Deutschland durfte er das auf einmal nicht mehr. Er war Sprachlehrer an einer Mädchenschule gewesen, wohnte in einem Dorf nahe der pakistanischen Grenze. Shinwary ist hochgebildet und beherrscht neben Pashto und Dari, den beiden afghanischen Amtssprachen, Persisch, Deutsch, Russisch und ein wenig Ukrainisch.

Als junger Mann hatte er ein militärisches Studium in Odessa (Ukraine) absolviert und sich zum Ingenieur für Luftverteidigung ausbilden lassen. Wieder zurück in Afghanistan brachte die Ausbildung ihm nichts und er schulte zum Lehrer um.

Sozialarbeiter Shinwary spricht die Sprache der Bewohner und ist im Übergangswohnheim sehr beliebt. Mohammad Hamidi aus Afghanistan klärt in seinem Büro ein paar Fragen mit ihm. Töchterchen Armagan (16 Monate) begleitet ihn und sitzt dabei gerne auf Shinwarys Schoß. Quelle: Anja Reinbothe-Occhipinti

Mohammad Anwar Shinwary war ein Vollblutpädagoge gewesen, der sich sehr für seine Schülerinnen einsetzte. Die Mädchen sollten länger zur Schule gehen als nur bis zur dritten oder vierten Klasse, forderte er bei den Eltern. Das sprach gegen die Kultur seiner Heimat, und er war den Taliban ein Dorn im Auge.

Eine eigene Wohnung, aber keine Beschäftigung

„Sie bedrohten mich. Ich hatte große Angst um seine Familie“, erzählt der Afghane. Mithilfe von Schleusern gelang es ihm, mit seiner Familie außer Landes zu kommen. Mohammad Anwar Shinwary traf mit seiner Frau und seinen damals drei Töchtern am Flughafen in Düsseldorf ein. Sie wurden Neuruppin zugeteilt.

„Zunächst bewohnten wir drei Zimmer im Übergangswohnheim in Treskow. Nach einem Jahr konnten wir in eine Wohnung im Zentrum ziehen“, erinnert sich Shinwary, der inzwischen weiteren Familienzuwachs bekommen hatte, zwei Jungs.

Eigene vier Wände, alle in Sicherheit – zufrieden war Shinwary dennoch nicht. „Untätig rumsitzen und abwarten, was als nächstes passiert, ist nichts für mich.“ Sein größter Wunsch: Arbeit finden, verriet er damals im MAZ-Interview. Als Asylbewerber undenkbar.

Zweieinhalb Jahre des Wartens

Ganze zweieinhalb Jahre lang wartete er auf sein Aufenthaltsrecht, erzählt er: „Währenddessen hatte ich viel Zeit. Zuerst belegte ich einen Deutschkurs. Allerdings nur als Gasthörer. Die Prüfung wurde mir nicht bezahlt, weil ich noch Asylbewerber war. Ich übernahm die Kosten selber.“

Deutsch zu lernen, war wichtig für ihn. „Ich wollte was tun, weiterkommen. Außerdem war meine Frau schwanger. Sie wollte nicht mit einem Fremden zum Arzt, der für sie übersetzte.“ Manche Dinge vertraue man keinem X-Beliebigen an, sondern lieber dem eigenen Mann.

Shinwary legte die Prüfung ab. Er spricht sehr gut Deutsch. Nur Umlaute machten ihm Schwierigkeiten, sagt er. Doch er ist keiner, der sich kleinkriegen lässt. Durfte er, während er auf seine Aufenthaltserlaubnis wartete, nicht entgeltlich arbeiten, so half er anderen geflüchteten Menschen bei Behördengängen, Formalitäten und als Übersetzer, arbeitete ehrenamtlich für die Ruppiner Kliniken.

Lehrernachweis war hilfreich

Als sein Antrag bewilligt wurde, las er, dass in Rheinsberg ein Sozialarbeiter für Asylbewerber gesucht wurde. Mohammad bewarb sich. Als Lehrer kann er in Deutschland nicht arbeiten, seine Ausbildung ist nicht anerkannt.

„Für die Bewerbung als Sozialarbeiter war sie als Nachweis jedoch hilfreich.“ Im Oktober 2015 fing er in Rheinsberg an, betreute vor allem Tschetschenen und Afghanen, half ihnen bei allen aufkommenden Problemen.

„Seit diesem Januar bin ich als Sozialarbeiter im Übergangswohnheim in Treskow tätig. Ich habe einen unbefristeten Vertrag bei den Ruppiner Kliniken und ein tolles Arbeitsklima“, freut er sich. „Es hat sich viel getan. Ich fühle mich viel besser als vor vier Jahren. Besonders meine Mädchen haben das erreicht, was ich wollte: Bildung.

Zurück kann er nicht

Sie sind am evangelischen Gymnasium.“ Später wollen sie studieren, Frauenärztinnen werden, um Frauen in entlegenen Winkeln der Erde zu helfen, erzählt der stolze Vater. „Manchmal fragen sie noch, Papa, wann gehen wir zurück?“, erzählt Shinwary und wirkt bekümmert. „Zurück können wir nicht. Unser Haus, das mein Großvater gebaut hatte, ist kaputt. Nach den Taliban kam der IS in unser Dorf.“

Seine Eltern und Geschwister haben er und seine Familie in den vergangenen sechseinhalb Jahren nur einmal gesehen. „2015 in Pakistan bei meiner Schwiegerfamilie. Das war ein großes Treffen.“

Seine Lieben in der Ferne sind stets in seinen Gedanken, seine Heimat auch. „Ich habe Sehnsucht nach meinem Dorf, wünsche mir manchmal das Leben von früher zurück.“ Deutschland sei gut, aber anders, sagt er: „Am Wochenende sieht man in Neuruppin niemanden auf der Straße. Alle sind drinnen unter sich. In Afghanistan sind die Menschen draußen.“

Viele glückliche Momente in Deutschland

Doch es gibt viele glückliche Momente für ihn in Deutschland. Einer dieser war, als er seine Einbürgerung bekam. Stolz zeigt Mohammad Anwar Shinwary seinen deutschen Ausweis. Wohnort Neuruppin, Geburtsort Nangarhar.

„Ich bin sehr zufrieden mit meinem Leben“, sagt er, während er an seinem Schreibtisch im Zweimannbüro sitzt. Dabei strahlt er wie die kleine Armagan. Mohammad hat keinen Schokoriegel bekommen, dafür dauerhaft Arbeit.

Von Anja Reinbothe-Occhipinti

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