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Neuruppin Zwischen Figur und Fiktion: Fontanes Frauen
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00:17 09.10.2018
Robert Rauh ist auf Fontanes Spuren unterwegs Quelle: Privat
Neuruppin

Viele von Fontanes Frauenfiguren „haben einen Knax weg“, so schrieb es einst der Dichter selbst. Er verliebte sich in seine Romanheldinnen weniger wegen derer Stärken als vielmehr um ihrer Schwächen willen. Ob Effi Briest, die Prinzessin Goldhaar oder Grete Minde. Sie alle haben eins gemeinsam:

„Es waren starke, unangepasste Frauen, mit Brüchen in der Biografie, die nicht mit dem herrschenden Zeitgeist und ihrem Schicksal haderten, sondern es vielmehr selbst in die Hand nahmen“, sagt der Historiker und Autor Robert Rauh, der sich einmal mehr auf die Spuren Fontanes begeben hat. Vor einem Jahr hat er seine eigene Sicht auf die im Sonderband der Wanderungen erwähnten fünf Schlösser in einem Buch herausgebracht. Nun also „Fontanes Frauen – Fünf Orte, fünf Schicksale, fünf Geschichten“.

Der Autor besuchte Schauplätze, Archive und fand sogar Zeitzeugen

Wie bereits in den „Fünf Schlössern“ hat Rauh die Schauplätze besucht, mit Menschen gesprochen, in Archiven gewühlt, sich durch Berge an Literatur gewälzt. Und wie im Vorgänger auch die Fontane’sche Historie mit den realen Orten und Menschen im Hier und Jetzt vermengt.

Er war in Berlin und Lindau, wo die wahre Effi Briest lebte – Pate für die wohl bekannteste Frauenfigur Fontanes stand Elisabeth von Ardenne. „Anders als die Effi ist sie nicht früh gestorben, sondern ist sehr alt geworden und hat nach ihre Scheidung einen bürgerlichen Beruf gelernt und im letzten Lebensdrittel mit einer Freundin in Lindau gelebt.“

Er hat den letzten lebenden Zeitzeugen aufgespürt, der Elisabeth von Ardenne noch kannte und sogar eine Widmung von ihr in seinem Konfirmationsbuch hat. Rauh hat mit Lisa Grünwald gesprochen, die das Grab der „wahren Effi“ pflegt. Warum? Sie hat ein sehr ähnliches Schicksal erlitten, hat Rauh erfahren und bekennt, dass er die wahre Effi spannender findet als die Romanfigur.

Die echte Effi Briest starb nicht jung – sie wurde 98 Jahre alt

„Sie beging Ehebruch, ja. Aber sie stand zu den Konsequenzen und hat sich nicht brechen lassen.. Das Heft des Handelns in die Hand genommen. Sie hat viele weibliche Fans“, weiß er. Sie sei es gewesen, die die Idee zum Buch gegeben habe.

„Ich habe zwar Effi selbst in der Schule gelesen und es später als Lehrer mit meinen Schülern behandelt“, sagt Rauh, der 2013 mit dem Deutschen Lehrerpreis geehrt wurde. „Aber die Initialzündung war, als ich bei einer Führung in Berlin hörte, dass Else von Ardenne die Vorlage für Effi war. Eine faszinierende Vorstellung.“

Er grub sich ins Thema, gemeinsam mit Menschen, die sich den Orten und Frauen verbunden und verpflichtet fühlen. „Mein Konzept ist es, über den topographischen Zugriff auf die Originalschauplätze die Geschichte der Frauen zu erzählen.“ Auf seine ganz ureigene Art.

Ist Fontanes Tochter freiwillig in den Tod gegangen?

Das zweite Kapitel dreht sich um Mete – Fontanes Tochter Martha, die als Vorlage für die Corinna Schmidt in „Frau Jenny Treibel“ diente. Angeblich habe sich Martha aus einem Fenster gestürzt? Glaubt Rauh an die Version? „Es gibt keinen Beweis. Und viele Indizien, die dagegen sprechen“, sagt er und glaubt selbst eher an einen Unfall. „Ich habe aber auch keinen Beweis – es ist nur eine Indizienkette.“

Rauh ist einer, der akribisch forscht, statt nur an der Oberfläche zu kratzen. Er sei nicht einfach nur nach Waren Marthas Villa gefahren: „Ich habe im Keller die Ferienwohnung gemietet und mit den Besitzern gesprochen“, sagt er. Er hat Dinge ans Tageslicht gebracht, die anderen Fontaneforschern, mit denen er auch im engen Kontakt stand, bislang verborgen geblieben waren.

Für seine Recherchen ist ihm kein Weg zu weit, kein Wasser zu kalt: Etwa das im märkischen Nirgendwo, wo er auf der Suche nach Mon Caprice war, dem See, in dem laut Fontane die Krautentochter immer geschwommen sei – eine von Rauhs Protagonistinnen. Allein den Ort zu finden, war eine Odyssee, bekennt Rauh.

Für das Grete-Minde-Kapitel durchstöberte er die Original-Gerichtsakte

„Ein Bewohner der Waldsiedlung behauptete, der Badetempel stand am Nordufer, ein anderer in der Seemitte. Mir war klar, das muss ich überprüfen“, sagt er und schmunzelt. Es war Anfang Mai, der See kalt und zugewuchert. Rauh war das egal, sein Forschergeist wärmte ihn. Er schwamm einfach drauflos. „Der See war in der Mitte flach, ich konnte stehen und alles ablatschen.“ Er hat einen Ziegelstein zutage gebracht – Alter und Herkunft werden derzeit geprüft.

Die Auswahl seiner Protagonistinnen hat Rauh bewusst gewählt: „Es sollten Frauen sein, die Fontane kannte aber auch welche, die er nicht persönlich traf wie die Gräfin Goldhaar. „Romanfiguren, Frauen, die er in den Wanderungen erwähnt hat. Und natürlich Frauen aus seinem eigenen Leben.“

Er bedauert, dass Fontane der schillernden Krautentochter mit ihren drei Ehen keinen eigenen Roman gewidmet hat. Er hat sich Grete Minde vorgenommen und zwangsläufig mit dem Thema Hexenverbrennung befasst – mit viel Glück durfte er die originale Gerichtsakte des authentischen Falles in Tangermünde einsehen. „Der Fall ist hochkomplex und schwer zu rekonstruieren“, sagt Rauh. „Was existiert, muss in Frage gestellt werden. Und es fällt schwer, ein Urteil zu fällen, ob sie schuldig war“, sagt er über die Frau, die für ihr Erbe tötete und brandstiftete – oder auch nicht.

Robert Rauh hatte bei seinen Recherchen viele Unterstützer

Zumindest kämpfte sie wie eine Löwin gegen das Unrecht. Ist sie Rauh sympathisch? „Nein, eigentlich nicht“, bekennt er. „Vieles in ihrer Biografie fand ich befremdlich – aber ich habe mich wie bei allen Figuren bemüht, wertfrei und mit kritischer Distanz zu schreiben.“ Der Leser solle sich selbst ein Bild machen dürfen – auch was Martha Fontane betrifft, die Rauh die härteste Nuss bei der Recherche zu knacken gab.

Anders als bei der Gräfin De La Roche Aymon: Bei Bernd Donner, dem „Lord Schlüsselbewahrer“ des Gutshauses Köpernitz, in dem die Gräfin Goldhaar einst residierte, lief Rauh offene Türen ein. Auch der ist im Buch erwähnt: „Ein Gräfin-Experte, der mich sehr unterstützt hat.“ Unterstützer hatte Robert Rauh viele: Kunstprofessoren und Museumsleiter, Stadtführer und Hobby-Historiker, Fontaneforscher und Leute aus der Tourismusbranche, ein Pfarrer, der auf der Suche nach Mon Caprice behilflich war. Ansonsten habe er sich auf seinen „Wanderungen“ nie verlaufen, sagt er.

Robert Rauh und Carmen Maja Antoni Quelle: Privat

Rauh ist klar, dass in den Wanderungen die Männer dominieren und Fontane somit keineswegs als Verfechter der Frauenrechte gelten könne. „Aber er hat es verstanden, die gebrochenen Biografien der Frauen authentisch zu erzählen. Und ihnen damit eine Stimme gegeben“, schwärmt er. „Noch wichtiger: Er hat ihnen Eigenschaften wie Mut, Intelligenz und Selbstbewusstsein zugestanden – Eigenschaften, die damals Männern vorbehalten waren.“

Kein Wunder also, dass Robert Rauh sein neues Buch in Neuruppin von einer starken Frau lesen lässt: Die Schauspielerin Carmen Maja Antoni. Rauh, der seit 2011 die „Schönhausener Schlossgespräche“ in Berlin mit Prominenten aus Kultur, Politik und Sport moderiert, hatte sie dort einst als Gesprächspartnerin. „Ich war sowohl von ihrer Stimme als auch ihrer Person fasziniert. Ihrem Humor und der Akribie, mit der sie sich auf ihre Rollen vorbereitet.“

Robert Rauhs Buch "Fontanes Frauen" Quelle: Privat

Am 18. Oktober, ab 19 Uhr liest Carmen Maja Antoni in der Lesereihe „Immer 18. bei uns“ aus Robert Rauhs „Fontanes Frauen“ in der Neuruppiner Fontanebuchhandlung. Die Karten sind bereits ausverkauft.

Von Regine Buddeke

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