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Neuruppin im Bombenhagel

Schüler forschen zum Kriegsende 1945 Neuruppin im Bombenhagel

Jugendliche vom Evangelischen Gymnasium in Neuruppin haben Zeitzeugen zum Kriegsende 1945 befragt. Dabei hörten sie erschütternde Geschichten. Am Donnerstag präsentierten die Schüler die Ergebnisse ihres Projektes im Neuruppiner Museum. Später sollen sie in Potsdam gezeigt werden.

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Die Zeitzeugen Dieter Exner und Magdalena Strahl (Mitte) mit dem Lehrer Karsten Voge (l.), den Schülern Salome Frenzel, Marc Wolf und Nils Duppel (v. l.), der Lehrerin Anke Schulz (2. v. r.) und Dorothea Leicht vom Museum Neuruppin (r.).

Quelle: Peter Geisler

Neuruppin. Dieter Exner hat heute noch ein Problem mit Flugzeugen. 70 Jahre nach dem großen Bombenangriff auf den Neuruppiner Bahnhof und den Flugplatz machen ihn Kondensstreifen am Himmel immer noch nervös. Er denkt wie damals: Es könnte ja sein, dass einer der Flieger auf dem Weg zur Reichshauptstadt schon vorher mal eine Bombe fallen lässt. „Die Angst ist immer noch da“, sagt der 83-Jährige Neuruppiner. Die Angst aus dem Luftschutzkeller in der Rosa-Luxemburg-Straße, die damals Markgrafenstraße hieß – damals am 20. April 1945.

Dieter Exner ist einer von drei Zeitzeugen, die Schülern des Evangelischen Gymnasiums in Neuruppin von früher erzählt haben. Salome Frenzel, Nils Duppel und Marc Wolf nehmen mit ihren Geschichtslehrern Anke Schulz und Karsten Voge an einem Projekt des Brandenburgischen Museumsverbandes teil. Seit Februar bereiten sie und andere Schülergruppen aus dem ganzen Land Brandenburg eine Ausstellung vor, die zunächst vom 7. August bis zum 4. Oktober im Potsdam­museum zu sehen ist und dann – nur der Neuruppiner Teil – im November im Neuruppiner Museum.

Für Salome Frenzel war das persönliche Gespräch etwas ganz anderes, als über die Ereignisse in einem Buch zu lesen. Die 17-Jährige sah Magdalena Strahl in die Augen, spürte die Gefühle der 95-Jäh­rigen, deren Angst von damals, als sie sich im Keller der Nervenklinik vor den Russen versteckte. „Hitler kaputt, alles nach Hause, Uri, Uri, Frauen“, hätten die gerufen. Magdalena Strahl hat ihre Erlebnisse wie die anderen Zeitzeugen auf Band gesprochen, so dass sie auch den Museumsbesuchern so unter die Haut gehen können wie den Evi-Schülern.

Aus diesen ein- bis eineinhalbstündigen Tonaufnahmen haben die Schüler drei kurze Episoden ausgewählt, um sie den Museumsbesuchern vorzuspielen. Magdalena Strahl erzählt von der Frau des Klinikdirektors und der Tochter des Oberpflegers. Die russischen Soldaten hätten sie mitgenommen und vergewaltigt. Die Frauen hätten danach Gift genommen, seien zum See gegangen und dort tot zusammengebrochen.

Dieter Exner erzählt, wie die Markgrafenstraße nach dem Bombenangriff aussah. Es gab keine Fenster mehr, ein Nachbarhaus war ganz zusammengestürzt, in seinem Haus hätten sie Geräte aus der eigenen Küche ein Stockwerk höher wiedergefunden. Die Druckwellen der Bomben waren unvorstellbar. Das Chaos könne heute keiner mehr ermessen: „Die ganze Gegend war weiß, als ob es geschneit hätte – das war der Kalk.“ Inmitten der Trümmer stand ein Bett, darin ein alter Herr, der krank war und es nicht in den Bunker geschafft hatte. Der alte Mann war seitdem schwerhörig, aber ansonsten unversehrt. Im Schutzkeller dagegen waren vier oder fünf Menschen bei dem Angriff gestorben. Angst um die elterliche Wohnung, sein Spielzeug? Dafür blieb kein Raum. Es ging ums nackte Leben. Hans-Hermann Degener von der Likörfabrik berichtet, wie seine Mutter noch schnell versuchte, 3000 Flaschen Volkssturmschnaps zu verkaufen – die Russen waren schneller und nahmen ihn, ohne zu bezahlen.

Die Schüler hatten zunächst versucht, ihre Großeltern zu befragen, doch die erzählten nicht viel von damals. Oft glaubten ältere Menschen, ihre Kinder und Enkel wollten die ollen Kamellen von damals sowieso nicht mehr hören, sagt Dieter Exner. Er findet, dass es etwas gibt, was jeder tun sollte: über sein eigenes Leben schreiben für die Kinder und Enkel. „Die sollen von ihrem Vater noch die Wahrheit wissen, wie ich gelebt habe“, sagt der 83-Jährige. Es seien so viele Geschichten vom Hörensagen unterwegs, auch in Neuruppin. Eigentlich wollten die Neuruppiner Schüler auch Alltagsgegenstände aus der damaligen Zeit zeigen – Soldatenhelme zum Beispiel, die nach dem Krieg zu Sieben umfunktioniert wurden, Doch solche Dinge haben die meisten Menschen längst weggeworfen.

Nun suchen Salome, Marc und Nils noch ein oder zwei weitere Zeitzeugen. Deren Aussagen wollen sie für die Neuruppiner Ausstellung verwenden.

Von Christian Schmettow

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