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Sitzen, hoffen, Däumchen drehen

Bomben bringen den Freitag der Neuruppiner durcheinander Sitzen, hoffen, Däumchen drehen

Es wird vermutlich nicht das letzte Mal gewesen sein, dass der Alltag der Menschen in Neuruppin durch eine Bombenentschärfung anders verläuft als gedacht.

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NEURUPPIN. Kaum fünf Minuten, nachdem die Sirene ertönt und der Sperrkreis aufgehoben ist, wollen alle den Bombenkrater sehen. Mitarbeiter des Ordnungsamtes, neugierige Kinder, Pressevertreter – sie alle eilen nach mehr als fünf Stunden Warten an den Gräbern des Evangelischen Friedhofs Neuruppin vorbei. Und an Bianca Wiegand.

Reglos steht die junge Frau vor einem bunt bemalten Grabstein. „Ich habe mir Gedanken gemacht, mein Baby war ja erst sechs Monate alt“, sagt Bianca Wiegand, die vergangenes Jahr ihr Kind beerdigen musste. Ungeduldig habe sie am Freitag auf einem Grundstück in der August-Bebel-Straße gesessen, als die zweite der beiden Bomben kontrolliert gesprengt wurde. „Wir hatten den Knall in den Beinen“, sagt Bianca Wiegand. Sofort stieg sie auf ihr Fahrrad. „Doch dann hat es noch ewig gedauert, bis die Sperren geöffnet wurden.“ Nun macht sie sich Sorgen, ob unter ihrem Sohn auch eine Bombe liegt.

„Nein, dass wir eine Bombe auf dem Friedhof entschärfen müssen, kommt wahrlich nicht so oft vor“, sagt Sprengmeister André Müller, der seit Jahren Bomben entschärft. Und er fügt hinzu: „Gott sei Dank.“ Dass am Freitagmittag der Herrgott im Spiel war, glaubt auch Friedhofsverwalterin Susann Fedchenheuer. Sie ist froh, dass nichts passiert ist: „Der Herr hat es gut mit uns gemeint auf dem evangelischen Friedhof.“ Seit Ende Oktober vergangenen Jahres wurden Probebohrungen auf dem Gelände an der Wittstocker Allee gemacht. „Natürlich waren manche der Angehörigen verunsichert, aber wir haben auf ein pietätvolles Arbeitsumfeld geachtet“, sagt Susann Fedchenheuer, die nun drei weitere munitionsfreie Grabfelder zur Verfügung hat – eine Gesamtfläche von 2,7 Hektar. „Wir haben aber noch nicht einmal 50 Prozent des Friedhofs abgesucht.“

Es wird also vermutlich nicht das letzte Mal gewesen sein, dass Andrea Liszka-Laabar und ihre Nachbarin Petra Lemke im Stadtgarten ausharren müssen. Das Veranstaltungshaus dient an diesem Freitag als Notunterkunft. Die beiden Frauen wohnen in unmittelbarer Umgebung des Friedhofsgeländes. „Zehn vor acht Uhr waren wir heute Morgen hier“, sagt Andrea Liszka-Laabar, die noch schnell die Fenster ankippte, bevor sie das Haus verließ. „Dann krachen die Scheiben nicht so leicht“, sagt sie. Ihr Haus verlassen musste auch die 78-jährige Annelore Kobel. „Die Füße wollen nicht mehr. Das war eine Quälerei, hierher in den Stadtgarten zu kommen“, sagt sie. „Ich hatte extra beim Fahrdienst angerufen, aber es kam niemand.“ Also ging sie zu Fuß von der Eichendorffsiedlung zum Stadtgarten. „Als ich hier war, bekam ich dann einen Anruf vom Fahrdienst“, sagt Annelore Kobel, die nun ein Brettspiel vermisst. „Mehr als Däumchen drehen kann man hier ja nicht.“

Am Freitag sind in Neuruppin zwei Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg unschädlich gemacht worden. Eine wurde entschärft, die andere gesprengt. 3000 Menschen mussten am frühen Morgen ihre Häuser verlassen. Alles klappte ohne größere Probleme. Unter den Hilfskräften und den Bewohnern war die Stimmung entsprechend entspannt.

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Gar nicht ungeduldig wirkt die dreijährige Lisa-Marie. Still sitzt das Mädchen auf dem Schoß ihrer Mutter Silke Erdmann. „Die Kita ist im Sperrkreis, die Wohnung der Oma und unsere auch. Da blieb nur der Stadtgarten“, sagt Silke Erdmann. Nach einem Bummel durch die Stadt gehen ihr die Ideen aus, wie sie ihre Tochter bespaßen kann.

Etwas anderes als zu warten, bleibt auch Carola Glaser nicht übrig. Ganz im strahlenden Orange des Bauhofes der Stadt Neuruppin gekleidet, sperrt sie die Kreuzung Scharländer- /Ecke August-Bebel-Straße. „Die Leute sind alle vernünftig, die Lage ist hier entspannt“, sagt Carola Glaser, die eigentlich im Büro des Stadthofes arbeitet. „Unser Gelände ist ja im Sperrkreis – wie meine Wohnung“, sagt die 57-Jährige.

„Die Arbeit ist mein Zufluchtsort“, sagt auch Ronald Bäskow. Er steht im Türrahmen seines Licht- und Hausgerätegeschäfts in der Karl-Marx-Straße. „Vor 9 Uhr hatte ich viele Kunden. Wahrscheinlich, weil alle raus mussten.“ Umso „komischer“ findet es Ronald Bäskow, dass gegen 10Uhr die Straßen wie leergefegt sind. „Wahrscheinlich sind alle im Reiz. Oder sie machen schon Wochenende.“ (Juliane Primus)

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