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Neuruppin Sogar ein Hauch Karibik
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15:50 14.06.2013
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RHEINSBERG

. Beide Festivals bieten eine Reihe hochkarätiger Konzerte. Wer sich alle anhören wollte, hatte ein Mammutprogramm vor sich.

Am Sonnabendmorgen herrscht buntes Markttreiben vor der Kirche. Am Rande des Platzes sammeln sich sieben junge Musiker. Schüler und Ehemalige der Kreismusikschule bringen ein Ständchen. „Die Musik ist querbeet“, sagt Leiter Lothar Dumann. Irische und englische Folklore sorgen dafür, dass die Leute stehen bleiben und lauschen. Immer wieder klimpern Münzen in den Hut. Dumann weiß gar nicht mehr, wie lange die Straßenmusik zu Pfingsten in Rheinsberg schon Tradition hat. „Gefühlte 30 Jahre“, sagt er und erinnert sich, dass er früher auf dem Platz sogar eine Bühne hatte. Dass das Wetter etwas verregnet ist, stört ihn kaum. „Die Leute freuen sich, klatschen, singen. Es sind nicht weniger als sonst.“ Mehr als 80 Euro finden sich am Ende im Hut, die Musiker sind zufrieden.

Der „Jazz im Hof“ muss infolge des Dauerregens in einen spontan akquirierten „Jazzkeller“ ausweichen. Im Speisesaal ist der junge Ausnahme-Musiker Lukas Natschinski zu erleben. Der 18-Jährige ist der jüngste Sohn des Komponisten Gerd Natschinski, der mit zahlreichen Musicals und Filmmusiken eine bekannte Größe in der DDR war. Lukas hat sich dem Jazz verschrieben. Mit einem flockig leichten Boogie eröffnet er das Konzert. Seinem Vater widmet er die Bearbeitung eines Stücks aus dem Film „Ein Lord am Alexanderplatz“, Musik von Gerd Natschinski aus dem Jahr 1967. Paganinis „Caprice 24“ adaptierte Lukas für das Piano – so wie der Teufelsgeiger ist auch er furios an seinem Instrument. Kaum kann man den schnellen Läufen folgen, die mit kleinen Melodietrillern überlagert werden. Atemlos klingt es, eine wunderbare Symbiose von Klassik und Jazz. Ein wenig melancholischer sein Versuch, „My way to live“ zu illustrieren, dennoch voller Kraft und orchestraler Klangfülle. Sein Ragtime indes versetzt einen in die Welt des großen Gatsby: Man spürt förmlich die wippenden Straußenfedern. Lukas zur Seite steht an den Percussions bei einigen Stücken der ehemalige Renft-Drummer Thomas Bürkholz – eine Kostprobe für das gemeinsame Konzert am 14. Juni in Rheinsberg. Die 50 Zuhörer sind hin und weg – bei der Zugabe gibt Lukas Natschinski einen drauf und demonstriert, dass er nicht nur einhändig Klavier, sondern gleichzeitig mit der anderen Gitarre spielen kann.

Währenddessen arbeiten bei einem Workshop acht Komponisten im Schlosstheater an ihren Stücken. Titel wie „Treppentanzen“, „Ich“, „Äther“ und „Jenseits von Ruhe“ versprechen eine spannende Auseinandersetzung mit dem Thema, eine kreative Umsetzung in Klänge. Mitglieder des Ensembles Mosaik spielen die Stücke auf der Bühne. Im Zusammenspiel mit Werkstattleiter Helmut Zapf und den jungen Kreativen wird gefeilt, verbessert, inspiriert – um am Abend beim Konzert die Jury zu überzeugen. Der Jüngste in der Runde ist Lewin Kneisel mit seinem Konzert für Querflöte und Klavier. Der Elfjährige lernt an einem Berliner Musikgymnasium. Mit drei Jahren erhielt er seinen ersten Flötenunterricht, später kam das Klavier hinzu, jetzt fasziniert ihn die Klarinette – die möchte er später beruflich spielen. Dass er selber komponiert, ist eher Zufall. „Ich habe immer am Klavier rumgeklimpert“, sagt er. „Komponieren konnte man das noch nicht nennen.“ Dann erhielt er Unterricht für Komposition. „Zuerst war ich sehr klassisch“, sagt er. Dann sei Krzysztof Penderecki, ein zeitgenössischer Komponist, an seiner Schule gewesen. Das habe ihm die Neue Musik nahe gebracht. Am Workshop fasziniert ihn die kreative Atmosphäre. „Wir schreiben, hören uns alles an, analysieren. Und erhalten Verbesserungsvorschläge.“

Steeldrums vertragen keinen Regen. Das Konzert beim Karneval der Kulturen am Sonnabend in Berlin musste die Tin Pan Alley Steelband deshalb streichen. Einen Tag später strahlt in Rheinsberg die Sonne über dem Schlossgarten – mit dem See im Rücken und sommerlichen Temperaturen steht locker-unbeschwertem Karibikflair nichts im Wege. Die zwölf Steeldrummer lassen die Schlegel fliegen, die spezielle Bauart der Fass-Trommeln lässt auch – ähnlich wie beim Xylophon – Melodien zu. Die Geschichte der Instrumente basiert auf den Kriegshinterlassenschaften der Amerikaner in der Karibik. Die Insulaner experimentierten damit, verfeinerten die Fässer. Der Boden des Fasses wird kunstvoll mit dem Eisenhammer eingebeult und von unten wieder zurückgehämmert. Je nachdem, wo man den Schlegel setzt, lassen sich auf einem Fass unterschiedliche Töne erzeugen. Das „Tunen“ der Fässer ist eine Kunst, die auf Trinidad nur wenige beherrschen.

Steelbands sind ähnlich aufgebaut wie Orchester, sortiert nach Basslagen und höheren Tönen. Die größten Steelbands der Welt passen kaum in ein Stadion – Tonaufnahmen sind hier aufgrund der Größe nicht mehr möglich. Auch der Musik sind keine Grenzen gesetzt – es gibt Wettbewerbe, wo Steelbands klassische Musik von Schostakowitsch bis Beethoven „steeldrummern“. Die Tin Pan Alleys bleiben am Sonntag dem musikalischen Ursprung jedoch weitestgehend treu. Ob eine Straßensamba aus Trinidad, ein Medley aus der Oper „Carmen“, der „Mambo No. 5“ oder „Sieben Fässer Wein“ – es ist Gute-Laune-Musik, die in die Beine geht. Viele Gäste wippen mit, tanzen gar. Andere lümmeln gemütlich auf dem Rasen, entspannen und denken sich den exotischen Tropen-Cocktail dazu. Ein Wermutstropfen im locker-flockigen Feeling sind einzig die schlosseigenen Ordnungshüter, die die Gäste von den Rasenflächen vertreiben – schon fühlt man sich wieder in Preußen statt auf Jamaica.

Spätabends wird jeder Tag mit einem Schwanengesang ausgeläutet. Im Wasser des Schlosskanals schwimmen illuminierte Schwäne, schaffen eine zauberische Atmosphäre. Melancholische Klavierfantasien von Liszt und Schubert perlen durch die laue Nacht, bevor zu einer modernen Schwanensee-Adaption ein weißer Schwan zum Wasser schwebt und sein Lied tanzt – Romantik pur. „Wenn ein Schwan singt, schweigen die Tiere“, heißt es im bekannten Lied von Karat. Und während die junge Ballerina Marie Heinicke dieses Lied ins Mikrofon singt, schweigen auch die Zuschauer am Ufer. (Von Regine Buddeke)

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