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Neuruppin Wladimir Kaminer las im Neuruppiner Hangar
Lokales Ostprignitz-Ruppin Neuruppin Wladimir Kaminer las im Neuruppiner Hangar
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00:21 14.03.2019
Russendisko-Kultautor Wladimir Kaminer liest im Neuruppiner Hangar 312 Quelle: Regine Buddeke
Neuruppin

Der riesige Hangar ist voll bis auf den letzten Platz. 320 Leute – für eine Lesung! Das muss man erst mal schaffen. Wladimir Kaminer jedenfalls hat eine Menge Fans. Entsprechend laut ist der Beifall, als der Russendisko-Autor federnden Schritts zur Bühne eilt.

„Habe ich überhaupt schon einmal in Neuruppin gelesen?“, fragt er mit seinem umwerfenden Akzent und knarzt das H und rollt das R, wie es nur ein Russe kann. Ja? Aber das müsse mindestens zehn Jahre her sein. „Wo waren wir damals stehengeblieben?“, fragt er knapp und die Zuhörer lachen. Das werden sie im Laufe des Abends noch sehr oft tun – teilweise so laut, dass man es nur noch als schenkelklopfend und tränenlachend bezeichnen kann.

Kaminer will eigentlich sein 25. Buch – Ohs und Ahs im Publikum – vorstellen. „Die Kreuzfahrer“ heißt es und handelt nicht von Menschen mit Schwertern und Rüstung auf Pferden, sondern jenen, die im Hawaiihemd mit einem Drink an der Reling eines Ozeanriesen abhängen. Aber wer Kaminer kennt, weiß, dass das so nicht läuft.

Der Neuruppiner Hangar 312 ist voll bis hinten. Quelle: Regine Buddeke

Der Wahlberliner, der auch ein Refugium im ruppinischen Vielitz hat, wie er plaudernd erwähnt, ist ein Gut-und-gerne-Plauderer. Und kommt bei seinen witzigen, ausschweifenden Verbal-Eskapaden stets von Hölzchen aufs Stöckchen.

Er beginnt mit seinen Kindern, über die er früher oft geschrieben hat. Die seien nun erwachsen: „Von außen zumindest“, gesteht er. Erneutes Gelächter. Die Tochter etwa, die irgendwas mit Genderstudies studiert. „Wir wissen nicht, was sie studiert. Sie weiß es auch nicht. Und ihre Profs tun wenigstens so, als ob sie es wüssten.“ Und Sohnemann? „Er sucht sich immer noch“, windet sich Kaminer.

Das sei soweit okay – aber der Filius suche am falschen Ort. „Zuhause – zwischen Küche und Computer. Was soll er da finden?“ Seine Oma – die würde gern für ein Jahr nach Australien gehen. „Das ist das Dilemma“, klagt er. „Die einen können alles und wollen nichts – die anderen wollen alles und können es nicht mehr.“ Oma wird halt 87. Und wartet, dass ihre Enkel zum Geburtstag kommen. Freiwillig!

Mit Theatralik und viel Lust am skurrilen Detail. Quelle: Regine Buddeke

Kaminer liest und schildert das diesbezügliche Telefonat mit der Tochter. Die ihrerseits ihren stressigen Tag erzählt zwischen Uni, Ohrpiercing, Kellnern und dem Fahrlehrer, der sie als eine geborene Bremserin mehr rügte als lobte. Dazwischen Kaminers zaghafte Versuche, das Kind zur Oma-Visite zu bewegen. Rotkäppchen sei schließlich auch freiwillig mit Kuchen zu Oma gegangen.

Pah, schnappt das Kind: Wohl eher, weil ihre alleinerziehende Mutter sie gezwungen habe. Dazu das völlig uncoole Käppchen. Bloß damit die Oma sie erkenne. Oft könne sie ihre Oma ja wohl kaum besucht haben, wenn sie sie mit dem Wolf verwechselt habe. Kaminer gerät in Fahrt – er liest sich in theatralisches Pathos, die russische Seele bricht sich Bahn. Auch wenn er selbst diese für einen Mythos hält.

Fazit: Nicole war bei der Oma, frisch gepierct und mit grünblauen Haaren. Und traf auf Omas mörderische Maine Coon. „Wer solche Katzen hat, braucht keine Wölfe mehr“, resümiert Kaminer und wendet sich dem Thema des Abends zu. „Herrlich wie er immer abschweift. Und dann noch dieser Akzent. Ich bin schon das dritte Mal bei einer seiner Lesungen – ja, ich bin ein Fan“, schwärmt die Neuruppinerin Antje Schaupeter in der Pause.

Wladimir Kaminer signiert seine Bücher. Quelle: Regine Buddeke

Weitschweifig blumig holt Kaminer aus, als wolle er die Welt umarmen. Macht er auch gewissermaßen – indem er die besagten Kreuzfahrer durch die Ozeane schippern lässt. Er war, so erklärt er, von der Aida für drei Lesungen engagiert worden und habe sofort zugesagt. „Sehr leichtsinnig“, weiß er nun. „Normalerweise gehen meine Zuhörer nach der Lesung nach Hause.“

Nicht auf einem Kreuzfahrtschiff. Die Lesung habe quasi fünf Tage lang gedauert – kein Entkommen. Kaminer schildert den Bordalltag plastisch-blumig. Keiner wollte vom Schiff – Trump hatte gerade die Wahlen gewonnen, die Aida wurde zum Luftschutzbunker. „Wenn die Welt schon untergeht, dann wenigstens mit Elan“, hieß die Devise. „Stößchen!“

Kaminer sinniert über die riesige Aida Nova: „10 000 Leute passen da drauf.“ Irgendwo habe er gelesen, dass die Stadt Ueckermünde ob des Klimawandels vom Schicksal Vinetas bedroht sei. „Ueckermünde hat etwa 10 000 Einwohner“, spinnt er feinstes Arche-Noah-Garn.

Der Bücherstand ist in der Pause dicht umlagert. Quelle: Regine Buddeke

Mit ausufernder Fantasie und viel Liebe zum skurrilen Detail schildert er Kreuzfahrers Landausflüge. Er zeichnet seine Mitreisenden als feine Karikaturen und verpasst – ungeachtet der Nation – jedem sein Fett: den Griechen, den Russen, den Schwaben und den Brandenburgern. Er staunt über schnorchel-verkeilte Hobbytaucher und die Frage, ob man auf der Insel Sachalin auch tauchen könne. „Kann man, wenn man ein Eisbär ist“, habe seine Frau diplomatisch geantwortet.

Kaminer parliert über seine Berliner Gartenparzelle – auch diese schon in einem Buch verarbeitet. Aus der er rausflog wegen spontaner Vegetation. In Vielitz sei das anders – da könne jeder vegetieren, wie er wolle. Er plaudert über Duftkäfer und philosophiert über Grabinschriften. Und liefert final noch vier Merkmale, aus denen sich ableiten lasse, dass die Kinder tatsächlich erwachsen sind.

„Kreuzfahrer“ ist Kaminers 25. Buch

Erstens: Sie haben einen Leitz-Ordner, wissen, wo die Pässe sind und machen eine Steuererklärung. Zweitens: Das Interesse an Billig-Fusel sinkt – sie trinken Riesling und zwar als Schorrr-le, rollt er angewidert-amüsiert. Drittens: Sie essen Oliven. Und zuguterletzt: Die alten Träume landen im Keller. Kaminer walzt das weidlich aus – zum Brüllen komisch – und schließt mit: „Wir werden das Schlauchboot reparieren und durch Brandenburgs Seen schippern. Wir werden singen und kotzen und die Leitzordner versenken.“

Der Applaus ist riesig: Kaminer muss noch eine Zugabe bringen. Das tut er gern: Über Oma und Enkelin beim Rolling-Stones Konzert in der Waldbühne.

Von Regine Buddeke

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