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Neuruppin Gefangene produzieren Radiosendung
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17:33 08.10.2018
„Ich bin hier, um meine Klischees zu vergessen“: Moderatorin Marion Brasch im Gespräch mit Gefangenen. Quelle: Frauke Herweg
Wulkow

Sie blödeln rum. Sie frotzeln. Schon in der Vorstellungsrunde beginnt einer zu erzählen. Von der Drogenabhängigkeit, der dreijährigen Tochter und der Zeit im Knast.

Nachdem Gefangene der Justizvollzugsanstalt Wulkow im vergangenen Jahr eine eigene Radiosendung produziert haben, geht das Projekt „Haftradio“ jetzt in seine zweite Runde. Fünf Gefangene arbeiten derzeit an einer Sendung, die in wenigen Wochen zu hören sein soll. Thema des Podcasts: der Alltag im Knast.

Gegen die Klischees über den Knast

Die Sendung soll aufräumen mit Klischees über das Leben hinter Gittern. Zugleich sollen die Radiobeiträge den Gefangenen eine Stimme zu geben. In selbst geführten Interviews und Beiträgen wollen sie über Freundschaften im Gefängnis, über die Regeln im JVA-Alltag und die Erfahrung des Freiheitsverlustes berichten.

Zwei Medienpädagogen vom Berliner Verein Metaversa begleiten das im September gestartete Projekt. Denn „Haftradio“ soll auch journalistisches Handwerk vermitteln – das Wissen etwa, wie man eine Sendung schneidet. Am Montag besuchte Radiomoderatorin Marion Brasch zudem das Projekt. Gemeinsam mit den Gefangenen wollte sie über das Radiomachen plaudern.

Zufällig zum Radio

Brasch selbst ist Ende der 80er Jahre eher zufällig zum Radiomachen gekommen. Als Sängerin einer Band war sie von einem Radiosender interviewt worden. Als sie dabei erfuhr, dass der Sender Musikredakteure sucht, bewarb sie sich. „Die haben damals alles genommen, was nicht bei Drei auf dem Baum war“, sagt Brasch. Zwei Fragen hatte sie im Bewerbungsgespräch beantworten müssen. Wie heißen die Mitglieder der Stones? Was ist der Unterschied zwischen Dur und Moll?

Für das Gespräch mit Brasch haben die Gefangenen eine Fragenliste vorbereitet. Doch aus dem Interview wird schnell ein Gespräch. Auch Brasch – kurze Haare, roter Lippenstift, derbe Stiefel – hat Fragen. Nach dem Leben nach dem Knast etwa. Nach den Wünschen und Sehnsüchten der Gefangenen.

Angst vor dem Leben danach

„Man hat Angst, wenn man rauskommt“, sagt ein 27-Jähriger. Seit einem Jahr sitzt er in Wulkow in Haft. Ein halbes Jahr noch muss er bleiben. Vor seiner Verhaftung hat er als Drogendealer in guten Zeiten viel Geld verdient. „Schuhe für 400 Euro waren kein Problem“, sagt er. Ob er eine Arbeit findet, wenn er rauskommt, ist unklar. Er hat Angst, nicht klar zu kommen.

Viele seiner Freundschaften haben den Knast nicht überstanden. Früher hatte er mit seinem Drogengeld Freunde mitfinanziert. Die meisten melden sich heute nicht mehr. „Man weiß jetzt, wer Freunde sind.“

Die Einschulung seiner Tochter verpasste er

Doch nicht nur Freundschaften leiden. Die Einschulung seiner Tochter hat er verpasst, weil er im Knast saß. Ihre ersten aufregenden Wochen in der Schule auch. „Ich verliere hier drinnen Zeit“, sagt er. „Die kann man nicht nachholen.“

Anstaltsleiter Wolf-Dietrich Voigt hofft, dass die Zeit im Gefängnis keine verlorene Zeit ist. Er versteht „Haftradio“ auch als Chance für die Häftlinge. Wer mitmacht, muss sich öffnen und verletzlich zeigen. Das ist ein Bruch mit dem, was die jungen Männer ansonsten im Knast erleben. Denn das Leben im Knast verlangt eigentlich Härte. „Knast und Gefühle passen nicht zusammen“, sagt Voigt. „Gefühle zeigen heißt Schwäche zeigen.“

Neue Wege im Strafvollzug

Mit Projekten wie „Haftradio“ versucht Voigt neue Wege im Strafvollzug zu gehen. Vor einiger Zeit schon ermöglichte das Wulkower Gefängnis einem ausgesuchten Teil seiner Gefangenen ein Leben in Wohngruppen, um die Männer besser auf ein selbstständiges Leben in Freiheit vorzubereiten (MAZ berichtete). Auch „Haftradio“ soll die sozialen Fähigkeiten der Teilnehmer stärken. „Wir brauchen mehr Angebote, wir brauchen andere Angebote, wir brauchen kreative Angebote.“

Im vergangenen Jahr hatten die Teilnehmer von „Haftradio“ ihre Sendung vor 60 Leuten präsentieren können. Eine gute Erfahrung für die noch unerfahrenen Radiomacher, so hofft Thomas Kresse, der in der JVA für die Personal- und Organisationsentwicklung zuständig ist. „Sie erleben erstmals, dass man erfolgreich sein kann, ohne kriminell zu sein.“

Anders als bei der ersten Sendung soll die Premiere der zweiten „Haftradio“-Ausgabe nicht im Gefängnis gefeiert werden. Die Radiomacher wollen ihre Beiträge Ende November in der Neuruppiner Puschkin-Schule präsentieren. In der Aula der Schule wollen sie mit den Heranwachsenden über das Leben vor und im Knast reden. Im besten Falle warnen sie Neunt- und Zehntklässler vor den Gefahren eines kriminellen Lebens.

Von Frauke Herweg

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