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Ein Opfer politischer Gewalt

Tödlicher Angriff auf Emil Wendland in Neuruppin wird neu bewertet Ein Opfer politischer Gewalt

Der Fall des 1992 im Neuruppiner Rosengarten erstochenen Obdachlosen Emil Wendland wird neu bewertet. Wissenschaftler des Moses-Mendelssohn-Zentrums Potsdam kommen nach dem Durchsehen aller Unterlagen zu dem Schluss, dass Wendland ein Opfer politischer Gewalt wurde. Skinheads hatten sich zum „Pennerklatschen“ verabredet und Wendland im Rosengarten überfallen.

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Die Gedenktafel für Emil Wendland im Neuruppiner Rosengarten.

Quelle: Peter Geisler

Neuruppin. Er schlief auf einer Parkbank im Rosengarten, als Neonazis über ihn herfielen und schließlich töteten. Die Gruppe junger Rechtsextremer war damals zum so genannten Pennerklatschen verabredet. Als Opfer politisch motivierter Gewalt tauchte Emil Wendland dennoch nie in den Statistiken des Landes auf. Das soll sich, so die Ankündigung von Innenminister Karl-Heinz Schröter, ändern. Der tödliche Überfall auf den Neuruppiner Obdachlosen soll künftig doch als politisch motiviert eingestuft werden.

Schröter stützt sich auf eine Studie des Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrums, das im Auftrag des Brandenburger Innenministerium 24 umstrittene Todesfälle noch einmal untersucht hat. Im Falle des am 1. Juli 1992 in Neuruppin getöteten Emil Wendlands sahen die Wissenschaftler das gesamte Gerichtsverfahren noch einmal durch. Sie lasen die damaligen Presseberichte und führten Hintergrundgespräche mit Neuruppinern. Ihr Votum ist eindeutig: „Der Fall muss natürlich als politisch motiviert eingestuft werden“, sagt der Projektleiter Christoph Kopke. „Da gibt es wenig dran zu deuten.“

Entscheidend für Kopke ist, dass sich die Angreifer damals ganz gezielt verabredet hatten. Zudem seien die Täter „ganz klar“ der rechtsextremen Szene zuzurechnen gewesen. „Sie hatten so ganz bestimmte Reinheitsfantasien“, sagt Kopke. In ihrem sozialdarwinistisch geprägten Gesellschaftsbild habe es keinen Platz für Obdachlose gegeben. „Sie fanden Obdachlose eklig.“

Polizisten würden den Fall Emil Wendlands inzwischen einem politisch motivierten Verbrechen zuordnen, glaubt Kopke. In den 90er Jahren jedoch habe eine „verengte Definition“ von politisch motivierten Gewalttaten gegolten. „Als politische Delikte wurden damals ausschließlich Staatsschutzdelikte verstanden, die etwa auf das Überwinden der gesellschaftlichen Ordnung ausgerichtet warten“, sagt der Politikwissenschaftler. Heute würden Feindbilder, von denen sich Täter leiten ließen, ganz anders berücksichtigt.

Kopke und seine Kollegen hatten in den vergangenen zwei Jahre in Brandenburg insgesamt 24 Todesfälle aus den Jahren 1990 bis 2008 untersucht, die möglicherweise doch als rechtsextremistisch motiviert gelten müssen. Bei acht Gewalttaten kamen sie zu einer Neueinschätzung. Einen neunten Fall – den Übergriff auf einen marokkanischen Asylbewerber Belaid Bailal in Beelitz - würden sie ebenfalls als politisch motiviert einstufen. Das Opfer war an den Spätfolgen des Überfalls gestorben. Bei der Polizei war der Fall als Körperverletzung geführt worden, nicht als Tötungsdelikt.

Im Falle des russischen Spätaussiedlers Kajrat Batesov kamen die Wissenschaftler jedoch zu keinem anderen Urteil. Der 24-Jährige, der erst seit einem halben Jahr in Freyenstein lebte, war in der Nacht zum 4. Mai 2002 vor einem Wittstocker Lokal mit Faustschlägen, Tritten und einem 17 Kilo schweren Feldstein traktiert worden. Er erlag später seinen schweren Verletzungen.

Anders als bei Emil Wendland sei die rechtsextreme Gesinnung der Täter nicht so eindeutig erkennbar gewesen, sagt Kopke. Zwar hatte die Staatsanwaltschaft damals einen rechtsextremen Hintergrund nicht ausgeschlossen. Kopke spricht jedoch von einer „sehr verwirrenden Gemengelage.“ Vor ihren Auftritten im Gericht hätten sich die der Techno-Szene zugehörigen Täter abgesprochen, so dass ihre politische Motivation im Dunkeln blieb. „Das war eine Mauer des Schweigens.“

Von Frauke Herweg

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