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Neuruppins Richter Wegner geht in Ruhestand

Ein Mann für klare Fälle Neuruppins Richter Wegner geht in Ruhestand

Gert Wegner hat in den vergangenen 15 Jahren wohl die spektakulärsten Fälle am Landgericht Neuruppin verhandelt: Er hat die Mörder von Maike Thiel verurteilt, die Mitglieder der XY-Bande hinter Gittern gebracht und über Missbrauchsfälle entschieden. Am Freitag hat der 65-Jährige seinen letzten Arbeitstag.

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Richter Gert Wegner schon mal in Zivil.

Quelle: Andreas Vogel

Neuruppin. Gleich sein erster großer Fall als Chef der Großen Strafkammer am Landgericht Neuruppin landete zur Prüfung vor dem Bundesgerichtshof – und das oberste deutsche Gericht bestätigte die Bewährungsstrafen, die Gert Wegner gegen zwei frühere DDR-Staatsanwälte wegen Rechtsbeugung im Fall des DDR-Regimekritikers Robert Havemann verhängt hatte. „Das war ein Ritterschlag“, sagt Wegner. Der gebürtige Meißner hat am Freitag seinen letzten Tag im Neuruppiner Landgericht. Dann geht er in den Ruhestand. Der Jurist fühlt sich zwar mit 65 fit genug, noch zwei Jahre dran zu hängen. „Aber das lässt das Richtergesetz nicht zu.“

Wegner hat in den vergangenen 15 Jahren die wohl spektakulärsten Strafprozesse in Neuruppin geführt. Er hat die Mörder von Maike Thiel verurteilt, die Mitglieder der XY-Bande hinter Gittern gebracht und über Missbrauchsfälle entschieden. Niemals allein, stets mit zwei Berufsrichtern und zwei Schöffen. „Ich bin sehr dankbar, in meiner Kammer immer Bedenkenträger gehabt zu haben.“ Wohl auch deshalb hat der fast zwei Meter große Jurist das Gefühl, bei keiner seiner unzähligen Verurteilungen falsch gelegen zu haben. „Im Zweifel gab es immer einen Freispruch“, sagt Wegner.

Erst wollte er Psychologie studieren

Dass er überhaupt Jura studiert hat, war eher ein Zufall. Zunächst hatte Wegner, der seine ersten Kinderjahre in der Nähe von Ludwigsfelde verbracht hatte und 1957 mit seinen Eltern nach Westberlin geflüchtet war, Probleme in der Westberliner Schule. Dann wollte er Psychologie studieren. Ein paar Schulkameraden überzeugten ihn, es mit Jura zu probieren. Wegner stimmte zu. „Als Jurist kann man selbst sicherer im Leben stehen.“ Er studierte an der Freien Universität in Berlin, dachte an ein Leben als Rechtsanwalt und landete bei seinem Referendariat am Amtsgericht Spandau – und wurde dort eines Besseren belehrt. „Als Rechtsanwalt muss man Kaufmann sein. Das steckt nicht so in mir“, sagt Wegner. Also wurde er Richter, zunächst am Amtsgericht Spandau, dann beim Landgericht Berlin. „Das war der Härtetest schlechthin“, sagt der Vater von vier Kindern. Denn bei der sogenannten Berlin-Kammer hatte er auch über Schäden in Millionenhöhe zu befinden, die durch den Bau der U-Bahn entstanden waren, weil Mietshäuser absackten.

Nach einem kurzen Zwischenspiel am Amtsgericht Wedding kam Wegner zum Amtsgericht Tiergarten und kümmerte sich in der Strafabteilung ebenfalls um Verkehrsvergehen sowie drei Jahre um Drogendelikte. Er bezeichnet sich zwar selbst als ein „fast waschechter Westberliner“, doch er wollte raus aus der Stadt. Raus aufs Land. „Irgendwohin, wo es schön ist.“ So landete Wegner in Neuruppin, erst für vier Jahre am Amtsgericht, dann für ein Jahr am Oberlandesgericht in Brandenburg und schließlich ab 1999 am Landgericht in Neuruppin.

Bekannt für seine schlagfertigen Sprüche

Wegner mag keinen seiner großen, schweren Fälle hervorheben. „Jeder hat seine eigene Facette.“ Doch der Prozess gegen die Neuruppiner XY-Bande, bei dem es um Drogenhandel, Glücksspiel und Steuerhinterziehung ging, war schon etwas Besonderes. Immerhin gilt er nach wie vor als das bisher größte Verfahren gegen die organisierte Kriminalität in Ostdeutschland: Neun Angeklagte, 18 Verteidiger, das Verfahren zog sich über eineinhalb Jahre. „Der Saal war voll. Man wurde ständig attackiert“, sagt Wegner. Beirren ließ sich seine Kammer dadurch nicht: Das Gericht verurteilte die acht Haupttäter 2006 zu Freiheitsstrafen zwischen drei und zwölf Jahren. Zwar gingen zwei Bandenmitglieder vor den Bundesgerichtshof in Revision, aber ohne Erfolg. „Der Fall hat die restliche Arbeit blockiert“, sagt Wegner. Mehr nicht. Dabei ist er bei Anwälten, Kollegen und Verteidigern für seine trockenen, schlagfertigen Sprüche bekannt. Aber auch dafür, dass er pressescheu ist und keine Deals zwischen Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Gericht mag. „Das sind meist Zugeständnisse, die an der Grenze des Zumutbaren liegen.“ Nur bei Wirtschaftsverfahren hat Wegner für Deals ein gewisses Verständnis, weil diese sonst häufig schlecht aufklärbar seien.

Entspannung von seinen schwierigen Fällen hat der Lindower oft bei der Fernsehserie „Mord mit Aussicht“ gefunden. Über die Episoden von einem Landpolizeirevier kann er sich köstlich amüsieren. Zudem liest er gern Bücher des Briten Ken Follett. „Der hat eine angenehme Art, Geschichte zu erzählen.“ Dafür hat Wegner ab Sonnabend ebenfalls mehr Zeit wie für seinen Job als Chef der Jagdgenossenschaft Schönberg und als Vorsitzender des Lindower Segelvereins. „Das Segeln habe ich erst hier entdeckt.“ Es bleibt also keine Zeit für Langeweile. Schließlich will er auch seiner Frau im Segelladen helfen. Zudem ist er bald dreifacher Großvater.

Von Andreas Vogel

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