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Neustadt Die geheimnisvolle Ritter-Mumie
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13:28 05.07.2018
Seit über 300 Jahren liegt Kahlbutz in der Gruft. Quelle: Anja Reinbothe-Occhipinti
Kampehl

Ein paar Stufen runter und schon steht der Besucher in der Gruft der Kampehler Dorfkirche, ein Feldsteinbau aus dem 13. Jahrhundert. Zusammengefallen und mit lederner Haut, aber immer noch gut als Mensch zu erkennen, liegt dort in seinem Original-Sarg Ritter Christian Friedrich von Kahlbutz als Mumie. Auch Kalebuz genannt.

Seit 316 Jahren ruht er in der Kirche in Kampehl, einem Ortsteil von Neustadt, nackt, nur mit Tuch über der Hüfte, neben sich einen seiner Schuhe – und verwest nicht. Am fast kahlen Schädel sind noch Härchen zu erkennen.

Die Dorfkirche in Kampehl, in der sich die Gruft von Ritter Kahlbutz befindet. Quelle: Anja Reinbothe-Occhipinti

„Wo sind seine Augen?“, fragt ein Grundschüler, der zusammen mit seinem Bruder und Großeltern die Gruft besucht. „Die Augen sind eingetrocknet“, sagt Hubertus Schünemann. Seit fünf Jahren arbeitet der fast 76-Jährige in der Dorfkirche, hat sich viel zum Ritter Kahlbutz angelesen und erzählt Besuchern in etwa 20 Minuten über dessen mysteriöse Mumifizierung.

Junge Frau klagte gegen Kalebuz

„Im Jahr 1690 erschlug er den Schäfer Pickert aus Bückwitz. Seine Verlobte hatte sich Kalebuz verweigert. Als Gutsbesitzer hatte er das Recht der ersten Nacht.“ Gesehen hatte den Mord niemand. Aber alle im Dorf wussten, er war ein jähzorniger Mensch und nur er konnte es gewesen sein. „Die junge Frau klagte Kalebuz an. Es kam zum Prozess. In dessen Verlauf leistete der Gutsherr Reinigungseid und sprach sich von dem Verdacht des Mordes frei.

In seinem Schwur soll er die Worte hinzugefügt haben: Wenn ich der Mörder war, dann wolle Gott, dass mein Körper nach meinem Tod nicht verwese.“ Das tat er dann auch nicht. In gut erhaltener Pracht liegt Ritter Kahlbutz bis heute mit seinen 1,70 Meter im Holzsarg unter Glas. „Der damalige Pfarrer Schnee begrub ihn nicht, da er ein Mörder war. Mörder kommen nicht in Gottes Erde, soll er gesagt haben“, weiß Hubertus Schünemann.

Ein biologisches Rätsel

Als 24-Jähriger Fähnrich, wurde Kalebuz einst am Knie verwundet, aber nicht schlimm, als er die Schlacht bei Fehrbellin gegen die Schweden mitmachte. Im Alter von 52 Jahren starb er dann an einem Blutsturz und 1783 das letzte männliche Familienmitglied. Das Rittergut ging in neuen Besitz über. 1794 wurde die Kirche von Kampehl renoviert und man wollte wie üblich die Särge im Gruftanbau beisetzen. In einem befand sich die Mumie von Ritter Kahlbutz, erzählt Hubertus Schünemann, und man staunte nicht schlecht: „Es ist ein biologisches Rätsel, das er seit über 300 Jahren Wissenschaft und Medizin aufgibt.“

Der Arzt Rudolf Virchow untersuchte die Mumie 1895 zum ersten Mal. „Daher stammt das Loch in der rechten Brustseite“, sagt der Kahlebutz-Experte. „Er stellte fest, dass noch alle Organe vollständig erhalten sind, jedoch klein und vertrocknet.“ Leberproben hätten nichts ergeben, was zur Mumifizierung geführt haben könnte. Ebenso ergebnislos verliefen Untersuchungen weiterer Professoren. Das letzte Mal wurde Kalebuz 1983 in der Charité von Berlin untersucht – ohne neue Erkenntnisse.

Die rätselhafte Mumie von Ritter Kahlbutz lockt nicht nur Ärzte, Wissenschaftler oder Gerichtsmediziner, sondern Jahr für Jahr viele Touristen. Die Bezeichnung „Ritter“ bezieht sich übrigens auf seine Angehörigkeit zur märkischen Ritterschaft.

Bis zu 200 Leute besuchen pro Tag Kalebuz

„Über 10 000 Besucher sind es im Jahr. Von März bis Oktober haben wir geöffnet“, sagt Dorit Geu, Sekretärin im Pfarramt Köritz, das Kirche und Gruft unterhält. Vier bis 200 Leute können es pro Tag sein. Manchmal kommen auch unverhofft viele auf einen Schlag, sagt Hubertus Schünemann: „Letztes Jahr im November hatte sich plötzlich eine Reisegesellschaft aus Schleswig-Holstein mit Bussen und 180 Personen für einen Tag angekündigt. In Gruppen habe ich sie durchgeführt. 25 Leute passen in die Gruft.“

Allesamt waren so begeistert, wie die beiden kleinen Feriengäste am Sarg jetzt auch, die neugierig die Totenmütze inspizieren. Die Oma erzählt: „Unsere Enkel kommen aus Thüringen, wir aus Sachsen-Anhalt. Wir waren vor 40 Jahren schon einmal in der Gruft, mit unseren eigenen Kindern. Damals musste man klingeln und dann kam jemand.“

Auch Gäste aus Südamerika, Japan oder Kanada

Viele Gäste reisen von weiter her an, aus Bayern, dem Rheinland, Schwarzwald, aber auch aus Schweden, Dänemark, Südamerika, Japan oder Kanada, meint Hubertus Schünemann: „Aus der Gegend kommen die wenigsten Menschen. Und wenn dann mal, weil sie selber Besuch haben und etwas Außergewöhnliches zeigen wollen.“ Dabei ist Kampehl jederzeit ein schönes Ausflugsziel mit Schloss, Töpferhof und Restaurants.

Ritter Kahlbutz sei bei Urlaubern eine große Attraktion, bestätigt auch Annett Scholz vom Tourismusbüro in Kyritz: „Viele fragen bei uns nach der Adresse, und wie sie zur Gruft in Kampehl kommen.“ Eine gute Straßenbeschilderung fehle, bemängelt Hubertus Schünemann. Dann würden vielleicht noch mehr Besucher die kleine Kalebuz-Gruft in Kampehl aufsuchen.

Zu diesen Zeiten ist geöffnet

Juni bis September geöffnet, Mittwoch bis Sonntag von 11 bis 16 Uhr. Erwachsene zahlen 3 Euro, Kinder bis 16 Jahre 1 Euro, Kinder bis 6 Jahre nichts. Mehr Infos www.kalebuz.de.

Von Anja Reinbothe-Occhipinti

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