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Neustädter Pferdeexperte gefragt in aller Welt

Pferdezucht Neustädter Pferdeexperte gefragt in aller Welt

Jürgen Müller ist als Pferdeexperte gefragt in aller Welt. Der frühere Neustädter Landstallmeister jettet um den Erdball, um Spitzenpferde zu bewerten – zum Beispiel die Tiere von schwer reichen Kataris, die ebenfalls eingeflogen werden.

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Der Pferdeexperte Jürgen Müller vor seinem Haus in Neustadt.

Quelle: Wolfgang Hörmann

Neustadt. Die Sonne über Katar brennt erbarmungslos vom Himmel. Im Emirat gibt es kein hitzefrei. Die Männer in ihren hellen Gewändern und verspiegelten Brillen kennen nichts anderes. Wohl aber der Einzelne, der vor einem mit schneeweißen Planken abgeteilten Areal steht. Sie sind zu einem Dreieck zusammen geführt. Unser Mann schützt den Kopf mit einem Strohhut. Die Sonnenbrille gehört zu seiner Ausstattung wie das Klemmbrett in der Hand. Er ist in gespannter Erwartung. Ein halbes Dutzend Kameras erfassen das Gatter. Alle sehen jetzt – ein einziges Pferd.

Jürgen Müller ist Fachmann für Araber-Pferde

Unser Mann ist aus Deutschland eingeflogen worden, um dessen Qualität zu bewerten. Er ist Zuchtrichter. Jürgen Müller kommt aus Neustadt an der Dosse und gilt wie seine anderen vier Kollegen aus Italien, Schweden, Großbritannien und Polen als anerkannter Fachmann für Araber-Pferde. Er wird in den nächsten Stunden Punkte vergeben. Das ist wie Zeugnisvergabe vor den Sommerferien, dauert mit einer Woche nur ungleich länger. Die etwa 200 Pferde reicher Kataris durften ebenfalls in Flugzeugen aus zumeist europäischen Gestüten zum Schaulaufen einfliegen. Der Vergleich mit einer Miss-Wahl drängt sich auf. Nur hier ist der Laufsteg aus Sand.

Sie sollen sich also begutachten lassen, zuerst im Stand von allen Seiten, dann am Zügel im leichten Trab. Je höher die Punktzahl, desto wertvoller ist das Pferd – nicht nur für die Zucht, sondern auch für den Verkauf. Außerdem ist für den Champion oder die Championess bei dieser Schau ein Preisgeld von bis zum 100 000 Euro drin. Alles hängt allein von der Bewertung ab.

Hengst Kolibri im Jahr 2006 – das Tier  wurde ein Legende, ihm ist in Neustadt sogar ein Denkmal gesetzt worden

Hengst Kolibri im Jahr 2006 – das Tier wurde ein Legende, ihm ist in Neustadt sogar ein Denkmal gesetzt worden.

Quelle: Hans-Werner Thormann

Das Interesse an der Veranstaltung der katarischen Pferdezuchtverbände ist enorm. Sie wird live im Fernsehen übertragen. „Das ist hier so, als würden Bayern München und Borussia Dortmund die Saison in der Fußball-Bundesliga eröffnen“, sagt Jürgen Müller. Ein Weltreisender in Sachen Pferd, Spezialgebiet Araber. Der Flieger brachte ihn schon oft nach Katar, auch nach Bahrein, den Iran, Dubai und Palästina oder nur „vor die Haustür“ nach Belgien, Frankreich, in die Niederlande oder nach Österreich.

Müllers Name steht im „Blauen Buch“

Müllers Name steht im „Blauen Buch“. Das klingt nach schwerem Wälzer, ist aber nur eine eher mickrige Broschüre. Herausgeber ist die European Conference of Arab Horse Organisations, kurz ECAHO, jene kontinentale Organisation, die sich professionell mit der vollblütigen Araberzucht beschäftigt. Das Büchlein in hellem Blau enthält die Namen von Männern und Frauen, die sich mit der Qualität jener Rasse auskennen, die wahrscheinlich schon seit über 5000 Jahren gezüchtet wird. Solche Zweibeiner, die ihre Qualitäten bewerten können, gibt es deutschlandweit nur ein Dutzend mal. Dementsprechend häufig gehen Anfragen auch bei Jürgen Müller ein. Allerdings bisher selten aus Deutschland.

Denn bis vor wenigen Monaten ging Müller am Brandenburgischen Haupt- und Landgestüt immer dann ans Telefon, wenn nach dem Landstallmeister verlangt wurde. Er war als Direktor verantwortlich für rund 60 Frauen und Männer, die mit edlen Hengsten und Stuten so sorgsam umgehen, wie mit dem liebsten Haustier.

Müller war 31 Jahre Chef in Neustadt

Müller war dort 31 Jahre der Chef. Das ließ sich mit Bewertungen im eigenen Land schlecht unter einen Hut bringen. Der einzige Grund: Die Möglichkeit, von Neustädter Pferden abstammende Nachfahren begutachten zu müssen, hätte objektive Urteile verhindern können.

Seit geraumer Zeit ist nun ein anderer Müller Landstallmeister – Uwe Müller. Sein Vorgänger genießt nach 31 Jahren an der Spitze des preußischen Traditionsgestüts das Rentnerdasein. Dabei ist die Reiselust ungebrochen. Viele schöne Erinnerungen stacheln sie immer wieder an. Sein größtes Erlebnis liegt mittlerweile vier Jahre zurück. „Ich war in die USA eingeladen worden. In Pennsylvania stellten Züchter aus den Staaten die besten Pferde der Ostküste, vom Fohlen bis zu Zwölfjährigen, uns Zuchtrichtern vor. Wir waren zu dritt, wie gewöhnlich ohne jegliche Kenntnis über Herkunft, Eigentümer, Hausgestüte der Tiere. Bei den Kleinsten siegte am Ende ein Stutfohlen, dessen Vater ein Neustädter Hengst ist. Die Erklärung dafür ist einfach. Wir hatten Sperma von ‚Quarterback’ nach Amerika verkauft. Seine hervorragenden Anlagen brachten nun der Kleinen einen triumphalen Erfolg. Ich war platt.“ Jürgen Müller steht heute noch zu den Freudentränen, die beim ihm damals flossen.

Kolibri wurde sogar ein Denkmal gesetzt

Mit seinen Vererben konnte sich das Neustädter Gestüt schon immer rühmen. „Kolibri“ vorneweg. Ihm wurde letztlich sogar ein Denkmal gesetzt. Der Name des Hengstes lenkt etwas vom Wesen des Schimmels ab.

Kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Berufsleben interviewte Antenne Brandenburg den scheidenden Landstallmeister eine ganze Stunde lang. Dabei spielten natürlich auch seine reiterlichen Fähigkeiten eine Rolle. Müller konnte punkten, schließlich saß er bei etlichen Reitjagden selber kerzengrade im Sattel. Allerdings hatte er sich einmal bei der Wahl des Pferdes vergriffen. „Kolibri „ sollte es sein. Unbedingt. „Es war mein Ehrgeiz, ihn zu reiten“, gestand der 66-Jährige dem Moderator am Mikrofon. Das Pferd hörte davon natürlich nichts. Es hätte nachträglich schadenfroh gewiehert. Dabei folgte es seinem Reiter – zunächst, bis den Schimmel der Hafer stach.

Mannshohe Hecke im Sprung genommen

Der Hengst galoppierte plötzlich da los, wo die Gangart völlig unangemessen war. Eine mannshohe Hecke wurde in kühnem Sprung genommen. Sein Reiter machte den größten Satz seines Lebens, blieb aber im Sattel. Dem Interviewer im Radio, der nun wissen wollte, ob ihm sonst irgend was passiert sei, verriet der Pferdemann, „nichts, bis darauf, dass ich mir mein Patengeschenk verbeult habe.“ Damit konnte der verdutzte Journalist wenig anfangen.

Das Interview war beendet. Der Mann mit dem Doktortitel hätte noch so einiges in petto gehabt. Zum Beispiel: Um promovieren zu können, beschäftigte er sich mit dem Thema „Selektionsparameter in der Sportpferdezüchtung der DDR“. Dafür mussten 1000 Pferde, jedes an gut zwei Dutzend Stellen, vermessen werden, die vorher mit Pflaster zu markieren waren.

„Ich bin mit dem Motorrad monatelang unterwegs gewesen, auf dem Rücken ein langes Futteral für Messstock, Widerristmaß und andere Geräte. Unterwegs haben mich viele freundlich gegrüßt, die in mir entweder einen Angler oder einen Jäger vermuteten. Ich grüßte zurück. Wenn die gewusst hätten ...“, erinnert sich ein lachender Rentner. Dass er „nebenbei“ mit seiner Frau Christine in Neustadt das „St. Georg“ führte, ein Hotel, das einen Hausmeister mit Doktortitel besaß und mittlerweile von Sohn Marc geführt wird, hätte vielleicht auch noch Antenne-Hörer interessiert. Die Müllers haben gut zwei Jahrzehnte selbst hier gewohnt, dann aber noch einmal gebaut. Im Vorgarten ihres Hauses steht – natürlich ein Pferd.

Von Wolfgang Hörmann

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