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Originale Sessel von Kurt Tucholsky geschenkt

Rheinsberg Originale Sessel von Kurt Tucholsky geschenkt

Zwei besondere Sessel hat das Rheinsberger Tucholskymuseum jetzt vom Erben des Literaturkritikers Fritz J. Raddatz geschenkt bekommen. Die Möbelstücke gehörten einst dem Ehepaar Mary und Kurt Tucholsky – und verströmen bis heute die Aura der Authentizität.

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Auf diesem Sessel hat Kurt Tucholsky vermutlich so manche Lesestunde verbracht. Nun befindet sich das Möbelstück im Rheinsberger Literaturmuseum.

Quelle: Celina Aniol

Rheinsberg. Sonnenvergilbter Stoff. Einmal im hellen Flaschengrün, dann im zurückhaltendenem Braun. Die Holzmaserung der beiden Sessel, an vielen Stellen abgestumpft – wohl von den Ellbogen beim Lesen. Das Design: klassisch und etwas konservativ. Allerdings mit Herzchen an den Seiten, die wie ein Augenzwinkern wirken. Die Polsterung – nun ja, schlicht durchgesessen, aber immer noch einladend. Der Lümmeltraum für lange Leseabende schlechthin. Die Aura: einmalig.

Man muss nur leicht die Augen zusammenkneifen – und schon sind sie da: Kurt Tucholsky, der in dem grünbespannten Sessel sitzt, seinen Hut lässig über die Lehne gehängt. Er grübelt gerade über einem Text, streicht kräftig an seinem Manuskript. Mary, seine Ehefrau, kauert mit eingezogenen Beinen mit einem aufgeschlagenen Buch auf dem anderen Polsterstück – und kräuselt leicht die Stirn.

Das Kopfkino ist los. Dass zwei Möbelstücke es so einfach auslösen können, grenzt an Zauberei – ist aber kein Wunder. Bei den beiden Sesseln handelt es sich um Sitzgelegenheiten der besonderen Art: Sie sollen vor fast einhundert Jahren dem Ehepaar Tucholsky gehört haben. Erst am Montag hat Peter Böthig sie – und das hätte dem zuweilen zynischen Autor sicher gefallen – mit dem Transporter des städtischen Bauhofs nach Rheinsberg geholt. In Sylt war der Leiter des nach dem Publizisten der Weimarer Zeit benannten Literaturmuseums deswegen – und ist nun sichtlich bewegt, wenn er über die Sessel spricht. Selbstredend stehen in seinem Museum einige Originale. Der Schreibtisch des Schriftstellers zum Beispiel, ein Stuhl, ein Regal, ein Koffer. „Das Authentische ist aber immer besonders“, sagt Böthig.

Dass die Sessel, die dem Museum von Gerhard Bruns-Raddatz geschenkt wurden, tatsächlich Tucholsky benutzt hat, steht für ihn außer Zweifel. Bruns-Raddatz war der Lebenspartner und ist der Erbe des Literaturkritikers Fritz J. Raddatz. Dieser wiederum war der erste Herausgeber der Werkausgaben von Tucholsky, für Böthig „die Tucholsky-Autorität“ schlechthin – und ein enger Freund von Mary Gerold, die von 1924 bis 1928 Tucholskys Ehefrau und später seine Alleinerbin war. Sie vermachte Raddatz ihren Privatnachlass nach ihrem Tod 1987. Seitdem standen die Sessel auf Sylt. Dass sie nun nach Rheinsberg kamen, ist ebenfalls kein Zufall – und zwar auch, aber nicht nur des Museums wegen.

Er sei mit Fritz J. Raddatz „fast befreundet“ gewesen, so Böthig. Der Literaturkritiker, der auch die Kurt-Tucholsky-Stiftung leitete, hat die Institution schon oft mit Schenkungen bedacht. So erhielt das Museum von der Stiftung zum Beispiel frühe Tucholsky-Ausgaben aus den 50er bis 70er Jahren. „Raddatz war ein wohlhabender Mann, aber ich habe ihn auch als sehr großzügig kennengelernt“, sagt der Museumsleiter.

Auch sein Erbe zeigte sich nun großherzig. Denn neben den Sesseln schenkte er dem Museum auch noch einen kleinen Druck und Raddatz’ Leselampe. Das Bild, das Pelota-Spieler im Baskenland zeigt, hat das Ehepaar Tucholsky auf seiner Reise durch die Pyrenäen erstanden. Auf der Rückseite hat Mary Gerold handschriftlich vermerkt, dass der Druck aus Lourdes stammt.

Im Moment befinden sich die Dinge noch im Depot des Museums. „Wir müssen noch ihre Geschichte aufschreiben“, sagt Böthig. Danach sollen sie in einer kleinen Sonderausstellung gezeigt werden. Dafür sucht der Museumsleiter nun fieberhaft nach Dingen, die mit den Sesseln und dem Druck im Zusammenhang stehen. Die passende Stelle für das Pelota-Spiel hat er schon im Pyrenäenbuch Tucholskys gefunden. Dass er aber Aufnahmen findet, die Kurt Tucholsky in einem der Sessel zeigt, hält er für unwahrscheinlich. „Es gibt nur sehr wenige Innenaufnahmen von ihm.“ Macht nichts. Das Kopfkino läuft auch so.

Von Celina Aniol

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