Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / -3 ° Regen

Navigation:
Ortsvorsteher hat Hausverbot in Asylunterkunft

Nicht jeder darf Flüchtlingen helfen Ortsvorsteher hat Hausverbot in Asylunterkunft

Asylbewerber aus Syrien und Afghanistan leben neuerdings im Haus Birkenhain nördlich von Rheinsberg. Nachbarn aus der kleinen Siedlung Heimland sind hilfsbereit, geben ihnen Deutschunterricht und laden sie zum Kinonachmittag ein. Auch der Ortsvorsteher Walter Luy (CDU) wollte helfen, der er darf das ehemalige Wellnesshotel nicht mehr betreten.

Luhme Heimland 53.176514560132 12.813062667847
Google Map of 53.176514560132,12.813062667847
Luhme Heimland Mehr Infos
Nächster Artikel
Minderjährige Flüchtlinge ins Schullandheim

Von außen deutet nichts darauf hin, dass das Haus Birkenhain am Kapellensee heute kein Wellnesshotel mehr ist.

Quelle: Christian Schmettow

Luhme. Das Erste, was man sieht, sind Kinder. Sie fahren auf Dreirädern übers Gelände. Ihr fröhliches Jauchzen ist das einzige Geräusch in der Stille. In Heimland bei Luhme leben jetzt fast so viele Flüchtlinge wie Einwohner: 27 Menschen. Vier Familien aus Syrien und zwei Familien aus Afghanistan. Doch man sieht sie kaum. Es hängt keine Wäsche aus den Fenstern. Niemand lungert auf der Straße herum und verschreckt die Touristen. Vom See kommt ein südländisch aussehender Mann mit zwei kleinen Mädchen. Ja, er sei aus dem Libanon hierher gekommen, sagt er – aber vor 30 Jahren. Es ist ein Urlauber aus Berlin.

Es kommt vor, dass Leute zum Haus Birkenhain fahren, um einen Tisch für Silvester zu buchen. Im Glaskasten hängt immer noch die Speisekarte: Zander aus Zippelsförde, Saalower Kräuterschwein und Linumer Wiesenkalb.

Ein Polizeiwagen fährt durchs Dorf – das einzige Auto in dieser Stunde.„So klingt Ruhe“, wirbt ein Schild. Nur am Eingang des Hotels hängt ein Zettel: „Liebe Gäste, unser Hotel ist aus betrieblichen Gründen geschlossen.“

Gerüchte halten sich hartnäckig

An den Stammtischen hält sich hartnäckig ein Gerücht: Flüchtlinge hätten sich in Luhme geweigert, aus dem Bus zu steigen, als sie sahen, dass sie mitten im Wald untergebracht werden sollten. „Wir wollen in die Stadt“ hätten sie gesagt. So schlecht könne es denen dann ja wohl nicht gehen.

Der Kreistagsabgeordnete Freke Over (Die Linke) kennt die Geschichte. Sie habe nichts mit Heimland zu tun, versichert er. Das sei im März gewesen – und es betraf keine Busladung, sondern die Insassen eines Ruftaxis. Weil ihre Wohnung in Neuruppin nicht fertig geworden war, sollte eine Familie übers Wochenende in Freke Overs Ferienland bei Luhme untergebracht werden. Es war dunkel, es regnete, und die Flüchtlinge waren noch keine 48 Stunden in Europa. Ganz einfach aus Angst habe sich der Vater geweigert, mit seiner Familie mitten im Nirgendwo auszusteigen, erinnert sich Freke Over.

Das ehemalige Wellnesshotel ist jetzt zum Wohnheim für vier Familien aus Syrien und zwei Familien aus Afghanistan geworden

Das ehemalige Wellnesshotel ist jetzt zum Wohnheim für vier Familien aus Syrien und zwei Familien aus Afghanistan geworden.

Quelle: Christian Schmettow

Das ehemalige Wellnesshotel „Haus Birkenhain“ ist noch abgelegener als das Ferienland Luhme. Doch die Stille stört den Syrer Samir überhaupt nicht. „Es ist sehr gut hier“, sagt er auf Englisch. „Es ist sicher.“ Daheim in Damaskus war er Manager einer weltweiten Modekette. Seine Frau arbeitete an der Universität. Für die fünf Kilometer von seinem Haus zur Arbeit habe er zuletzt drei, vier Stunden gebraucht – wegen der Heckenschützen, der Granatwerfer, der Bomben-Flugzeuge, sagt er. „Das war kein Vorort – das war in Damaskus!“, sagt er. Hoffnung, zurückkehren zu können, hat er nicht. Einen Monat war er mit seiner Frau und seinem Sohn unterwegs nach Deutschland. Aus Angst um Verwandte in Syrien möchte sich die Familie lieber nicht fotografieren lassen. Für die Nachbarn in Heimland hat Samir nur gute Worte: „Das sind keine guten Menschen – das sind großartige Menschen“, sagt er. Nicole und Jürgen würden ihnen bei allem helfen. Nicole wohnt ein paar hundert Meter vom Haus Birkenhain entfernt. Sie hat eine Firma in Berlin und möchte lieber nur ihren Vornamen in der Zeitung lesen. Nicht alle ihre Kunden finden Flüchtlinge gut.

Muslime besuchten den christlichen Gottesdienst

Die Einwohnerversammlung in Zechlinerhütte Ende September habe ihr Angst gemacht, sagt die Geschäftsfrau. Nicht wegen der Flüchtlinge, sondern wegen der Stimmung, die da aufgebaut wurde. „Aber die Angst verschwindet, wenn das Grauen ein Menschengesicht bekommt“, sagt sie. Nicole und ihre Kinder geben den Flüchtlingen nun Deutschunterricht – von Jugendlichen für Jugendliche. Es gibt Kinonachmittage (deutsche Filme mit arabischen Untertiteln), andere gehen mit den Flüchtlingen spazieren, und die 27 neuen Nachbarn aus Heimland – allesamt Muslime – seien sogar der Einladung zum christlichen Gottesdienst gefolgt – so viel zur Islamisierung des Abendlandes. Syrisch-kurdische Musiker seien dabei gewesen. Nicole empfindet die Fremden als Bereicherung, aber sie räumt ein, dass sich vor allem solche Luhmer engagieren, die wie sie selbst aus West-berlin zugereist und an fremde Kulturen gewöhnt sind. Alteingesessene fahren eher mal vorsichtig am Heim vorbei und trauen sich nicht so recht hinein. „Dabei bekämen sie dort bestimmt eine Umarmung und einen Kaffee“, sagt Nicole.

Der Ortsvorsteher muss draußen bleiben – aber sein Sohn hilft

Walter Luy (CDU) wollte als Ortsvorsteher vor zwei Wochen die Flüchtlinge in Heimland begrüßen. Doch der Eigentümer schickte ihn vom Gelände und erteilte ihm Hausverbot. Luy habe sich in der Einwohnerversammlung in Zechlinerhütte negativ über den Käufer der Hotels geäußert, so die Begründung. Die Zechlinerhütter Ortsvorsteherin dagegen darf die Heime betreten und mit den Flüchtlingen basteln. Walter Luy wandte sich an den Landkreis als Mieter der Heime – nur der könne ihm doch das Betreten verbieten, sagt Luy. Die Behörde habe auf seine Anfrage nicht reagiert. Luy muss nun draußen bleiben. Aber sein 16 Jahre alter Sohn gehe mit den Flüchtlingen spazieren, sagt der Ortsvorsteher. Freke Over sieht Grenzen für die Helfer: Wenn wirklich mal 90 Flüchtlinge in Heimland leben sollten, dann stoße das Engagement ans Limit. Dann sei der Deutschunterricht ehrenamtlich nicht mehr zu leisten. Wie aber sonst? Ein Recht auf Integration haben nur anerkannte Asylbewerber.

Der Reporter ist schon am Auto, da kommt Samir noch einmal auf die Straße gelaufen. Er will noch etwas sagen: „Wir danken der Regierung und dem Volk von Deutschland!“

Von Christian Schmettow

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostprignitz-Ruppin

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg