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Projekt „Haftradio“: Sound aus dem Knast

Wulkow Projekt „Haftradio“: Sound aus dem Knast

Gefangene aus der Justizvollzugsanstalt Wulkow produzieren ihre eigene Radiosendung. Das Bildungsprojekt soll die Männer auf ein Leben nach dem Knast vorbereiten. Profis unterstützen sie dabei. Zuletzt kam Radiomoderator Knut Elstermann vorbei.

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Radio-Moderator Knut Elstermann (Mitte) kam nach Wulkow, um den Gefangenen Tipps zur Interviewführung zu geben.

Quelle: Peter Geisler

Wulkow. Kein Theater spielen. Nicht krampfhaft Hochdeutsch sprechen. Radio-Moderator Knut Elstermann hilft den Gefangenen aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wulkow mit ganz praktischen Tipps weiter. Zunächst aber macht der durch eine Kinosendung bekannte Journalist den Radioneulingen ein dickes Kompliment. „Das, was ich hier gehört habe, könnte man genau so senden.“

Seit sechs Wochen arbeiten Häftlinge aus Wulkow an einer eigenen Radiosendung. Immer dienstags trifft sich eine Gruppe von bis zu acht Gefangenen, um gemeinsam mit dem Medienpädagogen und Filmemacher Daniel Abma und seiner Kollegin Kirsten Mohri Beiträge zu produzieren. Der Radio-Podcast soll Einblicke in die Welt hinter Gittern geben und zugleich mit gängigen Klischees aufräumen. Die ersten Beiträge aus dem Projekt “Haftradio“ sind inzwischen fertig.

Lügen für die Kinder

„Hochzeit hinter Gittern“ schildert, dass eine Hochzeitsnacht im Gefängnis eher ein Hochzeitsnachmittag ist. In einem Interview erzählt ein Vater, wie er seinen noch kleinen Kindern seinen Knastaufenthalt zu verheimlichen versucht. Über seine Lebensgefährtin lässt er ihnen ausrichten, er sei im Krankenhaus. „Ich habe Angst, ihnen die Wahrheit zu sagen“, sagt er.

Am Anfang, so der Vater am Rande des Workshops mit Elstermann, habe er von dem Projekt wenig erwartet. Dann wollte ein Mitgefangener einen Beitrag über seine Hochzeit machen. Und auch die anderen Häftlinge schlugen plötzlich sehr persönliche Themen vor. Das große Thema für die Sendung war geboren: „Beziehungen“.

„Wir kennen uns hier“, sagt der Vater, der sich für das Interview zur Verfügung stellte. Auch deshalb war er bereit, von sich zu erzählen. „Es ist für die Leute da draußen“, sagt er. Und irgendwann später einmal für seine Kinder.

Das Konzept für die erste Sendung steht bereits

Das Konzept für die erste Sendung steht bereits.

Quelle: Peter Geisler

Filmemacher Daniel Abma ist beeindruckt, „wie stark“ die von den Häftlingen vorgeschlagenen Themen sind. „Das finde ich außergewöhnlich.“ Für seinen Film „Nach Wriezen“, eine Dokumentation über das Leben von drei straffällig gewordenen Jugendlichen nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis, hatte der gebürtige Holländer den Grimme-Preis bekommen. Mit der Lebenssituation der Häftlinge ist Abma, der als Sozialpädagoge selbst in der JVA Wriezen gearbeitet hat, bestens vertraut. Für das „Haft­radio“ nutzte Abma seine persönlichen Kontakte und konnte neben anderen Profis auch Knut Elstermann nach Wulkow holen.

Ziel des Bildungsprojektes „Haft­radio“ ist es, die Häftlinge im Umgang mit Medien fit zu machen und so auch auf ein Leben nach der Haft vorbereiten. „Haftradio“ soll Raum geben zum Nachdenken und sinnvolles Freizeitangebot sein. „Wir wollen, dass Leute in Bewegung kommen“, sagt Thomas Kresse, der in der JVA für die Personal- und Organisationsentwicklung zuständig ist.

Fehlende berufliche Orientierung

In den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren haben sich die Gefangenen der JVA Wulkow geändert. Immer häufiger, so Kresse, hätten die Gefangenen keine berufliche Orientierung, immer öfter kämpften sie mit psychischen Problemen. „Haftradio“ soll den Gefangenen deshalb Möglichkeiten eröffnen, eigene Fähigkeiten zu entdecken und Selbstvertrauen vermitteln.

„Es ist beeindruckend, wie sehr die Gruppe sich gegenseitig beflügelt hat“, sagt Psychologe Marcus Melzer. Nach den ersten Treffen lud die Gruppe weitere Gefangene zur Mitarbeit ein. Häftlinge, die rappen oder Gitarre spielen können, sind inzwischen auch mit im Team. Eine erste Idee für eine Erkennungsmelodie wurde bereits vorgestellt – „Ruppich – der Sound aus dem Knast“.

Anders im Gruppenalltag

Die Arbeit am „Haftradio“, sagt Melzer, habe die Gefangenen verändert. Es gibt weniger Misstrauen, weniger Zurückhaltung. „Das hat so einen therapeutischen Touch bekommen“, sagt er. „Sie sind im Gruppenalltag anders.“

Bis Mitte Dezember soll die Sendung, die später für Gefangene und deren Angehörige und für wenige Tage auch öffentlich zu hören sein soll, fertig sein. Bis dahin müssen alle Beiträge geschnitten und die Moderation entwickelt sein. Die ursprüngliche Idee, die Sendung mit drei Leuten zu moderieren, verwarf die Gruppe wieder. „Zu schwierig, wie sollen die Leute da mitbekommen, wer da jeweils redet?“, hatte sie Elstermann gewarnt. Am vergangenen Dienstag hatte der Radio-Profi Tipps gegeben, wie die Moderationsneulinge ihre Zuhörer sicher durch eine Sendung geleiten können. „Bleibt ganz ehrlich bei euren Erfahrungen“, riet er ihnen. „Das wird sonst ganz schnell Theater.“ Auch Wiederholungen sollten tabu sein. „Ihr sollt neugierig machen, aber nicht den Beitrag wiederholen.“

Zuvor hatten sich die Projektteilnehmer Tipps zur Interviewführung geben lassen. Der vielleicht Wichtigste: „Interesse zeigen“. Manche Interviewpartner – das weiß Elstermann aus Erfahrung – „haben jede Frage schon mal gehört“. Der einzige Weg, zu ihnen vorzudringen, sei eine echte Bereitschaft zuzuhören und wirkliche Neugier.

Ideen für eine Fortsetzung gibt es bereits

Wenn irgendwie möglich, würde Thomas Kresse das Projekt gerne fortsetzen. „Wir würden Haftradio gerne als Bildungsmaßnahme etablieren“, sagt er. Erste Ideen für eine Fortsetzung, also für eine zweite Sendung, haben die Gefangenen schon entwickelt. Nach dem Thema „Beziehungen“ könnte das Thema „Arbeit“ folgen.

Von Frauke Herweg

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