Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Ostprignitz-Ruppin Promi-Talk mit Gregor Gysi
Lokales Ostprignitz-Ruppin Promi-Talk mit Gregor Gysi
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
02:19 10.03.2018
Lange Schlange: Dutzende Zuhörer ließen sich in der Pause ein Exemplar des Buches signieren – etliche baten den Politiker auch um ein gemeinsames Selfie. Quelle: Regine Buddeke
Anzeige
Rheinsberg

Dass Anwälte einen besoffen reden können, ist bekannt. Politikern wird dasselbe nachgesagt. Gregor Gysi ist beides. Dass er ein eloquenter Redner ist, hat er über Jahrzehnte unter Beweis gestellt – nicht immer zum Vergnügen seiner jeweiligen Gesprächspartner. Als Ikone der Linken – von SED über PDS bis hin zu „Die Linke“ – hat er sich nie gescheut, Stachel im Fleisch zu sein. Jetzt hat Gregor Gysi ein Buch geschrieben: „Ein Leben ist zu wenig“ heißt es. Im rappelvollen Rheinsberger Schlosstheater sprach er darüber – mit Podiumspartner Hans-Dieter Schütt, dem ehemaligen Chefredakteur des FDJ-Zentralorgans ‚Junge Welt‘ und späteren Feuilletonredakteur bei der Linken-Zeitung ‚Neues Deutschland‘.

Charmanter Plauderer mit politischer Vision: Gregor Gysi (l.) steht seinem Podiumspartner Hans-Dieter Schütt Rede und Antwort. Quelle: Regine Buddeke

Die Lesung fand in der Reihe „Literatur im Theater“ statt – eine Gemeinschaftsveranstaltung der Musikkultur Rheinsberg und des Kurt Tucholsky Literaturmuseums.

„Sagen lassen sich die Leute nichts. Aber sie lassen sich viel erzählen“, eröffnet Schütt den wortgewaltigen Abend. Gregor Gysi sei einer der wenigen Politiker, denen man zuhöre, wenn sie etwas sagen, legt er nach und fragt, was Gysi in der Politik denn am meisten Spaß gemacht habe. „Die Abwechslung“, erwidert der und zählt auf: „Fernsehinterviews, Gespräche mit den Linken – anstrengend. Gespräche mit den politischen Gegnern – noch anstrengender. Der Saal lacht und Gysi ist in seinem Element.

Er plaudert über schöpferische Arbeit, zitiert Marx, stellt rhetorische Fragen und Thesen auf. Ob das Schöpferische in der Politik so unzureichend sei, dass er nebenbei noch so viele andere Dinge täte, fragt Schütt. „Ich bin ein Mensch, der sehr viel Abwechslung braucht“, erklärt Gysi und einmal mehr zieht ein schelmisches Lächeln über sein Gesicht – wie so oft an diesem Abend. Man merkt ihm an: Gysi redet gern. Aber er kann es auch. Mit Anekdoten gespickt, rhetorisch brillant und einem gerüttelt Maß Lebenserfahrung vermag er seine Zuhörer spielend zu fesseln – man hängt an seinen Lippen. Und er genießt es.

Gregor Gysi ist ob seiner geschliffenen Reden berühmt und gefürchtet

Ja, er habe mehrere Berufe. Den Anwalt habe er nie an den Nagel gehängt, um unabhängig von der Politik zu sein. Daneben ist er Autor diverser Schriften und auch Moderator: Er verweist auf seinen Polit-Talk mit dem CDU-Mann Volker Kauder in Berlin, dem er im Gespräch sogar dessen Vorliebe für rote Lederjacken entlockte. „Als Moderator erleben Sie mich so, wie sie es sich gar nicht vorstellen können“, erklärt Gysi. „Da beträgt meine eigene Redezeit nicht mehr als zehn Prozent.“

Er grient breit. Wer nicht zuhören könne, kann auch nicht reden – sagt er und gesteht, dass ihn die Leute wirklich interessieren: Etwa der Springer-Chef Mathias Döpfner. „Ich wollte wissen, warum der rechts geworden ist. Nach dem Gespräch habe ich seinen Bruch zur Linken auch verstanden.“ Und dass Thomas Gottschalk einst einen Satz von ihm in sein Buch übernommen hat, freut ihn immer noch. Genauso wie die vielen Fälle, die er als Anwalt gewonnen hat.

Nein, er habe nicht nur DDR-Dissidenten vertreten. Politische Strafsachen waren ein wichtiger, aber nicht der Hauptteil seiner Arbeit, erklärt er – er habe auch Diebe, Betrüger, Totschläger vertreten. „Auch gerne Ehescheidungen“, sagt er.

Lange hat er um die Akzeptanz der Linken gerungen – in Ost und West

Warum er gerade Anwalt geworden ist? Zufall, sagt er. Er habe auch mit Arzt geliebäugelt. Aber dann habe ihm jemand erzählt, dass das Studium wenig Arbeit mache. Der Saal lacht laut. „Ein Studium für Doofe? Das klang gut“, erinnert sich Gysi spitzbübisch. Und warum gerade Anwalt? „Richter sind Entscheider – ich bin ein Antragsteller“, erklärt Gysi. Staatsanwälte seien weisungsgebunden – nicht sein Fall. Und Notar? „Kotzlangweilig!“

Der Anwaltsberuf sei das Einzige in seinem Leben, auf das er gezielt hingearbeitet habe. Ein Beruf, bei dem man verpflichtet sei, Höhergestellten zu widersprechen – genau sein Ding, sagt er. „Ich bin ein Pingel, was Gesetzestexte betrifft. Damit konnte ich sie nerven“, erklärt er und lässt genüsslich Beispiele folgen. Über die er sich immer noch diebisch freut.

Gysi erklärt den Buchtitel: „Ein Leben ist zu wenig – nein, ich bin kein Buddhist, der an Wiedergeburt glaubt“, scherzt er. Und zählt seine bisherigen sechs Leben auf: Kindheit/Jugend, Studium, Anwalt in der DDR, die Wendezeit. Zuletzt sein Leben in der vereinigten Bundesrepublik – zuerst die Zeit, wo man ihn in Bausch und Bogen ablehnte – das sei eine harte Zeit gewesen. „Ich habe gekämpft – und eine gewisse preußische Sturheit an mir entdeckt.“

Rente ist für den 70-jährigen Politiker nicht wirklich ein Thema

Später die Phase der Akzeptanz. „Wir haben ja viel erreicht“, sagt er. „Eine Partei links von der SPD im Bundestag zu etablieren. Im Westen Stimmen zu gewinnen. Sogar in Bayern. Das ist eine Leistung!“ Man habe den flächendeckenden Mindestlohn durchgesetzt. „Anfangs allein – am Ende sogar mit den Stimmen der CSU“, sagt er stolz. Man habe einen Beitrag geleistet, den Zeitgeist zu verändern.

Schütt fragt weiter, legt den Finger auch auf Wunden. Klar habe man im Osten Wähler an die AfD verloren, bedauert Gysi. Sein Vorschlag, das zu stoppen. „Fluchtursachen bekämpfen. Dank des Internets wissen die Afrikaner inzwischen, wie wir hier leben. Und den Politikern fällt nichts besseres ein als Abschottung“, moniert er. Nationaler Egoismus sei tödlich für Europa, redet er sich in Hitze. Und die EU sei derzeit in einem jämmerlichen Zustand – und soll nun auch noch militärisch werden. Deswegen sei er auch Chef der EU-Linken geworden, um dem entgegenzuwirken. „Wenn wir zurückfallen in alte Nationalstaaten, kommt auch der Krieg zurück“, warnt er.

Gysi ist jetzt warmgelaufen: Armut, Wendeverlierer, Ost, West, arm, reich – alles sprudelt aus ihm heraus – Botschaften, Anekdoten, Erinnerungen. Er hat noch viel zu sagen. Ein Abend ist zu wenig.

Von Regine Buddeke

Betrunken und unter Drogen ist ein VW-Fahrer über die Autobahn geschlingert. Als die Polizei ihn anhielt und nach dem Führerschein fragte, erlebten die Beamten eine weitere Überraschung.

08.03.2018

Obwohl der Bund aufgrund der sinkenden Arbeitsloszahlen die Zuschüsse für die Arbeitsförderung senkt, ist die Rheinsberger Arbeitsfördergesellschaft Rabs derzeit nicht in Gefahr. Das versicherte am Mittwoch einer der Gesellschafter.

10.03.2018

Die Seniorentreffen in Sewekow stehen seit einem Jahr unter einem besonderen Motto. „Bei „Mein unbekannter Nachbar“ erzählen Zugezogene oder Alteingesessene Monat für Monat ihre Lebensgeschichten. Diese Reihe entpuppt sich als Zugpferd.

10.03.2018
Anzeige