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Ostprignitz-Ruppin Puzzleteil für Puzzleteil
Lokales Ostprignitz-Ruppin Puzzleteil für Puzzleteil
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00:17 01.11.2013
Quelle: dpa
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Meyenburg

"Schauen Sie mal, wie schön das Laub leuchtet", sagt Silvia Heimann zu Friedel Kunze, während die beiden Frauen langsam durch den Meyenburger Schlosspark spazieren. "Und was ist das für ein Baum?", fragt die 59-Jährige ihre 20 Jahre ältere Begleiterin. Friedel Kunze überlegt, kommt aber nicht drauf. "Wir müssen vieles nachschlagen, aber inzwischen haben sie kleine Schilder an den Bäumen aufgestellt", sagt Silvia Heimann. "Die Blutbuche", ruft Friedel Kunze und lächelt zufrieden.

Die 79-Jährige war früher Verkäuferin im Spielwarengeschäft Moritz. Jetzt ist sie dement. Seit einem Jahr geht Silvia Heimann einmal in der Woche mit ihr spazieren. Sie plauschen ein wenig über das Wetter, den Lauf der Natur, die Leute, die sie treffen. Ihre Zeit opfert Silvia Heimann ehrenamtlich. Doch das Treffen ist für beide ein Gewinn: Friedel Kunze freut sich über die Abwechslung. Fast immer gibt es nach dem Spaziergang leckeren Kuchen bei Ehemann Karl Kunze. Silvia Heimann redet leise, langsam und geduldig mit der betagten Dame, verwendet häufig Sprichwörter. Während der Pause auf der "Liebesbank" unterhalten sich die Frauen über Pilze: "Ja, wat we nich kenn, dat ess we nich", sagt Silvia Heimann. Und Friedel Kunze wiederholt den Satz up Platt. Sie lachen und scherzen viel.

Drei Patienten pro Woche betreut Silvia Heimann für das Bürgerhaus des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in der Meyenburger Marktstraße in deren Zuhause. Mit Friedel Kunze ist sie gern unterwegs: "Bei schönem Wetter geht es raus, bei schlechtem Wetter gehen wir shoppen oder machen Spiele." Eine andere Patientin spielt dagegen leidenschaftlich Karten. Das erste Mal kam Silvia Heimann mit Demenz in Berührung, als die Mutter einer Bekannten daran erkrankte. Später pflegte sie 13 Jahre lang ihre eigene Mutter. "Als ich dann den Kurs für die ehrenamtliche Betreuung gemacht habe, habe ich einen Schreck bekommen, was wir alles falsch gemacht haben", erinnert sie sich.

Den Kurs belegen alle Ehrenamtlichen, die für das DRK an Demenz erkrankte Menschen betreuen. Auch Angehörige können sich informieren - so wie vergangene Woche in einer fast zweistündigen Infoveranstaltung. Da gab Hartmut Watschke, Vize-Geschäftsführer beim Prignitzer DRK-Kreisverband, über die Betreuung Betroffener Auskunft. "Demenz - Abschied in Raten" war das Thema. "Alles wird anders", sagte Watschke den pflegenden Angehörigen, nicht nur bei den Erkrankten selbst. Er selbst war zwölf Jahre pflegender Angehöriger. Und auch er habe Fehler gemacht, sagt er rückblickend. "Ständiges Korrigieren bringt gar nichts", erklärt Hartmut Watschke. Wird dem Demenzkranken immer und immer wieder gesagt, dass die Kinder doch längst aus dem Haus sind oder der Ehemann vor Jahren schon gestorben ist, leidet das Selbstbewusstsein enorm. "Die Betroffenen ziehen sich dann irgendwann völlig in sich selbst zurück." Denn sie merken es, dass ihr Kurzzeitgedächtnis nicht mehr funktioniert, sie vergesslich werden und die Orientierung verlieren. Es ist hart, wenn die 80-jährige Oma plötzlich fragt: "Wo ist Mutti?" Anstatt zu erklären, dass Mutti gar nicht mehr da sein kann, akzeptiert man besser die Gefühle der Kranken: "Du vermisst deine Mutter wohl sehr?" Validation heißt das im Fachjargon. Am Ende vergessen die Menschen einfachste Dinge: Essen, Waschen, Laufen.

Es bleibt den Angehörigen und den anderen Betreuern nichts anderes, als sich auf die Betroffenen einzulassen. Watschke: "Denn Demenz ist nicht heilbar."

Den Erkrankten helfen einfache, kurze Sätze, feste Gewohnheiten, viel Geduld, Wiederholungen. Das sei nicht immer einfach: Mitunter führe die eigene Unsicherheit der Betroffenen zu Aggressionen. "Dann schreien sie einen urplötzlich an und wollen, dass man verschwindet." Oft lassen sich die Angehörigen mit Mimik, Gestik und Berührungen besser erreichen als mit lauter Ansprache. Die Pflegenden sollten nie vergessen, dass es um Menschen geht, die ihr Leben mit all ihren Erfahrungen gelebt haben. Deshalb sei zum Beispiel Biografiearbeit ein gutes Thema - denn Puzzleteil für Puzzleteil geht verloren.

Diese Pflege ist für die Familie oft eine Belastung. In Meyenburg können sich die Angehörigen Hilfe zum Beispiel im DRK-Bürgerhaus holen. Unter Leitung von Marko Fischer werden hier viele Angebote für die Familien gemacht - im Haus selbst und auch in der Häuslichkeit. "Wir haben 13Mitarbeiterinnen im Ehrenamt, von denen elf in der Demenzbetreuung tätig sind", erklärt er. Immer mittwochs trifft sich im Bürgerhaus eine kleine, donnerstags eine große Gruppe. Insgesamt 32Patienten mit Demenz betreuen die DRK-Mitarbeiter, 17 von ihnen werden in Meyenburg und umliegenden Dörfern Zuhause betreut. "Wir bieten Gymnastik, üben Farben und Jahreszeiten, die helfen sollen, die Erinnerung wach zu halten", so der Bürgerhaus-Leiter. Die Finanzierung läuft über die Krankenkassen.

Von Beate Vogel

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