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Radiosendung aus Haftanstalt feiert Premiere

Wulkow Radiosendung aus Haftanstalt feiert Premiere

Sechs Männer aus der Justizvollzugsanstalt Wulkow haben ihre eigene Radiosendung produziert. Am Dienstag stellten sie die Innenansichten aus dem Knast erstmals vor.

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Sound aus dem Knast: Gemeinsam mit Medienpädagogen des Vereins Metaversa haben Gefangene eine eigene Sendung produziert.

Quelle: Daniel Abma

Wulkow. Der Kaffee kam aus dem Automaten. Der Kuchen auch. Als sie in der Justizvollzugsvollzugsanstalt (JVA) Wulkow heirateten, gab es nach der Trauung „Wulkower Automatenbüffett“. Der inhaftierte Bräutigam war dennoch von Gefühlen überwältigt. „Sie sah aus wie eine Prinzessin aus einem alten Märchen.“

Von der Hochzeit gibt es keine Fotos. Doch erzählt der Bräutigam in einem Radio-Podcast von der Zeremonie und den feuchten Augen danach. „Ruppich“ – so heißt der Podcast, den sechs Gefangene aus Wulkow in den vergangenen Wochen gemeinsam mit dem holländischen Filmemacher Daniel Abma und der Medien- und Theaterpädagogin Kirsten Mohri produziert haben. Am Dienstag stellten sie die halbstündige Sendung in Wulkow vor. Am ersten Weihnachtsfeiertag war der Podcast auf einem Berliner Radiosender zu hören.

Geschichten von drinnen für die da draußen

Das Anliegen von „Ruppich“: Geschichten von drinnen für die da draußen zu erzählen. Die erste Sendung aus dem Gefängnis kreist um das Thema Beziehungen. Denn in der Haft, so sagt ein Gefangener, „denkt man immer an die Menschen, die man liebt“. Manche Beziehungen halten die lange Trennung nicht aus. Einer der Projektteilnehmer macht sogar vorsorglich Schluss. Er will seine Freundin nicht länger belasten. „Die soll ihr eigenes Leben haben“, rappt er in einem eigens für den Podcast aufgenommenen Stück.

Was die Zuhörer erfahren, ist berührend, mitunter überraschend. Ein Vater erzählt, wie er gegenüber seinem zweijährigen Sohn ein Lügenkonstrukt aufrechterhält, um ihm nichts über seinen Gefängnisaufenthalt erzählen zu müssen. Ein anderer berichtet, wie heikel das Verhältnis zwischen Gefangenen und Bediensteten sein kann. Die Gefangenen fühlen sich ausgeliefert. Schon lautes Türenknallen kann da als Respektlosigkeit verstanden werden. Kleine Nachlässigkeiten beim Durchsuchen der Zelle – das Offenstehenlassen der Kaffeepackung etwa – können empören.

Wer die Hand gibt, ist ein Anscheißer

Wie nah können Gefangene und Bedienstete einander sein? Auch das muss täglich ausgelotet werden. Schon ein einfaches Händeschütteln kann völlig missverstanden werden. Wer einem Bediensteten die Hand gibt, „steht ganz schnell als der Anscheißer da“, erzählt einer der Gefangenen. „Ich denke, dass kann für beide Seiten katastrophal enden.“

Die meisten Bediensteten verzichten lieber aufs Händegeben. Allenfalls zum Geburtstag oder bei der Entlassung wird die Hand gereicht. „Wir sind hier nun mal keine Arbeitskollegen“, sagt ein Bediensteter im Podcast. Distanz ist auch eine Frage des Schutzes.

Premiere in Wulkow

Die JVA Wulkow betritt mit dem Radioprojekt Neuland. Anfangs standen die sechs Projektteilnehmer der Radio-Premiere skeptisch gegenüber. „Man hatte Angst, dass man ausgehorcht wird“, erzählt einer der Teilnehmer. Nach wenigen Sitzungen jedoch begeisterten sich die sechs für das Projekt. Einige Beiträge nahmen sie mehrmals auf, weil sie tiefer in die darin erzählten Geschichten einsteigen wollen. „Vorher hast du nie so viel gucken lassen“, sagt ein Projektteilnehmer über einen anderen. Es ist ein dickes Kompliment.

Die Gefangenen haben gelernt, wie man Textbeiträge schneidet, Jingles einspielt, Computertechnik beherrscht. Auch das eine Herausforderung. „Können Sie sich vorstellen, wie abstrakt ein Laptop nach zwei Jahren im Knast sein kann?“, fragt einer.

Eine Fortsetzung ist schon geplant

Die JVA will das Projekt fortsetzen. Im kommenden Jahr soll eine weitere Sendung entstehen – wahrscheinlich zum Thema Arbeit. Anstaltsleiter Wolf-Dietrich Voigt versteht das Projekt vor allem als Training sozialer Kompetenz. Wer mitmacht, muss sich öffnen und mit anderen zusammenarbeiten. Und er muss sich vor der anderen Gefangenen bekennen. „Es gibt Neider und man kann als Verräter dastehen“, sagt Voigt. „Es ist nicht leicht, sich mit dem Projekt zu positionieren.“

Voigt möchte „Ruppich“ weiterentwickeln. Vorstellbar seien Projekte mit Schulen oder eine Vernetzungen mit ähnlichen Projekten. Zugleich hofft Voigt auch, neue Mitarbeiter für die Anstalt begeistern zu können. „Wir wollen attraktiv werden mit der Arbeit, die wir hier abliefern.“

Von Frauke Herweg

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