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Randvolle Seen, tote Störche, überflutete Felder

Neuruppin/Fehrbellin Randvolle Seen, tote Störche, überflutete Felder

Fast eine Woche nach dem Starkregen in der Region kämpfen Helfer weiter mit den Folgen. Das THW ist seit Donnerstag im Dauereinsatz und wird es wohl noch Tage bleiben. Der Wasser- und Bodenverband Rhin-/Havelluch versucht, die Gräben frei zu bekommen, damit die Wassermassen abfließen können. Das Unwetter hat viele Vögel das Leben gekostet.

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Das Technische Hilfswerk aus Neuruppin ist seit Donnerstagnachmittag im Nachbarlandkreis Oberhavel im Einsatz, wie hier in Velten.

Quelle: THW/Tobias Reinhold

Fehrbellin/Neuruppin. Fehrbellins Ordnungsamtsleiter Peter Wolski ist stinksauer. Seit vergangenem Mittwoch waren die Feuerwehren aus Fehrbellin und den Ortsteilen im Dauereinsatz – und dann müssen sich die ehrenamtlichen Retter auch noch beschimpfen lassen. Im Internet gab es Beschwerden über die Sirenen, mit denen die Retter alarmiert werden. Bürger fühlen sich davon belästigt. Wolski hat dafür keinerlei Verständnis: „Die Feuerwehrleute hatten wirklich eine harte Woche.“ Erst kam am Mittwoch eine Ölspur von Linum bis Fehrbellin, dann das Unwetter mit jeder Menge vollgelaufener Keller und dutzenden Einsätzen bis Freitag um Mitternacht. Und dann noch Unfälle auf der Autobahn „Der letzte am Sonntag um halb drei“, sagt der Ordnungsamtsleiter. Dass sich da jemand über die Helfer aufregt, ist für ihn unfassbar: „Die Feuerwehr macht das doch nicht zu ihrem Vergnügen.“

Nach dem Starkregen am Donnerstag stehen noch immer Wiesen und Äcker im Luch bei Fehrbellin unter Wasser. „Die Pegel sinken“, sagt der Geschäftsführer des Wasser- und Bodenverbandes Rhin-/Havelluch, Helmut-René Philipp. „Doch das Wasser aus der Fläche fließt nur langsam in die Gräben.“ Auf den Luchwiesen steht das Wasser derzeit bis zu 30 Zentimeter hoch. Wenigstens zwei Wochen wird es dauern, bis es ganz abgeflossen ist, schätzt er – vielleicht auch länger. Philipp: „Jeder Tropfen Regen, der jetzt fällt, ist einer zu viel.“

Rund um Fehrbellin sind noch immer viele Äcker und Wiesen überschwemmt

Rund um Fehrbellin sind noch immer viele Äcker und Wiesen überschwemmt. Das wasser kann nur langsam abfließen.

Quelle: Peter Geisler

Der Gewässerunterhaltungsverband Oberer Rhin/Temnitz versucht so viel Wasser wie möglich bei Neuruppin zurückzuhalten. Dabei sind die Seen randvoll, sagt Verbandschef Holger Lettow. Im Ruppiner See ist der Wasserstand von Donnerstag zu Freitag um zwölf Zentimeter gestiegen. „So etwas hatten wir noch nicht“, sagt Lettow. Bisher lag der Rekord bei vier Zentimetern Plus an einem Tag. Normalerweise würde der Verband einen Teil der Wassermassen ins Luch ableiten. Aber das hat schon genug Probleme.

Das meiste Wasser aus dem Luch soll über den Rhinkanal in die Havel fließen. Die zehn Mitarbeiter des Verbands Rhin-/Havelluch schieben seit Freitag Überstunden, um die so genannte Vorflut zu entkrauten und den Weg für das Wasser frei zu machen. Inzwischen ist das Mähboot am Kleinen Havelländischen Hauptkanal im Einsatz. „Wir haben schon viel geschafft“, sagt Philipp. „Aber wir können nicht alles auf einmal machen.“ Auf den Feldern der Firma Rhinmilch stehen Gerste, Weizen und Mais im Wasser. Prokurist Jens Winter wagt noch keine Prognose, wie groß die Einbußen bei der Ernte sind. Ein Teil des Getreides liegt bereits am Boden. Um die Schäden nicht noch größer werden zu lassen, will die Agrargesellschaft am Donnerstag versuchen, die erste Gerste auf einer vergleichsweise trockenen Fläche zu ernten.

Löschwasserteich setzt Landhandel unter Wasser

Große Probleme hatte der Starkregen auch der Firma ATR Landhandel im Fehrbelliner Gewerbegebiet bereitet. Ein Löschteich lief über und der Keller des Verwaltungsgebäudes voll. Landwirte hatten zunächst befürchtet, das Unternehmen könne die bevorstehende Ernte nicht annehmen. Dem widerspricht Bereichsleiter Matthias Graunke. „Der laufende Betrieb geht weiter.“ Über ein Dienstleistungsunternehmen hat die Firma das Wasser abpumpen lassen. Zwei Tage lang hat die Feuerwehr versucht zu helfen. „Wir hätten da noch drei Tage arbeiten können und hätten nicht alles geschafft“, schätzt Ordnungsamtsleiter Wolski. Wenn die akute Gefahr vorbei ist, müssen beid er Vielzahl der Notfälle einfach private Firmen ran.

Die Frauen und Männer vom Technischen Hilfswerk (THW) in Neuruppin sind seit Donnerstag 16 Uhr rund um die Uhr unterwegs. Vor allem im Kreis Oberhavel, in Oranienburg und Velten. Und in Leegebruch, das vom Unwetter besonders hart getroffen wurde und noch immer teilweise überflutet ist.

Das Neuruppiner THW ist darauf spezialisiert, kilometerlange Leitungen zu legen und große Mengen abzupumpen. Rund 450 Stunden haben die ehrenamtlichen Helfer seit Donnerstag geschrubbt, sagt Neuruppins THW-Chef Maik Borchert. Rund zwölf Stunden ist jede Mannschaft unterwegs, dann wird sie abgelöst. Wie lange das noch so weitergeht, kann Maik Borchert nicht sagen: „Für diese Woche sind wir noch eingeplant.“

Viele Jungstörche holte sich bei dem Regen eine Lungenentzünding und starben

Viele Jungstörche holte sich bei dem Regen eine Lungenentzünding und starben.

Quelle: privat

Auch für die Natur bringen die Regenmassen große Schäden. So haben offenbar viele Jungstörche das Unwetter nicht überlebt. In Dranse stupst die Störchin vergeblich mit dem Schnabel in das Rückengefieder ihrer zwei Jungstörche, um ihnen ein Lebenszeichen zu entlocken. Beide Jungen sind tot.

„Das ist kein Einzelfall nach diesem Dauerregen“, sagt Ornithologe Jürgen Kaatz, der regelmäßigen Kontakt zu Horstbeobachtern in der Region hält. Die Tragik ist an vielen Nestern zu beobachten: „Die Eltern bringen noch immer Futter und verteidigen ihre toten Jungen gegenüber Greifvögeln. Die Bindung ist sehr stark“, sagt Jürgen Kaatz bewegt. Dass es ausgerechnet auch die Jungvögel im Dranser Horst – also direkt vor seiner Haustür – getroffen hat, mache ihn zwar traurig, aber er weiß, dass er dieses Los mit vielen anderen Storchenfreunden in der Region teile. „Wir werden uns auf solche klimawandelbedingten Ereignisse einstellen müssen.“ Noch ist nicht überall bekannt, wie es in den Nestern im Norden Brandenbugs aussieht. Im Landkreis Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg wurden in der vergangenen Wochenende von 34 Jungstörchen 20 tot im Nest gefunden.

Auf überfluteten Feldern gibt es kaum noch Nahrung

Turmfalken- und Schleiereulenbruten dürften noch weiter erhebliche Verluste erleiden. Denn für sie werde es nun schwieriger, Beute zu finden, weil wenigstens zwei Generationen Feldmäuse – ihre Hauptnahrung – auf den überfluteten Äckern umgekommen ist. Am schlimmsten dürfte es aber am Boden brütende Kleinvogelarten wie Lerchen, Pieper, Ammern und Braunkehlchen getroffen haben, speziell deren Nestjunge oder Gelege. Durch die Überschwemmung wassergesättigter Böden geht Jürgen Kaatz dort von „hundertprozentigen Verlusten“ aus.

Von Reyk Grunow, Frauke Herwig und Björn Wagener

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