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Reform-Drang am Molchowsee

Vortrag im Neuruppiner Tempelgarten Reform-Drang am Molchowsee

Die Zusammenhänge zwischen Lebensreform und Architektur zu Beginn des 20. Jahrhunderts – dieses Thema lockte am Sonntag rund 100 Interessenten in den Neuruppiner Tempelgarten. Anhand dreier Häuser am Ufer des Molchowsees beleuchtete der finnische Kulturhistoriker Teppo Jokinen dort, wie sich ein Lebensentwurf auf die Architektur auswirkte.

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Von drei im Vortrag beleuchteten Häusern steht heute nur noch das imposante Herrenhaus in Neumühle.

Quelle: Peter Geisler

Neuruppin. Auf einen solchen Besucheransturm waren am Sonntag weder die Organisatoren vom Tempelgartenverein, noch die Betreiber des Restaurants eingestellt. Rund 100 Gäste drängten sich am Nachmittag in den Gastraum, um den Vortrag des Kunsthistorikers Teppo Jokinen zu hören, der anhand von drei Herrenhäusern die Zusammenhänge zwischen Lebensreform und Architektur zu Beginn des 20. Jahrhunderts beleuchtete. „Ein recht abstraktes Thema“ befürchteten die Veranstalter, die kaum zu hoffen wagten, dass sich derart viele Neuruppiner auf den Weg machen würden. Nun ist ein zweiter Vortrag mit dem finnischen Kunsthistoriker durchaus denkbar.

Teppo Jokinen (l) im Gespräch mit Gästen seines Vortrages im Neuruppiner Tempelgarten

Teppo Jokinen (l.) im Gespräch mit Gästen seines Vortrages im Neuruppiner Tempelgarten.

Quelle: Cornelia Felsch

2005 veröffentlichte Teppo Jokinen ein Buch in finnischer Sprache, in dem er das Haus Molchow, die bauliche Ausführung und die Menschen vorstellte, die dort lebten. Mit einem Stipendium der finnischen Kulturstiftung konnte er sich der Forschungsarbeit widmen, Daten, Erinnerungen und Dokumente sammeln. Ein Jahr später erschien eine überarbeitete, erweiterte Fassung in deutscher Sprache. Im selben Jahr wurde eine Ausstellung zu Molchower Herrenhäusern im Kornspeicher Neumühle gezeigt – eröffnet vom finnischen Botschafter.

1905 errichtet der Lyriker Paul Remer gemeinsam mit seiner Frau Martha das Haus Molchow auf einem malerischen Grundstück am Molchowsee nach Plänen der finnischen Stararchitekten Eliel Saarinen und Herman Gesellius. Es war damals nicht das einzige Bauprojekt am Molchowsee. Zur gleichen Zeit ließen Konrad und Käte Schütt das ererbte Herrenhaus Neumühle umbauen; 1907 errichtete Max Kosmack sein Landhaus am gegenüberliegenden Ufer des Molchowsees. Der Entwurf stammte vom deutschen Architekten Hermann Muthesius. Heute steht nur noch das Haus Neumühle. Die beiden anderen Häuser wurden nach dem Zweiten Weltkrieg abgerissen.

In seinem Vortrag ließ Teppo Jokinen die wechselvolle Geschichte der teils wieder verschwundenen Häuser noch einmal Revue passieren, beleuchtete aber auch Leben, Ideale und Träume ihrer Bewohner zu jener Zeit. Das Bürgertum entdeckte die Freizeit als neues Lebensgefühl, vitaminreich genährt, gesund und sportlich entdeckte man die Freikörperkultur. Auf alten Fotografien genießen die neuen Molchowseeanwohner ihre Freizeit nackt auf der Wiese, im Boot oder im Bauerngarten und die Frauen entdeckten das Fahrradfahren. „Es war aber damals sehr umstritten“, sagte Teppo Jokinen. „Man sah es als problematisch an, weil der gesundheitliche Effekt umstritten war.“ In einem Brief erzählt Martha Remer vom Leben in der märkischen Idylle: „Der Sonntag war still und sonnig. Wir ruderten auf dem Molchowsee und pflegten dann unsere Anpflanzungen. Nach dem Abendessen lagen wir mit unseren ,Eisbären’ am Kaminfeuer.“ Die ,Bären’ waren zwei weiße russische Steppenhunde.

Beschauliches Landleben allein war nicht genug

Das ruhige Leben am Molchowsee genügte den Remers allerdings nicht. Regelmäßig besuchten sie Freunde, nahmen am Kulturleben teil, dinierten im Hotel Kempinski oder besuchten Weinstuben. Die offene, ruhige Formenwelt der modernen Architektur des Hauses passte zum Lebensstil seiner Bewohner. Das Haus für Max Kosmack, das am Westufer entstand, war wesentlich pompöser und wurde später als Schloss Molchow bekannt. Mit der harmonischen Architektur der Häuser Molchow und Neumühle konnte es nicht mithalten. Jokinen zitierte Paul Remer, der 1909 nach einem Besuch im Haus Kosmack wenig begeistert war: „Es ist doch eine ziemlich wirre Architektur, eine ungelöste Aufgabe, mit der der Theoretiker Muthesius trotz allem Geschmack und bestem Willen nicht fertig geworden ist.“

Von Cornelia Felsch

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