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Rheinsberg: Meeresfrüchte aus aller Welt

Biologen erforschten Muschelsaal Rheinsberg: Meeresfrüchte aus aller Welt

Meerohren, Pilgermuscheln, Austern – im Muschelsaal des Rheinsberger Schlosses haben Biologen in akribischer Forschungsarbeit mehr als 100 verschiedene Muscheln und Schnecken. Die meisten von ihnen sind essbar. Das passt zur Geschichte. Denn der Saal war einst ein Speisezimmer.

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Eine Restauratorin bei der Arbeit im Muschelsaal.

Quelle: Peter Geisler

Rheinsberg/Zepkow. Einem Liebhaber naturwissenschaftlicher Ordnungssysteme könnten die Muschel-Bouquets des Rheinsberger Muschelsaals ein Graus sein. Schalentiere aus dem Indischen Ozean neben Schnecken aus der Region – in den Bouquets sind Muscheln ganz unterschiedlicher Arten und ganz unterschiedlicher Herkunftsregionen vermischt. „Diese Unbedarftheit, mit der die Bouquets zusammengestellt worden sind, verwundert“, sagt Guido Höner mit einem leisen Lächeln. Für einen Biologen wie ihn ist solch künstlerische Anmaßung „ganz erstaunlich“.

Gemeinsam mit seiner Partnerin Ilse Lass hat Höner die Muscheln und Schnecken im einstigen Speisezimmer von Prinz Heinrich katalogisiert. In den kommenden Wochen und Monaten soll der 1769 entstandene Saal des Rheinsberger Schlosses restauriert werden – 158 Muscheln, die fehlen, brauchen Ersatz. Damit Chefrestaurator Jochen Hochsieder weiß, was er an der Decke verkleben lassen soll, musste das Biologenpaar die vorhandenen Schalentiere bestimmen – und herausfinden, welche Muscheln in fast 250 Jahren verloren gingen. Eine Wahnsinns­recherche.

Die Restauratoren müssen alles akribisch dokumentieren

Die Restauratoren müssen alles akribisch dokumentieren.

Quelle: Peter Geisler

Anfangs hatten die beiden Biologen und Muschelhändler gedacht, sie würden für den ungewöhnlichen Auftrag vier Wochen brauchen. Es wurden drei Monate. Anhand von Abdrücken, alten Fotos und mitunter durch Ausprobieren vor Ort versuchten die beiden Experten, die Leerstellen zu bestimmen. „Vor einzelnen Fotos haben wir Stunden gesessen“, sagt Höner. „Manchmal haben wir nur noch Pixel gesehen.“

Trotzdem gelang es den beiden, fast alle fehlenden Puzzleteile zu entschlüsseln. In einem fast 200-seitigen Katalog analysieren sie jedes einzelne Bouquet. Höner, groß, schlank, grauhaarig, ein Mann der eher leisen Töne, spricht begeistert von dem Spezialauftrag im Rheinsberger Schloss. „Das hat total Spaß gemacht“, sagt der 56-Jährige. „Für uns war das etwas ganz Besonderes.“

Prachtvolle Bouquets

Prachtvolle Bouquets.

Quelle: Peter Geisler

Lass und er entdeckten an der Decke und an den Wänden des einstigen Festsaales Wellhornschnecken aus der Nordsee, Perlmuscheln aus dem Indischen Ozean, große Fechterschnecken aus der Karibik – vereinzelt sogar Muscheln aus Japan. Die beiden Biologen konnten mehr als 100 Arten bestimmen. Höner ist überrascht von so viel Vielfalt. Ein klein wenig schmunzeln muss er auch:„Möglicherweise wollte man mit den Kuriositäten ein bisschen angeben.“

Seinen exotischen Reichtum hat der Rheinsberger Muschelsaal wahrscheinlich den Niederländern zu verdanken. Im 17. und 18. Jahrhundert waren die Schalentiere über Handelsgesellschaften in riesigen Mengen von Übersee nach Europa gekommen. „Die haben scheinbar ganze Schiffsladungen herangeschafft“, sagt Höner.

Doch nur ein Teil der Muscheln sind Funde aus der Ferne. Einige können auch an den Stränden der Nordsee oder des Mittelmeeres gesammelt worden sein. Die einheimische Schwanenmuschel kommt gar im Grienericksee direkt vorm Schloss vor. Für die Austernschalen in den Bouquets hat Höner eine durchaus naheliegende Erklärung – sie könnten aus den Küchenabfällen des Schlosses geklaubt worden sein.

Architekt des Brandenburger Tores

Der Muschelsaal des Rheinsberger Schlosses entstand 1769 im Auftrag des Prinzen Heinrich von Preußen. Er wurde nach Ideen von Carl Gotthard Langhans gebaut – dem Architekten des Brandenburger Tores.

Nach 1945 war das Rheinsberger Schloss als Sanatorium genutzt worden. Der Muschelsaal – zu dieser Zeit Speisesaal des Sanatoriums – erlitt erhebliche Schäden.

Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten lässt den Saal bis Frühjahr 2017 komplett restaurieren. Die Wände und die Decke mit dem aufwändigen Muschelschmuck sollen bereits früher fertig sein.

Im Internet hatte Chefrestaurator den Muschelhandel von Ilse Lass und Guido Höner entdeckt. Sie untersuchten daraufhin den Muschelbestand.

Die Hilfe der beiden Biologen war zuvor auch bei anderen Restaurierungsvorhaben gebraucht worden – für die Restaurierung einer Frauenskulptur hatten sie vor einigen Jahren große Mengen kleinster Weichtiere beschaffen müssen.

Lass und Höner ist es gelungen, für alle fehlenden Muscheln Ersatz zu beschaffen. 1998 war das Biologenpaar von Berlin nach Zepkow gezogen, einem kleinen Dorf in der Nähe von Wittstock, direkt hinter der mecklenburgischen Landesgrenze. In einem Backsteinhaus betreiben die beiden einen Muschelhandel. Einzelne Exem­plare, die in den kommenden Monaten in Rheinsberg verklebt werden sollen, mussten sie direkt auf den Philippinen oder in der Karibik bestellen. Die meisten Ersatzmuscheln und- schnecken bekamen sie von Großhändlern aus Europa.

„Witzigerweise waren die einheimischen Muscheln am schwierigsten zu beschaffen“, sagt Höner. Sämtliche Großmuscheln stehen unter Naturschutz. Als Lass und Höner in Brandenburg Muscheln für Rheinsberg sammeln wollten, stellte sich das Ministerium quer. Höner kann das nicht ganz verstehen. „Es werden doch nur tote Tiere gesammelt“, sagt er. Doch er respektierte die Auflagen. Ersatz für die einheimischen Schalentiere fand er schließlich in einem niederländischen Museum oder einem ungarischen Aquaristik-Handel.

Die meisten der im Muschelsaal vorkommenden Weichtiere sind essbar. Kein Wunder, findet Höner. „Das war halt das Speisezimmer.“ Das Biologenpaar entdeckte in nahezu allen Bouquets Meerohren und Große Pilgermuscheln – beide beliebte Delikatessen. Auch Meeresköstlichkeiten wie Mies- oder Herzmuscheln kommen häufig vor.

Einige Muscheln sind Repliken

Nicht jede Meeresfrucht des Muschelsaals ist echt. Bei einigen, besonders teuren Exemplaren ließ Bauherr Prinz Heinrich Repliken anfertigen. Auch die roten Korallen, die sich aus den Bouquets ranken, sind Imitate. Auf dem Deckblatt einer zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Abhandlung sind Höner ebenfalls rote Korallen und exotische Muscheln aufgefallen. „Das musste damals wohl offensichtlich sein“, sagt er.

Bis zum Frühjahr kommenden Jahres sollen die Decke und die Wände des Muschelsaals restauriert sein. So hatte es die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten vor Kurzem angekündigt (die MAZ berichtete). „Insgesamt sind die Muscheln noch sehr gut erhalten“, sagt Guido Höner. Er freut sich darauf, die Muscheln nach der Reinigung in ihrem ursprünglichen Farbglanz zu sehen. „Ich bin total gespannt.“

Von Frauke Herweg

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