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Ostprignitz-Ruppin Rheinsberg: Von der Schnaps- zur Musikbrennerei
Lokales Ostprignitz-Ruppin Rheinsberg: Von der Schnaps- zur Musikbrennerei
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00:27 31.08.2015
Komponist Hans-Karsten Raecke baut sich für seine Musik die skurrilsten Instrumente selbst. Quelle: Regine Buddeke
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Rheinsberg

„Ich finde, dass jeder Mensch irgendwie Kunst machen sollte“, sagt Hans-Karsten Raecke – er selbst hält sich jedenfalls daran und nicht zu knapp. Der Neu-Rheinsberger ist Komponist und Dirigent, Pianist und Klarinettist, Instrumentenbauer, Klang-Kreateur und Notenschrift-Erfinder. So breitgefächert seine Kunst ist, so facettenreich ist auch sein Leben. Wenn der 73-Jährige ins Plaudern kommt, klingt das wie ein spannender Roman. „Ich war ein richtiger DDR-Mensch – zumindest 40 Jahre lang“, erzählt der gebürtige Mecklenburger. Eine Bilderbuch-Karriere: Oberschule mit musikalischer Prägung, er lernte Klavier und Klarinette. Wehrdienst im NVA-Musikkorps Prora, danach Studium an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin. „Komponiert habe ich schon sehr früh“ – das erste Lied war die Vertonung eines plattdeutschen Heimatdichters. „Man schreibt das auf, und schleichend wird es mehr.“

Die vertonten Sternenbilder von Hans-Karsten Raecke. Quelle: Regine Buddeke

Die erste Klaviersonate. „Klarinettist wollte ich nie werden.“ Das Instrument landete in der Ecke – stattdessen studierte er Chor und Ensembleleitung und spielte bei einem gefragten Kompositions-Lehrer vor. „Der hat mich sofort genommen.“ Dann das Glücks-Angebot: Meisterschüler bei Paul Dessau an der Akademie der Künste, im Anschluss eine Assistenz an der Humboldt-Uni. Dann der große Knall – die Uni warf ihn aus politischen Gründen raus. Raecke spielte sechs Jahre lang Freejazz mit Günther „Baby“ Sommer in Ostberliner Klubs, in denen sich die Unangepassten trafen. Er begann, sein musikalisches Ausdrucksspektrum zu erweitern, neue Wege zu gehen. „Orchestersysteme waren mir zu starr – warum nicht Mundi mit Cello kombinieren“, bricht er eine Lanze für Ensemblemusik. Und baute seine Tröten, wie er sie nennt: Bambuphon, Gummiphon, Suraphon, benannt nach der in der DDR gängigen Knetmasse „Suralin“.

Beim „Warschauer Herbst“ – einem Internationalen Forum für Neue Musik, kam er damit gut an. Nicht so in seiner Heimat. „Man nahm mich nicht ernst. Keine meiner sechs Sinfonien wurde je aufgeführt“, sagt er rückblickend. Er hatte – vom Jazz abgesehen – Auftrittsverbot, stellte einen Ausreiseantrag. „Obwohl ich wusste, dass es mir drüben nicht gefallen würde“, sagt er. 1980 bekam er ein Drei-Jahres-Visum des Politbüros – „für prominente Künstler, damit sie die Schrecklichkeit des Kapitalismus kennenlernen sollten“, sagt er und grient. Er wollte nie weg, wollte nur eine bessere DDR, aber das Auftrittsverbot zwang ihn zum Schritt gen Westen „Dort konnte man nur lernen, wie man mit Geld umgeht.“ Er wurde nach einer kurzen Anstellung Freiberufler – und widmet sich seitdem der Neuen Musik in aller Konsequenz: er komponiert, und baut sich die passenden Instrumente zu seinen Stücken. Er muss auch die entsprechende Notenschrift dazu erfinden: denn wie notiert man einen Cluster?

Der Komponist bei seinen Klangexperimenten. Quelle: Regine Buddeke

Ein ungeordnetes Tonbündel, wenn man den Unterarm aufs Klavier knallt. Oder ein Zirpen, das entsteht, wenn man an der Spinne zupft, einem aufgefaserten Messingrohr, das zu einem Instrument gehört, auf dem man spielen kann, das aber mit aufgesetztem Pfeifentopf zur Wasserpfeife wird – die überdies noch Seifenblasen erzeugen kann. Das Stück dazu heißt Raucher-Seifenblasen-Blues. „Der wird immer mit Begeisterung aufgenommen“, so Raecke, der vor 24 Jahren in Mannheim die „Klangwerkstatt“ ins Leben rief.

In Rheinsberg plant er ähnliches. Hinter seinem Wohnhaus wird gerade gebaut: aus der einstigen Schnapsbrennerei wird eine Musikbrennerei. Dort will er künftig Konzerte aufführen: Neue Musik in erster Linie. Sein Motto: „Musik muss nicht harmonisch sein. Aber die klassischen Harmonien sind nicht tot.“ Er versucht, Klangsinnlichkeit in die Neue Musik zu bringen. Durch neue Geräusche. Dafür hat er seinen Flügel „klangerweitert“. Hat einen Bildklanggenerator entwickelt, auf den er eigens dafür gemalte Bilder aufspannt, die mittels Berührung zum Klingen gebracht werden, etwa „Der Pferdekopfnebel“. Hier zeigt sich Raeckes kosmisches Interesse. „Ich vertone Sternbilder“, sagt er und erklärt die Inspirationsquelle – eine Aufnahme vom Hubble-Teleskop, in die er per Drehscheibe Rote Riesen, weiße Zwerge, schwarze Löcher und Protonensterne eingefügt hat – alle klanglich darstellbar. „Mein Fenster in die Unendlichkeit“, sagt Hans-Karsten Raecke über den selbst gefertigten Linolschnitt.

Seine 2007 uraufgeführten Partitur „Ins Nichts“ ist denn auch der erste Baustein einer besonderen Edition, die er plant: die Noten der Stücke unterscheiden sich sehr vom Althergebrachtem. „Die klassische Notation ändert sich mit der Neuen Musik. Es gibt Klangvorgänge, die man mit Noten nicht wiedergeben kann.“ Grafische Partituren heißen die Blätter, die man sich in ihrer bizarren Schönheit auch an die Wand hängen kann, wenn man sie nicht zu spielen vermag.

Damit will er Farben in Musik umwandeln. Dafür greift er auch selbst gern mal zum Pinsel. „Grafische Partituren gehen nur mit bildnerischem Interesse“, sagt er und legt Wert darauf, dass vertonte schwarze Löcher nicht bierernst, sondern durchaus witzig klingen können. „Kosmisches Gelächter sozusagen.“ Was soll auch sonst aus Instrumenten kommen, für die er Staubsaugerrohre oder Waschbecken-Trapse verarbeitet? Und mit denen er dann das „Wintermärchen“ von Heine vertont. Nebenbei – Hans-Karsten Raecke dichtet auch. Für Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ hat er einen Text geschrieben – und dann für Chor, sieben Vokalsolisten und zwei Keyboards neu arrangiert. Wer nun denkt: „O Gott, wie soll das denn klingen“, wird überrascht sein: keine Spur von dissonanter Zwölf-Ton-Musik – sondern erkennbar, spannend, mal wuchtig, mal witzig und immer originell. Eine Aufführung ist schon in Planung – sobald die Musikbrennerei fertig ist, kann man in Hans-Karsten Raeckes Klangwelten eintauchen.

Von Regine Buddeke

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