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Rheinsberg tanzt Nazis vor der Nase rum

NPD-Demo trifft auf Widerstand Rheinsberg tanzt Nazis vor der Nase rum

Rechtsradikale hatten extrem kurzfristig drei Demonstrationen gegen Flüchtlinge angemeldet. Trotzdem trafen sie in Wusterhausen, Wittstock und Rheinsberg auf eine große Überzahl an Gegendemonstranten. In Rheinsberg blies das Bundesjazzorchester den Rechtsextremen den Marsch.

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Polonäse gegen rechts. Obwohl die NPD ihre Demonstration gegen Flüchtlinge extrem kurzfristig angemeldet hat, waren die Gegendemonstranten in der Überzahl. Vorn OPR-Landrat Ralf Reinhardt.

Quelle: Christian Schmettow

Rheinsberg. Es ist wie bei der Fabel von Hase und Igel: Wenn die Neonazis ihre Plakate ausrollen, sind die Gegendemonstranten längst da. Obwohl die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) ihre Demonstrationen gegen Flüchtlinge für Samstag extrem kurzfristig angemeldet hat, treffen die Rechtsradikalen an allen drei Kundgebungsorten auf die vier- bis fünffache Zahl an Gegendemonstranten. Unter anderem der Landrat von Ostprignitz-Ruppin, Ralf Reinhardt, und Neuruppins Bürgermeister Jens-Peter Golde stellten sich den Neonazis zwischen 9 und 14 Uhr in Wusterhausen, Wittstock und Rheinsberg entgegen. In Rheinsberg sind die Landtagsabgeordnete Ulrike Liedtke, der stellvertretende Bürgermeister Andreas Neubert und etliche Kreistagsabgeordnete von CDU, SPD, Linken und Freien Wählern unter den Gegendemonstranten.

Gute Laune gegen platte Parolen

Gute Laune gegen platte Parolen.

Quelle: Christian Schmettow

Etwa 40 Rechtsextreme stehen von 13 bis 14 Uhr auf dem Triangelplatz in Rheinsberg: unter ihnen junge Männer aus dem Landkreis Oberhavel, einige junge Frauen, sogenannte Freie Kräfte aus der Prignitz sowie der Neuruppiner NPD-Stadtverordnete Dave Trick. Reden werden nicht gehalten. Auf Plakaten warnen die Rechtsextremen vor „Überfremdung“. „Tritt dem Volkstod entgegen“, steht dort im Nazi-Jargon der 1930er Jahre und „Wir sind das Volk“.

Die Neonazis protestieren schweigend, nur mit ihren Plakaten, gegen die Flüchtlinge im Kreis

Die Neonazis protestieren schweigend, nur mit ihren Plakaten, gegen die Flüchtlinge im Kreis.

Quelle: Christian Schmettow

Per Lautsprecher beschallt die NPD die Berliner Straße mit rechtsextremer Musik: „Wenn Du etwas ändern willst, dann bist Du gleich ein Terrorist“, lautet eine Textzeile. Die Polizei – mit sechs Fahrzeugen angereist – bleibt entspannt. Mit Gewalt rechnet sie nicht – und soll damit Recht behalten.

Touristen laufen achtlos auf dem Bürgersteig vor den NPD-Plakaten vorbei. Rheinsberger stellen sich nicht dazu – trotz der Furcht vor zu vielen Flüchtlingen, die jetzt in Luhme und in Zechlinerhütte untergebracht werden sollen. „Das sind keine von hier“, stellt der Kreistagsabgeordnete Frank-Rudi Schwochow mit Blick auf die Rechtsextremen erleichtert fest.

Gute Laune statt langer Reden gegen rechts

Gute Laune statt langer Reden gegen rechts.

Quelle: Christian Schmettow

Die Musik der NPD geht bald unter in der Beschallung von gegenüber. Auf dem Kirchplatz gibt es Live-Musik von Erik und Markus. Erik hat es als Lehrer an der Neuruppiner Fontaneschule von der Einschulungsfeier gerade noch rechtzeitig nach Rheinsberg geschafft. Jetzt schmettert er Lieder, die er nicht unbedingt im Unterricht verwenden würde – doch die Menge hat ihren Spaß: Angeführt von Landrat Ralf Reinhardt tanzen Stadtverordnete, Künstler, Pfarrer und normale Bürger als Polonaise über den Kirchplatz zu „Ole, wir fahr’n in’ Puff nach Barcelona“, „Der kleine Trompeter“, und „1000 nackte Weiber auf dem Männerpissoir“. „Die Lieder hab’ ich von meiner Oma gelernt“, entschuldigt sich Erik. „Ein Bett im Kornfeld“ und „Laurenzia, liebe Laurenzia mein“ beherrscht das Duo auch.

Die Antwort der Gegendemonstranten

Die Antwort der Gegendemonstranten: Ein Bekenntnis für Vielfalt.

Quelle: Christian Schmettow

Die Politiker schunkeln dazu mit einem Plakat: „Willkommen im Landkreis der Vielfalt, Ostprignitz Ruppin“.

Als am Freitag die NPD-Demo bekannt wird, meldet Sven Alisch (SPD) kurzfristig die Gegendemo für Vielfalt und Toleranz in Rheinsberg an. Das Aktionsbündnis „Neuruppin bleibt bunt“ um Martin Osinski organisiert noch am Freitagabend das Kulturprogramm. Die Landtagsabgeordnete Ulrike Liedtke (SPD) fragt die jungen Musiker des Bundesjazzorchester „Bujazzo“, ob sie vielleicht der NPD den Marsch blasen könnten. Das Orchester ist gerade für CD-Aufnahmen und ein Konzert am Samstagabend in der Musikakademie Schloss Rheinsberg zu Gast und verlegt seine Probe kurzerhand auf den Platz vor der St. Laurentiuskirche. Mit fröhlichem Südstaatenjazz ziehen die Blechbläser an den NPD-Plakaten vorbei, die Menge folgt ihnen tanzend. So kommt Rheinsberg unverhofft zu einer Party. Nach einer Stunde sind die Rechtsextremen verschwunden. Auch die Gegendemo löst sich auf. Und die Eisverkäuferin auf dem Marktplatz macht das Geschäft ihres Lebens.

Von Christian Schmettow

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