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Rheinsberg Postkarten als historische Zeitdokumente
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15:38 12.09.2018
Das Buch ging am Ende des Vortrags weg wie warme Semmeln. Quelle: Regine Buddeke
Rheinsberg

Rechteckig, praktisch, gut: Eine Postkarte ist ein flatterhaftes Leichtgewicht. Aber nur, wenn sie allein daherkommt. Eine ganze Sammlung dagegen wiegt richtig schwer. Vor allem, wenn sie zwischen zwei Buchdeckel gepresst wird, wie es Günter Rieger getan hat.

Lange hat Jörg Möller gesammelt, lange auch Günter Rieger. Im neuen Buch der Edition und des Vereins für Stadtgeschichte zeugen 320 Rheinsberger Ansichten von der Geschichte der Prinzenstadt.

Der Karwer Verleger hat am Dienstag das neueste Pfund seiner Edition vorgestellt: „Rheinsberg – das Postkartenalbum“ steht prosaisch auf dem Deckel des recht stattlichen Buchs – viermal so groß wie eine schlichte Ansichtskarte. „Liebesgrüße auf Papier“ hieß der poetische Titel des allmonatlichen Vortrags des Vereins für Stadtgeschichte Rheinsberg, den Jörg Möller zu diesem Anlass hielt – der Chef des Vereins ist nicht nur der Referent des Abends sondern auch Autor des Gemeinschaftsproduktes: Rund zwei Drittel der im Buch gezeigten historischen Ansichtskarten stammen aus seiner Privatsammlung. Der Rest sind Stücke aus dem Besitz des Vereins sowie Günter Riegers – auch er ist ein Sammler.

„Als ich irgendwann bemerkt habe, dass der Verein bei Ebay auf Rheinsberger Postkarten bietet, bin ich ausgestiegen. Ich wollte die Preise nicht versauen“, bekennt Rieger in seiner Eröffnungsrede. Er habe – so berichtet er – schon lange vor seiner Zeit im Ruppiner Land begonnen, sich für selbiges zu interessieren.

Ansichtskarten dokumentieren Zeitgeschichte

„Ich fand in einem Leipziger Antiquariat ein kleines Heftchen zur Geschichte von Rheinsberg. Das war die Initialzündung: Ich begann, mich mit Rheinsberg, Preußen, den Hohenzollern zu beschäftigen. Noch lange bevor ich mich für Fontane zu interessieren begann“, plaudert der rührige Historiker und Verleger. Zu einer Zeit, als er noch in der „schönsten Stadt Deutschlands lebte – gleich nach Rheinsberg“, sagt er, und die mehr als 100 Gäste, Vereinsfreunde und Rheinsberger in der rappelvoll bestuhlten Remise lachen. Dass es ihn vor fast 50 Jahren dann auch noch in diese schöne Region verschlagen hat, sei noch ein weiterer Grund zum Sammeln gewesen.

Vor fast 30 Jahren habe er sein erstes Büchlein über Rheinsberg herausgegeben. Das Ziel, die Geschichte der Region zwischen zwei Buchdeckel zu packen. Mit dem vorliegenden Band sei es nicht anders. Und gerade die Ansichtskarte sei ein perfektes Zeitzeugnis, um Veränderungen zu dokumentieren: Motive im Wandel – wie das Schloss, der Leuchtturm, die nicht mehr existente Villa Miralonda, das FDGB-Heim aus DDR-Zeiten, Kaufhalle und Bahnhofshotel. Wobei – hebt Rieger lobend hervor – der Verein sich schwerpunktmäßig mehr auf die Erforschung der Stadt konzentriere statt nur aufs Schloss.

Sie sind ein begehrtes Sammelobjekt

Jörg Möller erklärt rasch die Begrifflichkeiten der Philokartie – so der wissenschaftliche Begriff für Postkartensammler. Er gibt einen kurzen Exkurs über die Entstehung. 1861 wurde in den Vereinigten Staaten ein Gesetz erlassen, privat gedruckte und offen lesbare Karten per Post zu versenden. Ade, Datenschutz. 1865 brachte Heinrich von Stephan die Idee in Deutschland in eine Post-Konferenz – erhielt jedoch kein Rederecht. Es gab „sittliche Bedenken aufgrund der offenen Lesbarkeit“ – Deutschland schien damals prüder als die USA zu sein.

Ungeachtet dessen erschien auch hierzulande 1870 die erste gesetzlich erlaubte „Correspondenzkarte“ – kein Wunder, Heinrich von Stephan war inzwischen Generalpostdirektor in Norddeutschland. Der Siegeszug der Karte begann.

Die meisten Karten im neuen Buch sind aus Jörg Möllers Privatsammlung

Jörg Möllers Sammlung beginnt mit einem Rheinsberger Exemplar von 1866. Und dann blättert sich die Geschichte auf: eine Rückschau von 1866 bis 1989 – auf mehr als 100 Jahre Rheinsberg. Gedruckt, gemalt, coloriert – zumeist Lithografien. Möller verweist auf typische Gestaltungsmerkmale. „Große Vielfalt, trotz gleicher Motive – es sollte ja für Sammler interessant sein.“ Denn schnell habe sich die unscheinbare Karte zum Sammelobjekt gemausert und sogar eigene Trends entwickelt wie die Mondscheinkarte.

„Auf bläuliches Papier gedruckt und immer ist ein Mond darauf zu sehen“, erklärt Möller und zeigt einen Mond über dem Rheinsberger Schloss per Beamer. „Eigentlich kann der an dieser Stelle niemals zu sehen sein – wurde also reinretuschiert.“ Viele Ortskundige im Saal bekräftigen das. Und staunen bei einer Ansicht der Mühlenstraße. „Pferdeäpfel lagen damals bestimmt auch schon – aber wie man sieht, war die Straße vor 100 Jahren noch voller Leben“, bemerkt Möller.

320 Ansichtskarten sind im Buch enthalten

Das Goldene Zeitalter der Ansichtskarte lag zwischen 1897 und 1918: Um die Jahrhundertwende gab es mindestens elf Fachzeitschriften zum Thema. Allein 1903/04 wurde über eine Milliarde Karten versendet. Von 1910 bis 1919 erschienen ganze 330 verschiedene Karten mit Rheinsberg-Motiven: aus 35 Verlagen, 16 davon ganze 13 in Rheinsberg ansässig. Ein blühender Industriezweig. Nur die um 1930 aufkommenden Luftaufnahmen wurden ab Beginn des 2. Weltkriegs rar – wegen des strategischen Werts.

Dafür kamen zunehmend propagandistisch gefärbte Karten auf. Karten dokumentieren den Verfall – wie beim Leuchtturm, andere zeugen davon, dass Rheinsberg einst weit weniger waldreich war. Innenansichten des Schlosses aus früheren Jahren waren nach der Wende für die Restauratoren wertvolle Hilfen, um den originalen Zustand wieder herstellen zu können, nachdem das Schloss zu DDR-Zeiten als Sanatorium umgebaut war.

Die Erstauflage beträgt 500 Exemplare

Schauer und „Au weia“ breiten sich im Saal aus, als man den Obelisken aus den 50ern sieht, der ersatzweise für den durch die SED-Oberen gekippten Friedrich auf den Sockel gestellt wurde. Zumindest die etwas hölzern-brachial dargestellte Hoffnung auf ein geeintes Deutschland ist darauf dokumentiert. Gut, dass die Stadt ihren Kronprinzen wiederhat. Auch dass jetzt vor dem Schlosstor kein Volleyballnetz mehr hängt, wird goutiert. Schade jedoch, dass es den Nachtwächter nicht mehr gibt, der auf einer der Karten mit Hund, Horn und buschigem Bart auf einem Bänkchen hockt.

„Ich sollte 100 Karten für das Buch aussuchen“, berichtet Jörg Möller über seine Qual der Wahl. „Günter Rieger hat mich fast erwürgt, als es 200 waren.“ Nun sind es 320 –das Buch ist dick geworden. Und gefragt. Schon nach dem Vortrag rissen die Gäste sich um die Zeitzeugnisse. Sechs große Kisten hat Günter Rieger mitgebracht – am Ende sind alle leer.

Das Buch kann über den Verein Stadtgeschichte Rheinsberg sowie in der Rheinsberger Tucholsky-Buchhandlung erworben werden.

Von Regine Buddeke

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