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Ostprignitz-Ruppin „Richard III.“-Premiere in Netzeband
Lokales Ostprignitz-Ruppin „Richard III.“-Premiere in Netzeband
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00:31 05.08.2015
Noch leben alle: König Edward IV strebt mit seinem Gefolge in den Thronsaal. Quelle: Peter Geisler
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Netzeband

Die alte Königin speit Gift und Galle. Das flammendrote Haar ist wirr zerzaust, der Rock ein wirbelnd roter Strudel, der Mund ein klaffendes Loch, durch das sie flucht und keift, dem Irrsinn nahe. Zu viele ihres Stammes sind in den Rosenkriegen gefallen, die zwischen den englischen Adelsgeschlechtern tobten – zwischen der weißen Rose Yorks und der roten der Lancasters. Die Sieger mit der weißen Rose feiern ihren König Edward IV. Es könnte alles so schön sein, wie die erste Szene verheißt: das Volk tanzt Menuett, der Narr im blauen Luftgeister-Kostüm jubiliert. Doch da ist des Königs jüngster Bruder Richard, Herzog von Gloster – den Buckligen dürstet es nach Macht.

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Mit König Richard III. präsentiert der Theatersommer Netzeband 2015 eine der weltbekanntesten Tragödien um Intrigen und Macht. In der schönen Kulisse des Gutsparkes am Fuße der Temnitzkirche erleben die Zuschauer bestes Synchrontheater.

„König Richard III“ gehört zu den berühmten Historien-Dramen William Shakespeares und bildet im Synchrontheater Netzeband den Abschluss der Shakespeare-Trilogie. Nach dem Märchen „Der Sturm“ und der Komödie „Der Widerspenstigen Zähmung“ ist es nun das mörderische Spiel um Macht, an dem sich das Team um Regisseur Hermann Höcker abarbeitet. Netzeband-Fans wissen es: hier wird nicht nur Theater im herkömmlichen Sinn gespielt. Es gibt Spieler und Sprecher. Die Natur-Bühne des Gutsparks vor der Temnitzkirche ist zu groß, als dass ein Schauspieler ohne Mikro verstanden würde. Also werden Verse und Texte vorher von Schauspielern auf Band gesprochen. Das Schauspielteam – ein Mix aus Profis und Laien der Region – agiert am Set mit großer Gestik, synchron zu den verstärkten Stimmen. Seit Jahren schon leiht Tom Quaas den Hauptrollen seine wunderbare Stimme. Auch die expressiven Masken und Kostüme – bravourös gestaltet von Jana und Nina Fahrbach – verleihen dem Stück einen ureigenen Glanz. Richards Helm, über den sich ein Skorpionstachel angriffslustig krümmt. Die Echsenmaske des heuchlerischen Catesby. Der Zauber wächst noch, wenn die Dunkelheit hereinbricht. Dann schimmern die Kreuze des Friedhofes fahlbleich, der Tower am rechten Bühnenrand glänzt düster – genauso wie der Königsthron, auf den Gloster sich heraufgemordet hat.

Judith Steinhäuser spielt den intriganten Bösewicht, der es wie kein anderer vermag, Freund und Feind für seine Zwecke einzuspannen. Sie gibt dem Buckligen alle Facetten der Figur, der wie kein anderer lügen und betrügen kann. Für seine Machtgelüste geht er über Leichen, die Köpfe rollen wie die Billardkugeln – eingelocht wird im Tower. Er intrigiert, verleumdet, schmeichelt, lügt. Er schafft es, Anne zu umgarnen, obwohl er ihren Gatten und den Schwiegervater schlachtete. Und zögert nicht, sie alsbald zu ermorden, als eine andere Ehe zweckdienlicher scheint. Immer mehr Köpfe werden auf die Grabkreuze gesetzt – der Tod, gruselig in schwarz-rot, tanzt mit seiner Beute. Eine schöne Idee des Regisseurs, der dem Stück auch noch einen Narren zudichtete: als Handlungsklammer und moralische Instanz. Nur der Narr, mit dem Ohr überall, darf hier die Wahrheit sagen. Des Mordens ist kein Ende. Bis zu dem Zeitpunkt, wo der Rest der Welt sich gegen den Tyrannen stellt, Freund zu Feind wird – und Richard, dem seine Opfer zum Alptraum werden, selbst ins Gras beißen muss.

Der Fluch der roten Königin. Quelle: Peter Geisler

Mit Fantasie und Herzblut machen Hermann Höcker und sein Ensemble plastisch, wie ein Bösewicht es schafft, sich derart rasant an die Spitze zu manövrieren. Klar, Gloster macht von Anfang an keinen Hehl daraus, dass er böses will, schon als er seinen Bruder Clarence opfert. „Dumm-braves Brüderchen! Ich liebe dich so sehr, dass ich dem Himmel gleich dein Seelchen schicke.“ Das ist zynisch, bitterbös, perfide. So perfide, wie die Verführung Annes, noch am Sarge ihres Gatten.

Die Netzebander Richard-Fassung spürt dem Wechselspiel zwischen Verführer und Verführte nach. Auch mit viel Witz, etwa wenn die beiden Mörder unter ihren Affen-Masken zögern, Clarence abzumurksen. „Soll ich ihn im Schlaf erstechen?“ „Nein, er könnte sich beschweren, wenn er aufwacht.“ Am Ende – ein neuer König sitzt auf dem Thron – steht man wie der Narr da – mit dem deprimierenden Fazit: „Macht setzt Gewalt fort. Wie ich es auch dreh und wende: ich komm mit unserm Drama zu keinem Ende.“

Von Regine Buddeke

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