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Rüthnick schafft das

Freiwllig Flüchtlinge aufgenommen Rüthnick schafft das

Die Hilfe für zwei Familien aus Afghanistan tut auch der Dorfgemeinschaft in Rüthnick gut. Rüthnicker sammeln Möbel, Fahrräder und Kleidung für die Flüchtlinge, bringen ihnen Deutsch bei und fahren sie zum Einkaufen oder zum Arzt. Auch Vielitz hat freiwillig zwei Wohnungen für Flüchtlinge hergerichtet.

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Glücklich in Rüthnick angekommen: Flüchtlinge aus Afghanistan mit dem Ehepaar Ebert.

Quelle: Christian Schmettow

Rüthnick. Im Krankenhaus fragte eine Schwester: „Warum machen sie das?“ Regina Ebert aus Rüthnick verstand die Frage nicht. „Helfen ist doch das Erste, was einem einfällt, wenn Menschen in Not sind“, sagt die 61-Jährige. Sie hatte ein afghanisches Flüchtlingskind zur Behandlung nach Neuruppin gefahren.

„Man muss den Menschen erst mal helfen“, sagt auch ihr Mann Klaus-Dieter Ebert, „ob man nun Christ ist oder nicht. Wir sind da reingerutscht. Jetzt kommen wir nicht mehr raus.“ Eben noch hat der drahtige Rüthnicker über die verwinkelte Treppe einen Sessel in den ersten Stock des Vorlaubenhauses geschleppt. Jetzt sitzt er an seinem Küchentisch. „Schauen Sie nicht so genau hin“, sagt seine Frau. „Wir kommen im Moment nicht mehr zum Aufräumen.“

Familie Ebert, Brita Köcher, Petra Rosenberg, die Bürgermeisterin Birgit Salzwedel, der Gemeindevertreter Ralf-Peter Voigt, Dorina Hortig, die Frauen von der Volkssolidarität – das sind nur einige Rüthnicker, die sich um zwei Familien aus Afghanistan kümmern, die seit Kurzem im Dorf leben.Anderswo gibt es Protest gegen Flüchtlinge, bevor überhaupt einer zu sehen ist. Im Amt Lindow haben nun zwei Dörfer von sich aus Wohnungen für Flüchtlinge zur Verfügung gestellt. Rüthnick und Vielitzsee vermieten jeweils zwei Wohnungen in gemeindeeigenen Gebäuden an den Landkreis. Davon haben auch die Gemeinden selbst etwas, denn die Wohnungen standen lange leer.

Im Bürgerhaus von Vielitz erwartet Bürgermeister Dieter Fischer die Ankunft der Flüchtlinge für nächste Woche. „Wir wünschen uns eine Familie“, sagt Dieter Fischer, aber wer kommt und aus welchem Land, erfährt auch der Kreis erst zwei Tage vorher.

Flucht vor den Taliban

Im Vorlaubenhaus in Rüthnick sind schon zwei afghanische Familien eingezogen. Unterm Dach leben Negar und Serdar mit ihren Töchtern Setare (12), Setayish (7), Nigin (5) und Nigayish (sechs Monate) sowie deren Onkel Najib (21). Die Familie aus der Provinz Logar ist vor den Taliban geflohen. Die Eltern trauten sich nicht, ihre Töchter in die Schule zu schicken, weil die Islamisten Bomben in die Schulen warfen. Als der Großvater getötet wurde, floh die Familie über den Iran in die Türkei. Die türkische Polizei schickte sie zurück nach Afghanistan.

Beim zweiten Mal gelang die Flucht – zu Fuß mit Kindern und einem Säugling über den Balkan bis nach Deutschland. Die älteste Tochter ist am Auge verletzt und muss behandelt werden. Doch der Bus nach Neuruppin und zurück kostet 7 Euro – das können sich die Flüchtlinge nicht leisten. Also fahren die Rüthnicker die Flüchtlinge mit ihren Privatautos in die Kreisstadt.

Selbst das Einkaufen ist in Rüthnick ein Problem. Die Männer – an ganz andere Fußmärsche gewöhnt – gehen schon mal zu Fuß entlang der Bahngleise nach Alt Ruppin. Sie haben alle gefragte Berufe – Maler, Schweißer, Motorradmechaniker. Was ihnen noch fehlt ist die deutsche Sprache.

Verständigung auf Englisch

Anspruch auf einen Sprachkurs haben sie erst nach sechs Monaten – sehr zum Leidwesen von Marina (20). Die junge Frau ist mit ihrem Mann Naziv Ahmad (27) und ihrer Tochter Asenat (zwei Jahre und fünf Monate) vor zwei Monaten nach Deutschland gekommen und kann sich schon auf Deutsch verständigen. Neben Farsi und Türkisch spricht die junge Afghanin auch Englisch. Jetzt ist sie die Dolmetscherin fürs ganze Dorf – zum Beispiel, wenn die Bürgermeisterin Birgit Salzwedel den Afghanen die deutsche Mülltrennung erklärt. Dass ihre Autorität nicht anerkannt werden könnte, weil sie eine Frau ist, das fürchtet die resolute Rüthnickerin nicht. In der afghanischen Familie hat auch die Frau das Sagen“, hat sie schon beobachtet.

Ganz verrückt waren die afghanischen Frauen auf die Fahrräder, die einige Rüthnicker für ihre neuen Mitbewohner gesammelt haben. Als Frau Fahrrad zu fahren, ist in ihrer Heimat verpönt.

Säckeweise Spenden für die Neuankömmlinge

Möbel, Spielzeug und säckeweise Kleidung haben die Rüthnicker schon gesammelt. Vor der Ankunft der Afghanen haben sie die Betten bezogen und Plüschtiere daraufgelegt. „Jeder hat noch was übrig, wenn man die Menschen im Dorf nur anspricht“, sagt Klaus-Dieter Ebert. Der Dorfgemeinschaft in Rüthnick tun die Flüchtlinge offensichtlich gut. Die Last ist auf viele Schultern verteilt.

Die Familie von Regina Ebert lebt seit Generationen im Dorf. Nach dem Krieg musste man dort auch zusammenrücken. „Damals gab es viel mehr Flüchtlinge“, sagt sie. Und dass sie so enttäuscht sei von Leipzig und Dresden. Bei der Flut habe es dort noch so einen Zusammenhalt gegeben. Und jetzt traue sich ihre Tochter nicht mehr, ins Internet zu gehen – wie da gehetzt wird, da fange sie an zu heulen.

Am 13. Dezember wollen die Rüthnicker Vereine die Flüchtlinge zu ihrer Weihnachtsfeier einladen. In Vielitz wollen die Gemeindevertreter am Sonnabend im Bürgerhaus die Spenden sichten, die sie schon mal für ihre neuen Einwohner gesammelt haben.

Von Christian Schmettow

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