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Schlacht um den Schnabelhuf

Pferdehalterin wegen Tierquälerei angeklagt Schlacht um den Schnabelhuf

Verwahrloste Pferde, frei herumlaufende und trotz Schmerzen nicht versorgte Tiere - so soll es auf dem Hof von Manuela N. ausgesehen haben. Der Huf eines Hengstes sei verwachsen gewesen und hätte behandelt werden müssen. Dies sei angeboren gewesen, sagte sie vor dem Amtsgericht Neuruppin (Ostprignitz-Ruppin). Dort ist sie wegen Tierquälerei angeklagt.

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Ein Teil der im März beschlagnahmten Pferde in einem Stall in Zühlen. Die scheuen Tiere hatten zuvor fast wie Wildtiere gelebt.

Quelle: Andreas Vogel

Linow. Ein schicker Wollpullover, graue Wildlederstiefel, rote Haare, freundlicher Blick, gepflegtes Äußeres ‒ sieht so eine Tierquälerin aus? Von Verwahrlosung ist die Rede, von frei herumlaufenden, nicht versorgten, schmerzgepeinigten, verendeten Tieren. Dieses Bild zeichnen der Amtstierarzt Ralph Roffeis und die Staatsanwältin von Manuela N.. Am Donnerstag stand die 52-Jährige wegen zwei Fällen von Tierquälerei vor dem Neuruppiner Amtsgericht. Ein Urteil gab es nicht. Nach drei Stunden wurde die Verhandlung vertagt.

Die Tierquälerei, die Manuela N. zur Last gelegt wird, besteht vor allem in unterlassener Hilfeleistung für zwei Pferde. Oder in unterlassener Sterbehilfe. Manuela N. habe im Juni 2012 den verwachsenen Huf eines jungen Hengstes trotz mehrfacher Aufforderung nicht behandeln lassen, sagt der Amtstierarzt. Und sie habe sich nicht um ein krankes Fohlen gekümmert.

Der Linowerin waren im März alle ihre 164 Pferde weggenommen worden. Der Amtstierarzt des Landkreises Ostprignitz-Ruppin ließ die Zuchttiere in einer spektakulären Aktion beschlagnahmen und zunächst in Ställen der Agrargenossenschaft unterstellen. Inzwischen hat der Landkreis alle Pferde verkauft. Ein großer Teil soll geschlachtet worden sein. Beide Seiten überziehen sich seitdem mit Schadenersatzforderungen: Der Kreis verlangt 166.000 Euro für Unterbringung und Futter von Manuela N.. Die wiederum will eine noch höhere Summe an Schadenersatz geltend machen. Mehr als 30 Klagen gegen den Landkreis habe sie beim Verwaltungsgericht in Potsdam eingereicht, sagte sie am Donnerstag.

Von den Vorgängen in Linow zeichnete die Angeklagte dann auch ein ganz anderes Bild als der Amtstierarzt: Seit 1991 führe die Diplom-Agraringenieurin und Ökonomin aus Luckau in Linow bei Rheinsberg einen landwirtschaftlichen Familienbetrieb im Haupterwerb, sagt sie. Dort züchtete sie extensiv Fleischrinder, Schafe und Pferde ‒ seit 1997 auf ökologische Art und Weise. Ihre Rinder wurden vielfach ausgezeichnet: auf der Brandenburgischen Landwirtschaftsausstellung Brala und vom Bundeslandwirtschaftsminister. Zwei große Taschen schleppte Manuela N. wie zum Beweis mit in den Gerichtssaal ‒ eine voller Pokale, eine mit Urkunden.

Den Tierarzt Ralph Roffeis habe sie im Jahr 2000 kennengelernt. Anlass war die BSE-Krise. Roffeis persönlich habe damals alle ihre aus Großbritannien stammenden Tiere getötet, obwohl bei denen zu keiner Zeit BSE festgestellt wurde.

2002 hätten dann freilaufende Hunde fast ihre gesamte Schafherde gerissen ‒ 300 Tiere. Gegen den ihr bekannten Hundehalter habe nie jemand ermittelt. Stattdessen sei sie selbst wegen Subventionsbetrugs angezeigt worden, als sie die restlichen 34Schafe schlachtete. Seit 2008 würden ihr keine Fördermittel mehr ausgezahlt.

Manuela N. verlegte sich ganz auf die Pferdezucht und übernahm im Mai 2011 den kompletten Bestand eines "angeblichen Tierquälers" aus der Uckermark: "100 erstklassige Zuchtpferde mit Herkunft", die artgerecht in Freiland-Gruppen gehalten würden, so die Angeklagte. Seitdem suche der Amtstierarzt nach Gründen, ihr diese Tiere wegzunehmen.

Über weite Strecken glich die Verhandlung am Donnerstag einem tiermedizinischen Seminar: War der sogenannte "Schnabelhuf" des Hengstes angeboren und nicht behandelbar, eine Hufbehandlung der wild im Freien lebenden Herde gar nicht nötig, wie die Angeklagte behauptet? Oder hätte ein Hufschmied helfen können, der Hengst notfalls geschlachtet werden müssen, wie Ralph Roffeis aussagte? Hatte das Fohlen die infektiöse Fohlenlähme, wie Roffeis diagnostizierte, oder war es nur kurz vor der amtsärztlichen Kontrolle von einem anderen Pferd getreten worden? Hatten die Tiere wirklich so starke Schmerzen?

Antworten fand das Gericht am Donnerstag nicht. Beide Pferde sind längst geschlachtet. Die Verhandlung wird am 11. November um 10 Uhr fortgesetzt. Das Gericht erwägt, dann auch die Pferdehalter aus Dorf Zechlin als Zeugen vorzuladen, die Manuela N. anonym angezeigt hatten. Von dem kranken Fohlen filmten die beiden ein Video, das weder der Verteidigung noch der Staatsanwältin vorlag.

Von Christian Kranz

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