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Schwarzmeer-Kosaken begeistern in Neuruppin

Ein tiefer Blick in die russische Seele Schwarzmeer-Kosaken begeistern in Neuruppin

Ein Streifzug durch die Weiten von Mütterchen Russland – das ist es, was Kosaken-Ataman Peter Orloff seinem Publikum verspricht. Mit umwerfenden Sängern und einem schönen Mix aus Klassik, russischem Liedgut und liturgischen Gesängen begeisterten die Schwarzmeer-Kosaken die 300 Gäste in der Neuruppiner Pfarrkirche.

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Peter Orloff leitet den Chor seit 1990.

Quelle: Regine Buddeke

Neuruppin. Der Auftakt kommt überraschend wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Der Kosake singt Sopran. Der Chor um ihn herum, mit tiefem Grollen, unterstreicht diesen überraschenden Fakt noch mehr.

Mit einem Auszug aus Borodins Oper „Fürst Igor“ eröffnen die Schwarzmeer-Kosaken ihr Programm, dann kommt der Ataman auf die Bühne – ebenso in Schwarz wie seine Kosaken, lediglich das Koppel zeigt seinen Rang: Peter Orloff, ehemaliges Teenager-Idol und Schlagerstar der 70er, bekannt aus Funk und Fernsehen. Dem 1938 gegründeten Kosaken-Chor, in dem Peter Orloff bereits seit 1958 singt, steht er seit 1990 vor – nach dem Tod seines Vaters Nikolai Orloff, der die Geschicke des Chors lange Zeit in seinen Händen hielt, übernahm er.

Orloff hat die Familientradition weitergeführt und den Chor weiter zu einem Klangkörper der Extraklasse geschmiedet: eine Tafelrunde, in der die teils besten Sänger Russlands, der Ukraine und der Schwarzmeer-Region vereint singen, ungeachtet der politischen Animositäten zwischen Ukrainern und Russen. Ein schönes Beispiel, wie Musik die Nationen verbindet. 300 Zuschauer lassen sich am Sonntagnachmittag in der Neuruppiner Pfarrkirche die Chance nicht entgehen, den begnadeten Stimmen zu lauschen, einen tiefen Blick in die russische Seele zu nehmen.

„Glorreicher Baikal“ – ein Lied wie der See selbst: tief, mal still, mal stürmisch, geheimnisvoll. „Es wird eine Reise durchs winterliche Mütterchen Russland“, verspricht Orloff, der mit 14 Jahren jüngster Kosaken-Sänger aller Zeiten war und auch schon an der Seite Iwan Rebroffs sang.

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Sopran Igor Ishchak

Sopran Igor Ishchak.

Quelle: Regine Buddeke

twa „Das einsame Glöckchen“, das auch in Neuruppin leise läutete. Die neun Sänger um ihren Ataman machen es zu etwas Besonderem. Fast unhörbar summt der Chor, darüber zwitschert die Domra, eines der typischen Instrumente Russlands, neben der riesigen Bass-Balalaika und dem Bajan, das für deutsche Augen wie ein Akkordeon aussieht. Noch in das Summen hinein schwillt der Klangteppich an wie ein Fluss zur Schneeschmelze, unmerklich wird aus trügerischer Stille ohrenbetäubende Wucht. Dann wird es wieder süß – wie ein Engel klingt Igor Ishchaks Sopran beim „Ave Maria“. „Die Liturgie ist uns Russen besonders wichtig“, erklärt Orloff. „Schwanensee“ – auch dies das Werk eines großen Russen. „Nicht die Drei-Stunden-Version“, scherzt der Ataman charmant. „Wir machen es kurz.“ Und sie singen auch, statt zu tanzen. Dann folgt, „worauf wohl jeder wartet“, kündigt Orloff den Gefangenenchor aus Verdis Oper „Nabucco“ an – ein gerauntes „Aaah“ geht durch die Zuschauerreihen.

Die Klassik gehört fest ins Programm der Schwarzmeer-Kosaken, etwa Franz Schuberts wunderbar wehmütiges „Leise flehen meine Lieder“. Der russischen Seele lassen die Sänger freien Lauf bei den traditionellen Volksliedern, dem „Schneesturm“, „Marussja“ oder den legendären „Abendglocken“. Immer wieder seufzt das Publikum, ergibt sich mit geschlossenen Augen dem Gesang und schwelgt in gedachten russischen Riesenwäldern, zwischen Birken und Banjas, Wodkagläsern und Kaviar.

Traditionell

Traditionell: die Instrumentalisten mit Bajan, Bass-Balalaika und Domra (v. l.)

Quelle: Regine Buddeke

„Das waren Töne, wie sie Pavarotti an guten Tagen auch getroffen hat“, ulkt Orloff. Das Lob für seine Sänger, die völlig ohne Mi­kro auskommen, ist indes nicht unverdient – es ist atemberaubend, was da in den Solopartien zu hören ist. Auch die drei Instrumentalisten haben reichlich Gelegenheit, ihrem Affen Zucker zu geben. Die Finger des Bajan-Spielers fliegen über die Tasten, die Domra schwirrt so schnell wie ein Kolibri. Da geht die Post ab, nicht nur bei der Post-Troika. „Wir sind jetzt auf der Straße vor Sankt Petersburg, der Stadt meiner Vorfahren“, erklärt Orloff.

Dann geht die musikalische Reise weiter in die Ukraine, manches Mal geht die Musik so sehr in die Beine, wie es in Zigeunerlagern üblich ist, wenn der Teufelsgeiger spielt und sich alles in taumeligen Rausch tanzt. Immer wieder klatscht auch das Publikum begeistert mit, bis es ans Finale geht – kein Konzert ohne das Lied über den Mann, dessen Name sich in roten Lettern durch Russlands Geschichte zieht: Kosaken-Hauptmann Stenka Rasin. Dann senkt sich tiefer Frieden über die Szene, der Tag neigt sich zur Ruhe, fast einschläfernd macht es bomm – bimm – bomm. Leise klingen die Abendglocken. Dann reißt es die Zuschauer von den Sitzen, sie wollen mehr. Und bekommen als Zugabe noch – wie sollte es auch anders sein? – „Kalinka“. Und ein süßes „Guten Abend, gut Nacht“ des Soprans. Dann schweigen die Kosaken.

Von Regine Buddeke

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