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Seit 600 Jahren kaputt

Schaden an der Glocke der Kerzliner Kirche Seit 600 Jahren kaputt

Seit dem Mittelalter hat die Glocke in der Kerzliner Kirche geläutet - trotz eines Fehlgusses. Doch jetzt hat die Glocke ihren Geist aufgegeben. Und auch jetzt erst wurde die Ursache entdeckt.

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Michael Schulz an der defekten Glocke unter dem Dach der Kerzliner Kirche.

Quelle: Henry Mundt

Kerzlin. Früher war alles besser? Mitnichten. Zumindest die Menschen im Mittelalter nahmen es mit den Qualitätskontrollen nicht immer so genau. Oder sie duldeten sie sehenden Auges. Vor rund 600 Jahren zum Beispiel, in Kerzlin. Da wurde eine Glocke geliefert, bei der sich Schlacke im Metall abgesetzt hatte. Ein Fehlguss. Gut zu erkennen, sogar für Laien und eigentlich ein klarer Fall für Widerspruch. Doch passiert ist nichts. Oder vielmehr das: Die Glocke wurde trotz des Schadens aufgehängt. Lange, lange Zeit tat sie dennoch ihren Dienst. Jetzt erst gibt's die Rechnung für die fehlerhafte Arbeit des mittelalterlichen Gießers: Die Glocke kann nicht mehr geläutet werden.

Aufgefallen ist es Joachim Otto. Der Glockenspezialist aus Schleswig-Holstein, der sich um alle Läutewerke der Temnitz-Kirchen kümmert, hievte die fast eine Tonne schwere Glocke mit seinen Mannen herunter, um die Aufhängung zu reparieren - und traute seinen Augen kaum. Die Krone fehlte. Sie war wohl einfach abgebrochen. An ihrer Stelle wurden Bolzen durch den Glockenkörper gebohrt. Weil diese Konstruktion vom Rost angegriffen ist, kann die Glocke nicht mehr aufgehängt werden.

Eine kleine Katastrophe für die Gemeinde. Die Reparatur soll rund 20000 Euro kosten. "Das liegt daran, dass die Arbeiten bei einer Temperatur von 800Grad erfolgen müssen", sagt Joachim Pritzkow, Bauexperte der Kirchengemeinde Temnitz, zu der Kerzlin gehört. "Und das können nur drei oder vier Firmen in Europa machen." Joachim Otto empfiehlt, die Glocke zu einem Unternehmen in den Niederlanden zu bringen. Wann es dazu kommt, ist noch völlig offen. Denn neben dem Glockenschaden ist in der Kirche jetzt auch Holzwurmbefall im Gestühl, am Altar und im Kranzprofil unterhalb der Decke aufgefallen. Die Begasung des Gebäudes ist die einzige Möglichkeit, den Schädling loszuwerden. Dabei entstehen ebenfalls Kosten in Höhe von rund 20000 Euro. "Das sind insgesamt 40000 Euro mehr, als wir geplant haben", sagt Joachim Pritzkow und stöhnt. "Damit liegen wir um etwa 35 Prozent über unserem Jahres-Etat."

Dennoch: Die Holzwurmkur muss sein. Das sieht so zumindest Pfarrerin Ann-Katrin Hamsch. "Das können wir nicht lange hinausschieben, dadurch wird der Schaden ja immer schlimmer." Auch die Glocke würde sie lieber morgen als in ein paar Jahren reparieren. Die Pfarrerin bezweifelt aber, dass die Kirchengemeinde es sich leisten kann. "Solche Summen stehen uns nicht einfach so zur Verfügung", sagt Ann-Katrin Hamsch. Gestern Abend wurden die Sanierungsvorschläge im Gesamtgemeindekirchenrat vorgestellt. Was tatsächlich im kommenden Jahr gemacht werden muss, will das Gremium aber erst im November entscheiden.

Einen ungünstigeren Zeitpunkt für die Aufdeckung von solch großen Schäden gibt es kaum. Denn die Gemeinde will Anfang Dezember groß feiern: Die neue Kerzliner Kirche wurde vor genau 100 Jahren erbaut. Der Beifall der Gemeinde könnte sich beim Festgottesdienst aber in Grenzen halten. Schließlich haben die Vorfahren der heutigen Kerzliner den Schaden vermutlich entdeckt, als sie die Glocke in den neuen Kirchturm einbauen wollten. Das Geld für die Reparatur fehlte aber wohl auch damals. Die Glocke wurde aufgehängt, die Bolzen kaschiert. Früher war eben doch nicht alles besser.

Von Celina Aniol

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