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Seit 70 Jahren Schönermarker

Vom Flüchtlingskind zum Urgestein Seit 70 Jahren Schönermarker

1936 im heutigen Polen geboren, kam Waldemar Relau zehnjährig als Flüchtlingskind nach Schönermark. Schon damals beschloss der heute 80-jährige, für immer im Dorf zu bleiben. Er hielt Wort und fand in Schönermark eine neue Heimat. Inzwischen gehört Waldemar Relau zum Urgestein.

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Waldemar Relau kennt sich in Schönermark bestens aus.

Quelle: André Reichel

Schönermark. Waldemar Relau wollte gerade die Post aus dem Briefkasten holen, als ein Transporter genau vor seinem Haus anhält. „Geht es hier nach Zernitz?, möchte der Fahrer wissen. Nein, entgegnet der 80-jährige. „Hier geht es nach Barenthin. Sie müssen umdrehen und dann immer geradeaus fahren“, erklärt Waldemar Relau. „Seit in Holzhausen die Straße gebaut wird, geht das den ganzen Tag so“, sagt der Schönermarker. Doch der 80-jährige zeigt viel Verständnis, denn er weiß, wie es ist, fremd in einem Ort zu sein.

70 Jahre ist es her, als Waldemar Relau als Flüchtlingskind nach Schönermark kam. Geboren wurde Waldemar Relau 1936 in einem kleinen Dorf nahe der polnischen Stadt Lodz. Seine Familie betrieb eine kleine Landwirtschaft und gehörte dort zur deutschen Minderheit in der Region. Als im Januar 1945 Kanonendonner die heranrollende Front ankündigte, beschloss die Familie, trotzdem zu bleiben. Waldemar Relau erinnert sich noch genau, wie sein Vater sagte: „Es macht keinen Unterschied, ob wir zu Hause oder unterwegs sterben.“ Den Tod fand der Vater, als die Sowjetsoldaten ins Dorf kamen. Der damals neunjährige Waldemar Relau blieb mit seiner Mutter allein zurück.

Die Reise ins Ungewisse

1946 wurden die deutschen Einwohner aus Polen vertrieben. Auch Waldemar Relau musste mit seiner Mutter die Reise ins Ungewisse antreten. Zu Fuß, teils auch per Eisenbahn – in Viehwaggons gepfercht – endete die monatelange Odyssee schließlich mitten in der Nacht am Zernitzer Bahnhof. 30 Flüchtlinge stiegen aus. Darunter auch der damals zehnjährige Waldemar Relau mit seiner Mutter. „Ich kann mich bis heute an die Namen jedes Einzelnen von ihnen erinnern“, sagt Waldemar Relau. Er und seine Mutter kamen bei einem Bauern in Schönermark unter. Dort wohnten sie 14 Jahre.

Von den 30 Neuankömmlingen ist Waldemar Relau als einziger übrig geblieben. „Alle anderen sind fortgezogen oder sind inzwischen verstorben“, sagt Waldemar Relau. Vergessen hat der 80-Jährige keinen von ihnen: „Ich weiß von allen noch die Namen.“

480 Einwohner hatte der Ort in den Nachkriegsjahren

Obwohl nicht alle Schönermarker die Neuankömmlinge willkommen hießen, sah Waldemar Relau das Dorf fortan als seine neue Heimat an: „Ich beschloss schon als Schüler, für immer in Schönermark zu bleiben.“ 480 Einwohner hatte der Ort in den Nachkriegsjahren. So viele, wie nie zuvor. Bis zu 100 Kinder drängten sich in der kleinen Dorfschule, die Waldemar Relau 1950 verließ.

Seine inzwischen verstorbene Frau lernte er mit 24 Jahren kennen. Sie wohnte im Haus gegenüber. Gemeinsam baute sich das junge Paar ein Haus am Dorfrand. Dort lebt Waldemar Relau noch heute. Über die Unterstützung beim Hausbau durch die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG), in der er mehr als 30 Jahre lang in der Schweineproduktion arbeitete, ist er bis heute sehr dankbar.

Mit den Menschen des Dorfes freundete sich der gesellige Neu-Schönermarker schnell an. In seiner Freizeit pflügte er mit seinem Pferd die Gemüsegärten fast aller Einwohner. „Das hat mit immer viel Spaß gemacht“, erinnert sich Waldemar Relau. 30 Jahre lang war er Gemeindevertreter und für vier Jahrzehnte war Waldemar Relau gemeinsam mit Stallkollegen für die Beerdigungen im Dorf zuständig. „Ich habe aber auch die Hecke des Kindergartens geschnitten“, berichtet er.

Kutschfahrten mit ehemaligen Arbeitskollegen

Als er 1993 in den Vorruhestand ging, blieb der damals 57-Jährige nicht untätig: „Ich machte in den Sommermonaten Kutschfahrten mit ehemaligen Arbeitskollegen in die Umgebung.“ Etliche Jahre verteilte Waldemar Relau im Dorf die MAZ. Doch auch für seine Leidenschaften, wie etwa seinen großen Gemüsegarten, den er bis heute tadellos in Schuss hält, und die Taubenzucht hat der rüstige Rentner Zeit und genügend Energie.

Mit ein wenig Sorge betrachtet der 80-Jährige, dass es um die Dorfgemeinschaft nicht mehr so gut steht wie noch zu DDR-Zeiten. „Zu Arbeitseinsätzen und den Dorffesten kamen damals alle Einwohner, heute ist das nicht mehr so“, sagt Waldemar Relau. Einst als Flüchtlingskind gekommen, gehört er heute zum Urgestein im Dorf.

Von André Reichel

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