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Soldatengrab bei Nackel

Freiwillige pflegen den Ort Soldatengrab bei Nackel

Ein unbekannter Soldat wurde vor 70 Jahren tief im Rhinluch unweit des Flüsschens Temnitz bestattet. Bis heute kümmern sich Bewohner aus den nahen Dörfern Nackel und Läsikow um diesen entlegenen Ort, den eine ganz besondere Aura umgibt.

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Hannelore Gottschalk und ihr Mann Albrecht nutzen die Grabpflege fast alle zwei Wochen für einen Ausflug ins Grüne.

Quelle: Matthias Anket

Nackel. Es ist ein launischer Sommer. Heute wie vor 70 Jahren. Da machen sich an einem frühen Morgen die Frauen aus dem Dorf Nackel zur Heuernte auf. Seit vielen Wochen schon ist dem Zweiten Weltkrieg Frieden gefolgt. Die Spuren aber sind Mitte 1945 noch frisch. Und so entdecken die Frauen während ihrer Arbeit plötzlich Grauenvolles. Ein wohl älterer, schon verwester Mann in zerfetzter Wehrmachtsuniform liegt plötzlich vor ihnen und daneben eine Brille mit runden Gläsern. Diesen Mann, dessen Namen in der Umgebung keiner kennt, der weder Papiere noch Erkennungsmarke bei sich trägt, der gewiss aber von irgendjemandem vermisst wird, beerdigt man noch an Ort und Stelle.

Seit dem Sommer vor nun genau 70 Jahren ist das Grab vom unbekannten Soldaten tief im Rhinluch unweit von Nackel unvergessen. Regelmäßig wird es gepflegt. Selbst zu DDR-Zeiten, als manches anders gesehen wurde, trauten sich die Leute dorthin.

Zum Nachdenken und Besinnen

Nach der Wende duldeten dann offiziell die Gemeinde, aber auch der Volksbund Kriegsgräberfürsorge diesen, wie es hieß, „besonderen Ort der Erinnerung“, statt den Leichnam umbetten zu lassen, wie es andernorts in der Regel sonst geschieht. Eine der Frauen erhielt für ihr Engagement um diese kleine unscheinbare Stätte unlängst vom Bund sogar eine silberne Ehrennadel als Auszeichnung: Christa Calließ.

„Es ist ein Ort des Nachdenkens und Besinnens, und er ist allen vermissten Kriegstoten gewidmet“, sagt die Seniorin, die ihr Leben bis vor Kurzem in Nackel zubrachte. Sie könne sich noch heute „gut vorstellen“, wie sich dieser Mensch gefühlt hatte, bevor er starb. „Ich war damals 19 Jahre alt. Ende April gab es Tieffliegerangriffe. Die schossen auf alles, was sich bewegte. Ich hatte nur Glück.“ Calließ, heute 89 Jahre alt, hält den unbekannten Soldaten aufgrund seines Alters für einen Mann, der in den letzten Kriegstagen noch zum sogenannten Volkssturm gehörte. Er müsse aber auf der Flucht gewesen sein, weshalb ihn in der Region niemand kannte. „Das war schon seltsam, viele vermissten ja Angehörige. Mancher glaubte, das könnte einer der ihren sein.“ Sein Oberschenkel wurde durchschossen. Der Soldat verblutete. So blieb er dort liegen.

Das schmiedeeiserne Kreuz verschwand einst samt Stahlhelm

Das schmiedeeiserne Kreuz verschwand einst samt Stahlhelm.

Quelle: Privat

Am Anfang stand ein schlichtes Birkenkreuz mit dem Stahlhelm des Soldaten darauf. Dem folgte eines aus Eiche und dann ein schmiedeeisernes mit Blechschild. Als es samt Helm verschwand, besorgte die Gemeinde Ende der 1980er Jahre das Sandsteinkreuz.

Die Erste, die sich längere Zeit um das kleine Grab kümmerte, war Helga Lange aus dem nahen Dorf Läsikow. Ihr folgte Christa Calließ, die später als Lehrerin mit ihren Schülern aus Nackel den Besuch beim Grab mit Wandertagen verband. „Damals, noch vor der Melioration, war es viel nasser dort als heute. Die Gegend nennen wir daher Tiefwiesen. Und die kleine Erhöhung mit dem kleinen Wäldchen, an dem der Tote gefunden wurde und von denen es im Luch so einige gibt, dazu sagen wir Kamp. Als noch keine Pestizide versprüht wurden, wuchsen überall Dotterblumen und Schlüsselblumen. Doch der Schulleiter sah das nicht gern, wenn wir zum Grab gingen.“ Man sollte keinen Wehrmachtssoldaten verehren, hieß es.

„Hätten wir uns nicht gekümmert, wäre diese Geschichte längst vergessen“, sagt eine, die Schülerin von Christa Calließ war: Hannelore Gottschalk. Die jetzt 65-Jährige ist es, die das Grab heute pflegt und auch die Dorfchronik hütet. Darin ist der 30. April als Todestag des namenlosen Mannes vermerkt, wohl orientiert an den damaligen Tieffliegern über der Region. „So wird er jedenfalls nicht vergessen“, sagt Hannelore Gottschalk und rupft Unkraut. Dann stellt sie Blumen auf das Grab und harkt den Sandboden drumherum glatt. So macht sie es alle zwei Wochen. Totensonntag gibt es ein Gesteck dazu. „Vor kurzem machte uns der Eichenprozessionsspinner an einem Baum daneben zu schaffen“, sagt ihr Mann Albrecht. Er hilft oft mit. Die Besucher an der für Fremde nur schwer zu findenden Stelle seien mit der Zeit weniger geworden. Nackels Schule ist längst geschlossen.

Das Wäldchen in der Bildmitte ist eine kleine Erhebung

Das Wäldchen in der Bildmitte ist eine kleine Erhebung. Dort befindet sich das Soldatengrab.

Quelle: Matthias Anke

Unvergessen bleibt eine Andacht, die es anlässlich des 50. Jahrestages des Kriegsendes an dem Grab 1995 gab. Pfarrer Stefan Aegerter, heute in Cottbus, erinnert sich daran. „Auch wenn es ein deutscher Soldat war, da liegt ein Schicksal begraben“, sagt er. Ein Leben, das im menschenleeren Luch in Sichtweite zum Pappelsaum der Temnitz endete.

Mehr als 10 000 unentdeckte Kriegstote

250 bis 300 Tote aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs werden in Brandenburg jedes Jahr gefunden. Mehr als 10 000 sollen noch immer unentdeckt sein, wird vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge geschätzt.

Seit 1990 wurden laut dem Volksbund mehr als 3000 Kriegstote aus wilden Grabstellen geborgen. Laut dem Geschäftsführer des Brandenburger Landesverbandes der Kriegsgräberfürsorge, Oliver Breithaupt, sei es gesetzlich vorgeschrieben, Feldgräber umzubetten auf geschlossene Friedhofsanlagen, maßgeblich als Kriegsgräberstätten.

Im Fall Nackel hatte die Gemeinde seinerzeit beschlossen, das Feldgrab als besonderen Ort der Erinnerung zu erhalten. Ansonsten aber bittet die Kriegsgräberfürsorge um Hinweise auf solche Stätten. Niemandem würden Nachteile oder Kosten entstehen, so Breithaupt.

Neben Fällen von Vertriebenen, die auf der Flucht ums Leben kamen, oder soldatischen Einzelschicksalen beschäftigen den Volksbund vor allem die Gebiete der letzten großen Kriegsschlachten.

12 000 deutsche Soldaten starben bei der Schlacht um die Seelower Höhen im April 1945. Im Kessel von Halbe waren es 30 000 und zudem rund 20 000 Rotarmisten.

In den meisten Fällen waren die Toten nach der Schlacht im Wald oder auf den Feldern einfach liegengeblieben. Viele wurden in Bunkern oder Schützengräben verschüttet.

Landtagspräsident Gunter Fritsch (SPD) sagte einst: „Die Soldatenfriedhöfe sind vor allem für die Jugend ein wichtiger authentischer Ort der Erinnerung, der die Schrecken des Krieges deutlich macht und mahnt, dass alles getan werden muss, dass sich dies nie mehr wiederholen kann.“

Von Matthias Anke

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