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Kauderwelsch im Kopf

Sonderpädagogen fördern an der Neuruppiner Gentz-Grundschule sprachauffällige Kinder Kauderwelsch im Kopf

An der Neuruppiner Gentz-Grundschule kümmern sich Sonderpädagogen um sprachauffällige Kinder. Sie bringen ihnen zum Beispiel bei, dass sich Wörter nicht nur schreiben lassen, sondern auch fühlen. Diese Erkenntnisse ist für die Kinder, die mit der Sprache kämpfen, ziemlich wichtig und vor allem hilfreich.

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Neun Jahre Erfahrung in der Förderung sprachauffälliger Kinder: Schulleiterin Kathrin Tokar (l.) und Sonderpädagogin Doreen Groth.

Neuruppin– . Man kann Wörter schreiben. Aber man kann sie auch fühlen. Mit einem schmalen Holzstäbchen schreibt Julien seiner Banknachbarin Lisa das Wort „Hose“ auf den Unterarm. Der hellblonde Zweitklässler hat das Stäbchen noch nicht abgesetzt, da hat Lisa den Schriftzug schon erkannt. „Hose!“, flüstert sie und schreibt das Wort mit großen Kinderbuchstaben in ein Heft.

Schreiben in der Sprachförderklasse der Neuruppiner Grundschule „Wilhelm Gentz“, der einzigen Schule in Ostprignitz-Ruppin, die Kinder mit Sprachauffälligkeiten gezielt fördert: Zwölf Zweitklässler aus dem gesamten Landkreis sitzen in einem Kreis und tüfteln an ihrer Lernwortliste für diesen Monat. Die Gründe für ihre Sprachauffälligkeiten sind ganz unterschiedlich. Nicht immer lässt sich genau ergründen, warum ein Kind mit Sprache kämpft.

Manche Kinder, die in den vergangenen Jahren zur Gentzschule kamen, stotterten oder polterten – sie redeten sehr schnell. Ein Kind musste nach einem Schlaganfall die Sprache neu erlernen. Andere Kinder haben so genannte auditive Wahrnehmungsstörungen – sie können hören, aber es fällt ihnen schwer, das Gehörte auch zu sortieren. „Da ist ein Kauderwelsch in ihrem Kopf“, sagt Sonderpädagogin Doreen Groth. Wird die Menge der Reize, die auf sie einstürmt zu viel, träumen sie sich weg.

Interview

„Sprechen kommt vom Sprechen“

Die Neuruppiner Logopädin Carolin Prokop und ihre beiden Kolleginnen behandeln viele Kinder. Etwa 80 Prozent ihrer Patienten sind im Kita- oder Schulalter.

MAZ: Was für Probleme haben die Kinder, die zu Ihnen kommen?

Carolin Prokop: Die meisten Kinder haben eine verzögerte oder gestörte Sprachentwicklung – sie können etwa bestimmte Laute nicht bilden oder haben Defizite in ihrer Grammatik. Einige Kinder kommen auch mit verbalen Dyspraxien – die Laute bilden sich zwar im Kopf, aber die Kinder sind motorisch nicht in der Lage, sie auch zu artikulieren.

Was sind die Ursachen für solche Sprachauffälligkeiten?

Prokop: Das ist nie gleich und auch nie so, wie es im Buch steht. Ständige Erkältungskrankheiten und Mittelohrentzündungen im Kleinkindalter können sich auf die Ohren schlagen und dazu führen, dass Kinder bestimmte Sprachentwicklungsschritte nicht machen. Aber es gibt auch organische oder genetische Ursachen oder Schäden, die in der Schwangerschaft entstanden sind, etwa weil die Mutter rauchte. Nicht immer lassen sich die Auffälligkeiten genau ergründen.

Wie wichtig ist es, dass in der Familie viel gesprochen wird?

Prokop: Das ist sehr wichtig. Sprechen kommt vom Sprechen. Wenn ein Kinder viel vor dem Fernseher oder der Playstation sitzt, kann das die Sprachentwicklung hemmen.

Nehmen die Auffälligkeiten zu?

Prokop: Das kann ich nicht beurteilen.

Wie lange muss ich auf einen Therapieplatz für mein Kind warten?

Prokop: Das hängt vom Termin ab. Vormittagstermine sind schon in einigen Wochen möglich, Termine ab 16 Uhr werden in der Regel erst nach einigen Monaten frei. Ich suche seit Längerem nach einer weiteren Kollegin, aber es ist schwer, jemanden zu finden.

Warum?

Prokop: Ich vermute, weil in der Region keine Logopäden ausgebildet werden. Wer die Ausbildung gemacht hat, bleibt wahrscheinlich auch am Ausbildungsort.

Ein Lehrer, der einfach nur vorne steht und referiert? Ganz fatal für diese Kinder. So oft es geht, versucht Groth das Lernen mit Bewegung zu verbinden. Nach der Schreibübung sollen die Kinder zeigen, welche Worte klein und welche groß geschrieben werden. Der zum Assistenten ernannte Tobi liest die Wörter der Lernliste vor: Bei „helfen“ hocken sich Lisa, Julien und die anderen auf den Boden, bei „Schnee“ recken sie die Arme hoch in die Luft.

Für Kinder mit Sprachauffälligkeiten auch unerlässlich: Struktur. Nach jeder Übung schätzen die Kinder sich selbst ein, malen lachende oder ernste Gesichter in ihr Heft. Auch Groth streicht die Aufgaben von der Tafel ab. Denn das tut Kindern mit Kauderwelsch im Kopf gut: Dinge von der Tagesordnung nehmen, sich immer wieder vergewissern, was man etwas geschafft hat.

Seit neun Jahren unterrichtet Groth an der Schule. Doch ihre Sprachförderklasse ist ein Auslaufmodell. Nach Ende dieses Schuljahres wird es keine solche Klasse mehr geben. In den beiden ersten Klassen der Gentzschule erhalten Kinder mit Sprachauffälligkeiten schon jetzt nur noch die sogenannte integrierte Sprachförderung – sie besuchen die Regelklassen und werden allein in den Deutschstunden gesondert unterrichtet. Es sind zehn Kinder aus dem ganzen Landkreis.

Dass sprachauffällige Kinder künftig nach einem anderen Modell gefördert werden, ist politisch gewollt: 2012 hatte das Brandenburger Bildungsministerium die Gentzschule aufgefordert, ihr im Landkreis einzigartiges Sprachförderprogramm zu überdenken. Die Idee, sprachauffällige Kinder in eigenen Klassen zu separieren, widerspreche dem Gedanken der Inklusion, dem Gedanken der einen Schule für alle, argumentierte das Ministerium damals.

Schulleiterin Kathrin Tokar sieht das anders. „Für uns sind diese Sprachförderklassen temporäre Lerngruppen“, sagt die 48-Jährige. Schließlich sollen die Kinder mit Auffälligkeiten nach zwei Jahren besonderer Förderung die Regelklassen besuchen. Doch als das Ministerium ihr nahelegte, sich für das Pilotprojekt Inklusive Schule zu bewerben, tat sie das. Tokar wollte den Wissensschatz, den die Sonderpädagogen und Lehrer in den vergangenen neun Jahren bei der Förderung besonderer Kinder gesammelt hatten, nicht gefährden. „Wir hatten Angst, das unsere Sprachförderung sonst komplett wegfällt.“

Dennoch bereitet ihr das neue Modell Kopfzerbrechen. „Die Förderung ist natürlich nicht mehr so intensiv wie vorher.“ Auch Groth ist über die neuen Vorgaben nicht glücklich. In der Förderklasse sei ein sprachauffälliges Kind eines unter vielen. In der Regelklasse fallen die nuschelige Aussprache, das leise Sprechen oder die Unruhe umso stärker auf. Oftmals zweifeln sprachauffällige Kinder an ihrem Können oder müssen auch in anderen Bereichen gefördert werden. Groth befürchtet, dass es in der Regelklasse schwerer wird, ihnen Mut zu machen.

Mit einer Entspannungsübung klingt die Stunde aus. Ein Junge, dem es besonders schwer fiel, sich zu konzentrieren, darf die Übung aussuchen. Er wählt den „Sanften Klopfer“, bei dem die Kinder die Augen schließen und sich von ihrem Nachbarn den Rücken abklopfen lassen. Für einen Moment sitzt auch der unruhigste Junge der Klasse ganz still.

Von Frauke Herweg

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