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Staatsanwalt-Plädoyer erschüttert Verteidiger

Brutale Attacke in Neuruppin Staatsanwalt-Plädoyer erschüttert Verteidiger

Ein 22-Jähriger soll 2015 mit zwei anderen ein junges Paar in einem Einkaufszentrum in Neuruppin attackiert haben, weil sie bunte Haare und ein T-Shirt mit antirassistischem Logo trugen. „Wenn jemand anders ist, muss es Krawall geben“, so der Staatsanwalt und forderte eine Bewährungsstrafe. Der Verteidiger sah den Fall entschieden anders und forderte Freispruch.

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Quelle: dpa

Neuruppin. Man stelle sich die Situation vor: Man geht nichts ahnend durch Neuruppin und wird von Unbekannten zusammengeschlagen und -getreten. Dieses Szenario beschrieb Staatsanwalt Torsten Lowitsch am Freitag. „Sinnfreiheit bestimmt diese Tat“, sagte er mit Blick auf den Abend des 12. September 2015, als ein junges Paar im Ruppiner Einkaufszentrum (Reiz) in Neuruppin attackiert wurde. Offensichtlich, weil sein Aussehen den Angreifern nicht gefiel. Blaue Haare und ein T-Shirt mit der Aufschrift „Good night white pride“ passten nicht in deren Weltbild.

Staatsanwalt hält Gedächtnisverlust für nicht glaubhaft

Seit dem 11. April muss sich der 22-Jährige Sven M. wegen gemeinschaftlicher schwerer Körperverletzung vor dem Neuruppiner Amtsgericht verantworten. Am Freitag stellten Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Anträge. Dabei prallten Welten aufeinander.

Vorgeschichte der Tat ist für Staatsanwalt wichtig

Sven M. hatte nicht in Abrede gestellt, im Reiz gewesen zu sein, hatte an den Vorfall selbst überhaupt keine Erinnerung mehr. Aus seiner Sicht ein alkohol­bedingter Gedächtnisverlust. „Das soll es geben, liegt aber hier nicht vor“, sagte Staatsanwalt Lowitsch. Sven M. dürfte um die 2,55 Promille zur Tatzeit gehabt haben. Von alkoholbedingten Ausfällen hatte keiner der Zeugen etwas berichtet. „Er weiß genau, was passiert ist. Er war nicht so betrunken“, so Lowitsch. Aus seiner Sicht darf die Vorgeschichte nicht unberücksichtigt bleiben: Da verabreden sich junge Männer aus Wittstock, um zu einer Demo zum „Tag der deutschen Patrioten“ nach Hamburg zu fahren. Die wird abgesagt; stattdessen begeben sich die Männer auf eine Kneipentour nach Berlin. Auf der Rückfahrt machen sie Halt in Neuruppin und fahren, so der Staatsanwalt, „nicht irgendwohin, sondern zum Jugendwohnprojekt Mittendrin, weil die anders sind“. Und: „Wenn jemand anders ist, muss es Krawall geben.“ Nachdem sie Scheiben im Mittendrin eingeworfen hatten, fuhren sie zum Reiz, wo es zu der angeklagten Tat kam – für die nach Meinung des Staatsanwaltes Sven M. mitverantwortlich war und auch aktiv mitmischte.

Lowitsch ging anders als die Jugendgerichtshilfe davon aus, dass bei M. Erwachsenenstrafrecht anzuwenden ist. Der Staatsanwalt beantragte eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und zehn Monaten. Für den Fall, dass das Gericht eine Jugendstrafe verhängen sollte, forderte er ein Jahr und drei Monate. Auch er sei davon überzeugt, dass sich der Angeklagte nicht mehr in der rechten Szene bewege. „Ich sehe nicht die Notwendigkeit, dass er die Strafe verbüßen muss“, sprach sich Lowitsch für eine Aussetzung zur Bewährung aus, beantragte aber, Sven M. 150 Stunden gemeinnützige Arbeit aufzuerlegen.

Täter haben erreicht, was sie wollten

Für den Nebenklägervertreter war es reines Glück, dass die beiden Opfer so glimpflich davon gekommen sind. Aber die Täter hätten das erreicht, was sie bezweckten. „Meine Mandanten trauen sich nicht mehr, öffentlich ihre Meinung zum Ausdruck zu bringen.“

Verteidiger Uwe Meyer zeigte sich vom Plädoyer des Staatsanwaltes erschüttert. „Sie wollen den Jungen fertig machen, dass er kein Bein mehr auf die Erde kriegt.“ Meyer sprach von einem „Gesinnungsprozess“, der gegen Sven M. geführt werde. Die Anklage sei nachweislich falsch. Er könne keine strafbaren Handlungen seines Mandanten erkennen. Er beantragte einen Freispruch.

Urteil ist für Montag angekündigt

Richterin Kathrin Reiter bedankte sich für die „ganz engagierten Plädoyers von allen Seiten.“ Da sie mit den beiden Schöffen noch erheblichen Beratungsbedarf hat, wird erst am Montag ein Urteil verkündet.

Von Dagmar Simons

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