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Statt zum Hausarzt in die Notaufnahme

Neuruppin Statt zum Hausarzt in die Notaufnahme

Immer mehr Patienten melden sich in der Notaufnahme eines Krankenhauses – obwohl viele beim Hausarzt gut aufgehoben wären. Jedes Jahr steigt in den Ruppiner Kliniken in Neuruppin die Zahl der Patienten um 1000. Das kostet viel Geld und Zeit. Nicht nur Krankenkassen kritisieren den allgemeinen Trend.

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Notfall oder nicht: Ohne Untersuchung und Diagnose können auch die Ärzte in der Notaufnahme das nicht so einfach feststellen. Krankenkassen kritisieren die enormen Kosten, Kliniken klagen über die vielen Patienten.

Quelle: Peter Geisler

Neuruppin. Die Schmerzen in der Schulter werden immer stärker – ausgerechnet am Sonntag. Seit Tagen tut sie schon weh, jetzt noch mehr. Aber heute ist der Hausarzt natürlich nicht zu erreichen. Was also tun? Ab ins Krankenhaus!

Erik Weidmann kennt solche Fälle. Patienten, die eigentlich kein Notfall im herkömmliche Sinne sind. Die eigentlich bei ihrem Hausarzt besser aufgehoben wären, als in der Notaufnahme der Ruppiner Kliniken und sich trotzdem dort melden, weil sie schnell Hilfe suchen. Weidmann ist Chef der Zentralen Aufnahme des Neuruppiner Krankenhauses. Er und seine Kollegen untersuchen jedes Jahr Tausende Patienten und müssen entscheiden, ob sie Fälle fürs Krankenhaus sind oder nicht. „Da sind sicher auch Patienten dabei, die eigentlich nicht in die Notaufnahme gehören“, sagt Weidmann. Doch wie findet man das ohne Diagnose heraus?

Die Spitzenverbände im Gesundheitswesens kritisieren immer wieder, die Kliniken in ganz Deutschland würden viel zu viele Patienten in der Notaufnahmen behandeln und so Milliarden Euro an unnötigen Kosten verursachen. In einer Studie für das Zentralinstitut für kassenärztliche Versorgung (ZI) haben Forscher kürzlich ausgerechnet, dass jedes Jahr rund 4,8 Milliarden Euro für die Aufnahme und Behandlung von Patienten im Krankenhaus ausgegeben werden, obwohl diese Fälle von einem niedergelassenen Arzt gut und vor allem billiger behandelt werden könnten.

Verbände werfen den Kliniken, nur Geld verdienen zu wollen

Krankenkassen und Verbände der niedergelassenen Ärzte werfen den Kliniken vor, Patienten unnötig zu untersuchen oder aufzunehmen, um so mehr Geld zu verdienen. „Seit den 1970er Jahren entscheiden die Krankenhäuser allein darüber, welcher Patient aufgenommen wird“, kritisiert Andreas Gassen, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung; er leitet auch das ZI. „Wer dabei nicht eindeutig als Bagatellfall erkennbar ist, wer etwa einer aufwändigeren diagnostischen Abklärung oder einer weiteren Beobachtung bedarf, wird bereits aus ökonomischen Gründen gerne aufgenommen.“ Aber wer ist daran Schuld?

Auch bei den Ruppiner Kliniken in Neuruppin stimmt, was Gesundheitsforscher als generellen Trend feststellen: Die Zahl der Patienten in den Krankenhäusern wächst. „Bei uns ist die Patientenzahl in den vergangenen zehn Jahre um etwa 10.000 gestiegen“, sagt Erik Weidmann. Inzwischen melden sich in der Neuruppiner Notaufnahme rund 28.500 Patienten im Jahr.

Patienten, die nicht aus Jux und Dallerei kommen, sondern weil sie selbst das Gefühl haben, dort richtig zu sein, betont Verena Clasen, die Sprecherin der Ruppiner Kliniken: „Aus Sicht der Patienten ist ihr Problem immer ein Notfall.“ Auch wenn Mediziner das manchmal anders einschätzen würden.

Viele wären beim Notdienst der Kassenärzte gut aufgehoben

Die Notfallambulanzen in ganz Deutschland untersuchen jedes Jahr rund 20 Millionen Patienten. Jeder 20. von ihnen benötigt aus Sicht der Kassenärztlichen Bundesvereinigung aber keine dringende Diagnose und Therapie, rund 43 Prozent der Patienten könnten auch vom kassenärztliche Notdienst behandelt werden und gehörten nicht ins Krankenhaus. Dort kosten sie nicht nur Geld sondern auch Zeit.

Mit einer neuen Pauschale versuchen Krankenkassen, die Kliniken seit Kurzem dazu zu bringen, mehr Patienten abzuweisen. 4,74 Euro bekommt ein Krankenhaus, wenn ein Arzt am Tage nach kurzem Check Patienten zu einem niedergelassene Kollegen schickt.

Das soll nicht nur helfen, Kosten zu sparen – es soll auch den oftmals völlig überlasteten Notaufnahmen mehr Luft verschaffen. In Spitzenzeiten untersuchen und behandeln Weidmann und seine Kollegen in Neuruppin bis zu 20 Patienten in der Stunde. Die meisten kommen nach 11 Uhr am Vormittag oder nach 18 Uhr abends; nach Wochenenden und Feiertagen sind es besonders viele. Ein Knochenjob mit enormer Verantwortung.

Kliniken werden keinen Patienten einfach abweisen

Genau diese Verantwortung lässt Erik Weidmann am Sinn der neuen Pauschale zweifeln. Bei den meisten Patienten, sagt er, lasse sich gar nicht sofort entscheiden, ob es sich um einen Notfall handelt oder nicht – nicht ohne gründliche Untersuchung. Juristisch und ethisch ist das ein Dilemma. Welcher Arzt schickt einen Patienten weg, wenn er sich nicht absolut sicher ist, dass dessen Leiden auch am nächsten Tag noch gut behandelt werden kann? Sicher sein können die Mediziner nur mit Diagnose.

Für den Chef der Notaufnahme in Neuruppin steht deshalb fest: „Wir werden keinen wegschicken.“ Erik Weidmann sieht den entscheidenden Punkt woanders: „Wir müssen die Rolle der Hausärzte stärken.“ Oft wenden sich Patienten ans Krankenhaus, weil sie glauben, dort besser untersucht zu werden und mehr Fachleute zu treffen. Dabei sind Hausärzte diejenigem, die in der Ausbildung die meisten Fachrichtung kennenlernen.

Rund um die Uhr können sich Patienten an den hausärztlichen Bereitschaftsdienst wenden. Doch viele Menschen kennen den gar nicht, haben Studien gezeigt. Dass viele Patienten in die Notaufnahme gehen, weil sie keine Alternative sehen, wissen auch die Krankenkassen. „Die Versicherten müssen erkennen können, an wen sie sich im Notfall zu wenden haben. So ist beispielsweise die zentrale Bereitschaftsdienstnummer 116117 kaum bekannt“, sagt Michael Domrös, der beim Verband der Ersatzkassen für Berlin und Brandeburg zuständig ist. „Der ambulante und der stationäre Sektor müssen einen Weg finden, sich gemeinsam um die Versorgung im Notfall zu kümmern.“

Von Reyk Grunow

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