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Taub und trotzdem nicht still

Zu Besuch im Gehörlosenverein Neuruppin Taub und trotzdem nicht still

Im Gehörlosenverein Neuruppin geht es selten still zu, eher im Gegenteil. Die Mitglieder verständigen sich untereinander mit Gesten, Gebärden und Lauten. Die Gehörlosen führen eine lebhafte Konversation miteinander; wer als Hörender da mithalten will, muss genau aufpassen und sollte zumindest Grundzüge der Gebärdensprache beherrschen.

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Die Mitglieder des Gehörlosenvereins Neuruppin sind eine eingeschworene Gemeinschaft.

Quelle: Nico Nobilis

Neuruppin. Die Atmosphäre ist entspannt beim Treffen des Vereins der Gehörlosen Neuruppin im Haus der Begegnung. Die Vereinsmitglieder trinken gemeinsam Kaffee, spielen Karten, basteln Weihnachtsdekoration und unterhalten sich lebhaft – dabei benutzen sie ihre Hände und ausdrucksvolle Mimik. Untereinander kommunizieren sie in Gebärdensprache, einer Kombination von Gestik, Mimik und lautlos gesprochenen Wörtern. Wer „zuhören“ oder mitreden will, muss gut aufpassen und Grundzüge der Deutschen Gebärdensprache kennen. Ansonsten fühlt man sich ein bisschen ausgeschlossen und beginnt zu verstehen, wie es Gehörlosen geht, wenn sie unter Hörenden sind.

Doch wer glaubt, unter Gehörlosen gehe es immer ruhig zu, der irrt. Ihre Stimme einzusetzen, ist wichtig für Gehörlose, um sich Hörenden gegenüber besser verständlich zu machen oder nach ihren Kindern zu rufen. Dabei fehlt manchmal das Gefühl für die angemessene Lautstärke – so kann es ungewollt laut werden. In den Gehörlosenschulen steht Lautsprache sogar auf dem Stundenplan. In diesem Fach schnitt der Vereinsvorsitzende Bernd Nobilis immer gut ab. Das ist heute noch zu merken, wenn der 60-Jährige über den Verein spricht. „Wir haben 16 Mitglieder und treffen uns einmal im Monat“, erzählt der ehemalige Kfz-Mechatroniker aus Neuruppin. Auf dem Veranstaltungsplan standen dieses Jahr eine Verkehrsteilnehmerschulung und der Besuch des Unterwelten-Museums in Berlin. Besonders beliebt ist die jährliche Vereinsreise: Im Juni hat es die Gehörlosen für fünf Tage nach Husum verschlagen.

Kontakt halten die Gehörlosen traditionell persönlich oder per Fax. Das Internets hat ihnen jedoch eine neue Welt geöffnet, vor allem die Videotelefonie. Nobilis ist Vorreiter auf diesem Gebiet und hat seine Freunde ermuntert, sich ebenfalls eine Webcam zu kaufen und Skype zu installieren. „Wir sind davon begeistert. Das ist wichtig für soziale Teilhabe“, sagt Nobilis. Per Videotelefonie könne er sich auch ohne Umwege mit seiner Tochter, die am Bodensee lebt, unterhalten.

Eine weitere Stütze im Alltag kann ein schallverstärkendes Hörgerät sein, wenn ausreichend Resthörvermögen vorhanden ist. Dirk Cardué (46) aus Hennigsdorf, Mitglied im Gehörlosenverein Neuruppin, ist mit einer solchen Hörhilfe aufgewachsen. Sie half ihm hauptsächlich, tiefe Töne wahrzunehmen. Beim Sprachverständnis hatte er allerdings Probleme. Das hat sich vor drei Jahren mit dem Cochlea-Implantat für ihn geändert. Dieses besteht aus einem externen Gerät, der Schall in elektrische Signale umwandelt, und dem Implantat, das direkt den Hörnerv stimuliert. Nun nehme er höhere Töne besser wahr. „Das Sprachverständnis ist top“, sagt der Werkzeugmachermeister. Für ihn ist das besonders wichtig im Beruf und bei der Erziehung seiner zwei hörenden Söhne. „Manchmal nervt es auch, wenn Störgeräusche in der Nähe sind“, sagt er. Insgesamt sei er aber auf jeden Fall zufrieden mit dem Cochlea-Implantat.

Obwohl Cardué jetzt gut hören kann und seine Lautsprache fast perfekt ist, will er die Mitgliedschaft im Neuruppiner Gehörlosenverein nicht missen: „Wir sind auch privat befreundet und feiern zusammen.“ Vielen Hörenden sei das nicht bewusst, aber Gehörlosigkeit stellt für viele Betroffene nicht nur eine Einschränkung dar, sondern auch eine Besonderheit, die sie mit Gleichgesinnten im Verein leben können.

Hinweis: Der Autor ist der Sohn des Vereinsvorsitzenden Bernd Nobilis und selbst nicht gehörlos.

Von Nico Nobilis

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