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Ostprignitz-Ruppin Theater 89 lässt Hans Sachs hoch leben
Lokales Ostprignitz-Ruppin Theater 89 lässt Hans Sachs hoch leben
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18:09 30.06.2017
Der Studiosus redet der Frau ein, ihren verstorbenen Mann verarmt im Paradies getroffen zu haben. Quelle: Buddeke
Rheinsberg

Regen? Drauf gepfiffen. Wandertheater sind da nicht zimperlich. Auch die Schauspieler des Theater 89 machen am Donnerstag kein großes Gewäsch um das bisschen Nass von oben. Die Bühne auf dem Rheinsberger Kirchplatz ist unter einer dichten Baumkrone aufgebaut, die Zuschauer – das Fähnlein der 30 Aufrechten, sagt Stadtentwicklungsreferent Thomas Lilienthal dazu – sitzen unter einem Partyzelt, essen heiße Bratwurst und harren der Dinge, die da kommen. Denn mittlerweile hat sich das Theater 89 in der Prinzenstadt einen Ruf erspielt.

Es begann 2013 mit dem „Rheinsberg“-Stück nach Kurt Tucholskys Sommergeschichte und seitdem sind die Mimen Jahr für Jahr mit wechselndem Programm wiedergekommen. In diesem Jahr gar wurde das verregnete Rheinsberg der Schauplatz für die neue Premiere: Die Truppe begann ihre 18-Orte-Tournee just dort.

Der Mann hat das heiße Eisen ergriffen, seine Frau will es ihm lieber nicht gleichtun. Quelle: Regine Buddeke

Das Stück der Saison ist dieses Jahr dem Luther-Jubiläum geschuldet. Indes wird kein Stück über den großen Reformator aufgeführt, sondern die Schauspieler lassen einen Zeitgenossen zu Wort kommen: Hans Sachs. Der Nürnberger Schuhmacher, Spruchdichter, Meistersinger und Dramatiker wird von den Theaterleuten kurzerhand als „Follower“ Luthers bezeichnet: einer der Luthers Thesen guthieß, ein Verfechter der Reformation. Auch er schaute dem Volk aufs Maul und ins Herz. Die Stücke, die daraus entstanden, sind voll derber Direktheit, prall aus dem Leben, ohne Blatt vor dem Mund oder Scham, und nehmen scharf aufs Korn, was wider Ehre und Moral in Ratsstuben, dunklen Ecken und Gebüschen blüht. All das jedoch mit augenzwinkerndem Humor. Das wissen auch die Zuschauer in Rheinsberg zu schätzen und lachen amüsiert ein ums andere Mal. Was vor 500 Jahren die Gemüter erregte, ist auch heute oft noch Thema.

Der fahrende Schüler verspricht der Frau Unmögliches. Die glaubt ihm jedes Wort. Quelle: Regine Buddeke

Am Anfang waschen alle Schauspieler zuerst einmal ihr Gesicht: mit Schlamm, so ist zu sehen. Nette Metapher für den Schmutz, den Leben nun mal mit sich bringt. Und dafür, dass wohl keiner seine Hände immerdar in Unschuld waschen kann. Vor allem nicht die Frau, die ihren Mann im ersten Schwank des Ehebruchs beschuldigt. Entrüstet greift der Mann nach dem Objekt der Treueprobe „Das heiß Eisen“. Das glühend heiße Schwert versengt ihn nicht. Schon dreht er den Spieß um und verlangt selbiges von seinem Weib. Die fleht und windet sich – man soll halt nicht mit Steinen werfen, wenn man selbst im Glashaus sitzt. Salamitaktisch gesteht sie einen nach dem anderen Lover.

Der Studiosus ist ein Schelm: der Mann übergibt ihm arglos sein Ross. Quelle: Regine Buddeke

„Ein fromm gottesfürchtig Weib ist ein seltsam Gut“, zitiert als passendes Zwischenspiel ein Schauspieler aus Martin Luthers „Lob eines frommen Weibes“. Er macht recht viele Worte – was Luther von der perfekten Frau verlangt, ist schwerlich zu erfüllen und pure Utopie. Gerade die Frauen im Publikum lachen wieder und wieder, als sie hören, was sie Luthers Meinung nach zu Perlen ihres Geschlechts machen würde.„Es ist kein Rock noch Kleid, das einer Frau oder Jungfrau übler ansteht, als wenn sie klug sein will“, sagt der Mime unter schallendem Gelächter und spuckt den Autor hinterdrein: „Doktor Martin Luther!“ Es folgt ein Schwank über ein gutgläubiges Weib, das sich von einem wandernden Studiosus ausnehmen lässt wie eine Weihnachtsgans. Die Trickbetrügermasche gab es auch vor 500 Jahren schon. Am Ende – kaum kann man die Akteure im prasselnden Regen noch verstehen – steht ein Schwank über den schlauen Rossdieb unter diebischen Bauern.

Von Regine Buddeke

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