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Theater gastiert mit NSU-Stück

Neuruppin Theater gastiert mit NSU-Stück

Die Thematik um die NSU-Morde an zehn Migranten ist komplex. Das NÖ-Theater Köln hat sich dem Anspruch gestellt, wider das Vergessen zu kämpfen. Mit „A wie Aufklärung“ sind sie auf Spurensuche: Der Ex-Verfassungsschützer Andreas Temme wurde zwar freigesprochen, ein schaler Beigeschmack blieb.

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Zehn Morde – umfassend aufgeklärt ist so gut wie keiner davon.

Quelle: Regine Buddeke

Neuruppin. Am Anfang steht ein vollmundiges Versprechen. Kanzlerin Merkel – als O-Ton aus dem Off – versichert mit ernster Stimme, dass man alles daran setzen werden, die Morde aufzuklären und die Wahrheit ans Licht zu befördern. Ein frommer Wunsch.

Hier setzt das NÖ-Theater Köln an: mit dem Ziel, den Finger in die Wunde zu legen. Das Thema nicht in der Versenkung verschwinden zu lassen. Es geht um die NSU-Morde, die hinterhältigen Anschläge auf Migranten – konkret um den an Halit Yozgat, 21-jähriger Internetbetreiber in Kassel, der im April 2006 niedergeschossen wurde. Und es geht um Andreas Temme, ehemaliger Verfassungsschützer, der sich zur Tatzeit im Café befand und angeblich nichts vom Mord bemerkt haben will. Bei der Vernehmung galt er zunächst als Verdächtiger, kam indes frei. Dennoch bleibt der Fakt bestehen, dass seine Aussagen äußerst widersprüchlich waren. Wahrheitsfindung, wie Merkel sie versprach, sieht anders aus.

Mehrfach ausgezeichnet: „V wie Verfassungsschutz“

Die Kölner Theatertruppe hat sich nach ihrem mehrfach ausgezeichneten Stück „V wie Verfassungsschutz“, das vor zwei Jahren in Neuruppin zu sehen war, weiterhin der komplexen Materie verschrieben. Am Sonnabend wurde im JFZ vor 35 Gästen „A wie Aufklärung“ gezeigt – Stand September 2016 – das Stück wird im stetigen Prozess überarbeitet, denn die Aufklärung ist mit dem laufenden Prozess um Beate Tzschäpe mittlerweile weitergegangen. Weniger Fragen sind es allerdings nicht geworden – eher mehr. Welche Verstrickungen gibt es bei den Behörden – Verfassungsschutz, Innenministerium und Polizei? Wer will hier was vertuschen und warum? Was wiegt mehr: Opfer- oder Täterschutz?

Fünf Schauspieler – jeder von ihnen ist ein anderer Andreas Temme: „Ich saß ganz zufällig in dem Internetcafé. Privat, ich wollte chatten“, sagt der erste. Von dem Mord habe er nichts mitbekommen, er habe Yozgat nicht gesehen und beim Gehen Geld auf den Tresen gelegt. Warum er später, als man offensichtlich nach ihm suchte, nicht zur Polizei gegangen sei, fragte sein Gegenüber. „Ich war verwirrt“, gibt Temme an. Außerdem sei es ihm peinlich gewesen, in Erotik-Chatrooms angemeldet zu sein. Auch habe er sich in der Woche geirrt. Nein, Blutspuren auf dem Tresen habe er nicht gesehen, als er das Geld hinlegte.

Im Café die Schüsse gehört

Szenenwechsel: nach und nach treten die verschiedenen Andreas Temme auf: „Klar haben alle sechs Personen im Café die Schüsse gehört, sagt der Zweifler. „Wieso habe ich mich nicht gemeldet?“ „Ich war nicht zufällig da“, verkündet ein anderer. Eine Quelle aus dem rechtsradikalen Milieu hätte ihn vorher von dem Anschlag informiert. „Ich witterte Karrierechancen. Ich fahre also hin.“ Er bemerkt die Schüsse. Und geht. Das Geld habe er zur Tarnung hingelegt – keiner sonst habe etwas gemerkt. „Ich wollte mich und meine Quelle schützen“, wird er später sagen, warum er den Mord nicht verhindert habe. Und warum er sich nicht als Zeuge gemeldet habe. Das sei mit seinem Vorgesetzten so besprochen, gibt er an.

„Ich bin unschuldig“, tönt der nächste Temme. Und: „Ich bin es selbst gewesen – kaltblütig und professionell“, sagt der Temme, den man einst „Klein-Adolf“ nannte und Täterwissen offenbart. Schon das wirft Fragen auf, wie so einer Verfassungsschützer wird. „Jugendsünden“, feixt der fiktive Temme.

Es ist eine gute dramaturgische Idee, Temme mit fünf Darstellern zu besetzen – und sich so quasi durch den Dschungel an Fragen, verschiedenen Wahrheiten, Gedächtnislücken und Schweigen zu kämpfen – alle mögliche Szenarien werden durchexerziert. Alles scheint möglich gewesen. Die letzte Wahrheit bleibt außen vor. Den Angehörigen bleiben stattdessen nur Zorn und Trauer. „Fehlt die Möglichkeit zur Aufklärung?“, heißt es im Stück. „Oder fehlt der Wille?“

Von Regine Buddeke

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