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Torsten Sträter im Kulturhaus Neuruppin

Die Macht der Süßigkeiten Torsten Sträter im Kulturhaus Neuruppin

Ein Mann, ein Wort. Torsten Sträter, viele Worte. Der Kabarettist mit der samtschwarzen Stimme ist ein Mann der lüsternen Ausschweifung, wenn es um Worte geht. Die zelebriert er so genussvoll wie das Essen. Letzteres und die Folgen daraus sind beliebte Themen in seinen Programmen: Das Neuruppiner Publikum amüsierte sich prächtig.

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Ein Mann, viele Worte: Kabarettist Torsten Sträter.

Quelle: Regine Buddeke

Neuruppin. Was für eine Stimme! Das weiß sein Besitzer selbst am besten.„Ich mag optisch ein formloser Klumpen sein, aber stimmlich macht mir keiner was vor“, sagt Torsten Sträter selbst-ironisch-selbstbewusst – mit einem Timbre im geschmeidigen Bass, das an das melodische Schnurren einer Raubkatze erinnert. Die gut 400 Zuhörer im Neuruppiner Kulturhaus lachen und verzeihen dem Helden des Abends gern die halbstündige Verspätung – an der angeblich die Deutsche Bahn die Alleinschuld trägt. „Ich zieh mich in der Pause um“, ruft der fast noch keuchende Comedian und lächelt breit in seinem schwarzen Outfit. Als Entschuldigung für die nackte Haut, die seine Hosenbeine an den Knien outen, zeigt er sich obenherum eher bedeckt – die schwarze Mütze ist eines seiner Markenzeichen und taugt sowohl für Hip-Hop als für Banküberfälle.

Sträter hat am Freitagabend allerdings nichts dergleichen vor, er will nur reden. Gern auch über jene Mütze. „Ich weiß, es sieht albern aus“, erklärt er grinsend. „Aber ich trage die, weil ich schwitze. Und schwitze natürlich, weil ich sie trage – ein Teufelskreislauf.“ Einmal habe er sie vor dem Auftritt ins Eisfach gelegt – mit dem Effekt, dass sie während des Auftritts zu dampfen begann. „Jetzt fängt er an zu denken“, habe einer im Publikum geulkt, und eine andere: „Udo, tu doch was, der Mann stirbt gleich.“ Sträter erzählt all das mit Schalk und sehr eloquent. Er ist ein Meister der Verzögerung – sein Lieblingssatz: „Das wollte ich eigentlich gar nicht erzählen!“ Wer’s glaubt, wird selig. Wer nicht, hat doppelt Spaß, denn der sympathische Ruhrpottler findet sich nach seinen verbalen Ausschweifungen stets wieder am Thema ein.

Kein bisschen verlegen

Kein bisschen verlegen: Torsten Sträter bei seinem Gastspiel im Neuruppiner Kulturhaus.

Quelle: Regine Buddeke

Darüber hinaus ist er ein äußerst fantasievoller Beobachter, wenn es um menschliche Triebe und Umtriebe geht. Sein Nebenleben als Poetry-Slammer und Horror-Schriftsteller hat dazu einiges beigetragen. So wird die Minibar im Hotel zum Schauplatz einer Erotikszene sondergleichen. „Direkt hinter der Glastür der Minibar kauerte...“ – lange Pause. „Kauerte lasziv...“ – längere Pause. „Ach was – bückte sich...“ – und wieder eine lange Pause, von gespanntem Gekicher unterbrochen. „Bückte sich devot...“ Pause. „Nuttig!“ Und nach einem Weilchen der Verzögerung: „So’n Snickers!“ Befreites Gelächter im Saal. „Ich bin ja keine fünf Jahre alt – aber nachts ist die Macht von Süßigkeiten noch viel stärker“, orakelt Sträter, der das leckere Ding – mit Blick auf seinen Taillenumfang – nicht vernaschen will. „Lebensmittelpornografie“, schnurrt er und beschreibt poetisch die durchs Papier schimmernden Nüsse. „Nur mal anfassen“, stöhnt er wollüstig und beschreibt, wie kühl und nachgiebig zugleich sich das begehrte Objekt anfühlt. „Ich hielt es ins Mondlicht“, säuselt er. Bezahlen muss er es am anderen Morgen trotzdem, da der Kontakt des Snickers zum Sensor in der Bar unterbrochen wurde. „Und das in der Schweiz, wo alles so teuer ist“, heult er und verdreht die Augen in gespielter Verzweiflung. Immerhin ist da noch sein Publikum: „Sie ernähren mich“, dankt er den Anwesenden. Und bittet kurz um das Saallicht, um den Fans in die Augen zu sehen. „Huch“ ruft er, als er die Wandleuchen des Neuruppiner Kulturhauses in voller Pracht erblickt. „Ich fühle mich beobachtet – sind das Spiegeleier oder Brustwarzen?“ Bei Licht besehen hat er recht.

Fäkalhumor: Die Odyssee des ersten Diättages

Sträter schwadroniert schon weiter im Text: über Gemüse und Pommes, Haltbarkeit von Lebensmitteln und über die Folgen maßlosen Genusses. Er hat schon alles versucht: Bauchweggürtel wären nicht so seins, man kann damit nicht sprechen. Joggen – nun ja – der einzige Versuch endete mit Koma kurz hinter der eigenen Haustür. Sträter beschreibt im Tagebuch seine Odyssee durch den ersten Diättag: 22 Tassen Kaffee, gefühlte 27 Bananen und den Briefbeschwerer mit in Acryl eingegossenem Ferrero Küsschen – und die darauffolgende Dienstberatung, die aus der Not geboren im Firmenklo stattfinden musste. Das hinterher einer Renovierung bedurfte. Sträter ist nicht zimperlich, wenn es um Ausscheidungen geht. Das Publikum auch nicht. „Sorry für den Fäkalhumor“, schnurrt Sträter und verspricht dem Kultur-Publikum Besserung nach der Pause. Nach der er weiterhin plastisch sein Ziel beschreibt, den Körper eines stromlinienförmigen „Vorlese-Brad-Pitt“ zu erlangen, „mit Sixpacks, auf denen man Hartkäse reiben kann.“

Er liest ein paar seiner Texte, die von Funk und Fernsehen abgelehnt bis nicht gesendet wurden. Er plaudert ein wenig vom Besuch im Auswärtigen Amt, wo er mit Dieter Nuhr und Ingo Appelt eingeladen war und beschreibt akribisch die Folgen von zuviel Wein, den er im Übrigen auch nicht verträgt. „Ich bin kein politischer Kabarettist“, habe er Steinmeier ins Gesicht gelallt. Politisch ist er dennoch: „Ich weiß nur eins: Wenn Leute aus Syrien hierher kommen, ins Land des Lohnsteuerjahresausgleichs, dann haben die das wohl nötig.“ Und ätzt über Asylgegner: „Syrien schreibt man nicht mit Ü!“ Dann erklärt er noch kurz die Griechenland-Krise „Peter hat vier Äpfel. Er isst neun davon.“ All das, dass das Publikum sich kringeln möchte vor Lachen. Sogar über den toten Struppi, den Hund der Schwiegermutter, dessen Grab zu klein für den gefrorenen Kadaver war. „Nur zu gern würde ich subtiler formulieren, was jetzt kommt“, zelebriert Sträter genüsslich die Pointe, wie das Tier letztendlich dennoch in sein Grab passte. Und gibt noch eine Zugabe, bei der es um Sanifair-Toiletten und Klofrauen geht.

Von Regine Buddeke

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