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Tucholsky-Programm in Musikbrennerei

Rheinsberg Tucholsky-Programm in Musikbrennerei

Dass Kurt Tucholsky weit mehr als nur heiter-beschwingte Novellen a la „Rheinsberg“ schrieb, ist bekannt. Aus seinem reichen Schaffen haben die Schauspieler Tina-Nicole Kaiser und Jürgen Wegscheider einige ausgewählt und in der Rheinsberger Musikbrennerei vorgestellt.

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Tina-Nicole Kaiser und Jürgen Wegscheider sind der Magie von Tucholsky-Texten erlegen und haben ein heiteres Programm erarbeitet.

Quelle: Regine Buddeke

Rheinsberg. Ein Tucholsky-Abend? Wo, wenn nicht in Rheinsberg, dem der bekannte Dichter und Publizist mit der gleichnamigen Novelle einst ein literarisches Denkmal setzte, das bis heute Besucher in die Stadt zieht. Also ist es nur naheliegend, dass die Musikbrennerei Rheinsberg nach Tucholskys Zeitgenossen Kästner nun auch Theobald Tiger, Peter Panther, Ignaz Wrobel und Kaspar Hauser eine Bühne gibt – alles Synonyme, unter denen Tucholsky schrieb. Die Schauspieler Tina-Nicole Kaiser und Jürgen Wegscheider, beide aus München, haben aus einer Auswahl von Tucholsky-Texten ein Programm zusammengestellt und am Samstagabend einem Dutzend Zuhörer in der Musikbrennerei vorgestellt.

Tucholsky hat einen Riesenfundus an Texten hinterlassen

Dass Kurt Tucholsky weit mehr als nur heiter-beschwingte Novellen a la „Rheinsberg“ schrieb, ist bekannt. Tucholsky war ein durch und durch politischer Mensch, der sich in die Belange seiner Zeit einmischte und in scharfen Worten aufmischte. Er zählt zu den bedeutendsten Publizisten der Weimarer Republik. Der Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift „Die Weltbühne“ war bekannt als leidenschaftlicher Gesellschaftskritiker. Zugleich war er Satiriker, Kabarettautor, Liedtexter, Romanautor, Lyriker und Kritiker – und warnte, als überzeugter Pazifist und Antimilitarist, wie viele seiner Zeitgenossen vor dem Erstarken des Nationalsozialismus. Er war ebenso bekannt im schillernd-glamourösen Nachtleben des Berlins der zwanziger Jahre – Tucholsky lebte gern. Und beobachtete scharf: Berlin, seine Menschen, deren Schwächen und Stärken, die Welt drumherum.

Tina-Nicole Kaiser und Jürgen Wegscheider sind Tucholsky-Fans

Sein Schaffen ist enorm umfangreich. „Die Auswahl war für uns die größte Herausforderung“, benennt es Jürgen Wegscheider. Immerhin wolle man dem Publikum möglichst alle der Facetten Kurt Tucholskys nahebringen.

„Man möchte immer eine große Lange, und dann bekommt man eine kleine Dicke“, zitiert Tina-Nicole Kaiser das Gedicht „Ideal und Wirklichkeit“. Zum Thema Wirklichkeit gab es als kleine Aufwärmung schon eine Abwandlung von „Ein Ehepaar erzählt einen Witz.“ Pointe? Dazu kam es nicht. Stattdessen zum türenknallenden Ehe-Aus. Nur gut, dass Kaiser und Wegscheider lediglich ein Bühnen-Paar sind: vor dem Tucholsky-Programm haben sie bereits am Theater zusammengearbeitet und als erstes gemeinsames Projekt 2008 „Allerlei von der Liebe“ berichtet. Später kam ein Ringelnatz-Abend dazu. Tucholsky seien sie beide gleichermaßen verfallen. „Der war in den anderen Programmen immer dabei und hat uns zunehmend in Bann gezogen“, so Kaiser. Tucholsky sei kritisch und hinterfragend – und in vielen seiner Texte immer noch brandaktuell. Wenn man etwa „Europa“ hört, denkt man, dass Tucholsky dass im Angesicht von AfD, Brexit und Griechenlandkrise geschrieben hat. Pointiert und mit ausreichend Pathos lassen die beiden Mimen die Tucholsky-Gedichte Revue passieren: „Mutterns Hände“, zitiert sie. „Dass man nicht alle haben kann“, wehklagt er. „Der Löw ist los“ karikiert die Behörden und Bürger: eine Liebeserklärung an Berlin hätte anders geklungen. Der Löwe zumindest ist erleichtert, wieder in seinem Käfig im Berliner Zoo zu sein. „Das war Berlin?“, wundert er sich, auch dies wieder ein Lehrstück zu Ideal und Realität. Dass Tucholsky Berlin gleichwohlverfallen war, offenbart „Abends nach sechs“ – eine Ode an das kleine Glück des Alltags. An Liebende, die Abend für Abend das Gleichgewicht des Lebens wiederherstellen. „Berliner Liebe“ – ein Wimmelbild der Berliner Frauentypen dieser Zeit. „Augen in der Großstadt“ – ein wehmütiges Lied an den Augenblick, den Wimpernschlag des Lebens.

Vor dem Tucholsky-Programm haben sie eines über Ringelnatz kreiert

Frauen sind eitel? Jürgen Wegscheider kann ein anderes Lied singen: Über einen nackten Mann, der Stunden vor dem Spiegel posiert, weil er sich von einer Frau beobachtet fühlt. Er hätte genauer hinsehen sollen. Das Publikum amüsiert sich königlich. Ein liebevoller Totalverriss der Familie, das Gedicht „Der Fremde“ – auch dies hochaktuell.

Von Rheinsberg sind beide entzückt, waren auch im Tucholsky-Museum. „Peter Böthig hat uns wunderbare Texte mitgegeben“, freut sich Jürgen Wegscheider. Mag sein, dass der eine oder andere den Weg ins Programm findet.

Von Regine Buddeke

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