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Ungewisse Zukunft für Flüchtlinge in Gnewikow

Zu Besuch im Übergangswohnheim Ungewisse Zukunft für Flüchtlinge in Gnewikow

Seit Beginn der Wintermonate wohnen 80 Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Kamerun und Tschetschenien im Übergangswohnheim in Gnewikow. Das dortige Jugenddorf wurde im November erneut zu einer Notunterkunft umfunktioniert. Bei einem Besuch berichten drei Neuankömmlinge von ihrem Schicksal und was sie bewegt.

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Vater Amin und seine afghanische Großfamilie sind in Gnewikow untergekommen.

Quelle: Peter Geisler

Gnewikow. Immer wieder hat Ebtesam Tränen in den Augen. Die 45-jährige Syrerin versucht sie wegzulächeln, aber es geht nicht. Hinter ihren großen braunen Augen steckt Dankbarkeit, aber auch Leid. Entsetzliches Leid. Sie ist froh, dass sie in Deutschland sein kann, in Sicherheit, abseits von Krieg und Terror in ihrer Heimatstadt Latakia am Mittelmeer. Doch der Gedanke, dass ihr Mann und ihre drei kleinen Kinder immer noch dort sind, bringt sie an den Rand der Verzweiflung. Ebtesam weiß, dass sie Geduld haben und tapfer bleiben muss, bis sie ihre Familie eines Tages wieder sieht. „Ich will, dass meine Kinder es irgendwann besser haben“, sagt die Syrerin in gebrochenem Englisch.

Ebtesam wohnt derzeit mit 80 anderen geflüchteten Männern und Frauen im Übergangswohnheim Gnewikow bei Neuruppin. Das Jugenddorf am Ruppiner See wurde im Oktober vergangenen Jahres zur Notunterkunft für Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, Kamerun und Tschetschenien umfunktioniert. Mittlerweile sind die meisten seit zwei Monaten in Gnewikow und beginnen, sich langsam in die fremde Umgebung einzuleben. Knackpunkt ist dabei die Kommunikation.

Sozialarbeiterin Susanne Jäger im Gespräch mit Ebtesam und Mona (vl)

Sozialarbeiterin Susanne Jäger im Gespräch mit Ebtesam und Mona (v.l.)

Quelle: Peter Geisler

„Noch können sie sich gar nicht auf Deutsch verständigen“, sagt Sozialarbeiterin Susanne Jäger, die täglich vor Ort ist und sich um die Flüchtlinge kümmert. „Sie machen aber gute Fortschritte. Manchmal kommen sie ganz stolz zu mir und zählen die Wochentage oder das Alphabet auf“, erzählt die 35-Jährige, die bei den Ruppiner Kliniken angestellt ist. Die Kliniken kümmern sich um die Flüchtlingsbetreuung in den Heimen.

Ebtesam spricht kaum ein Wort deutsch, weil es ihr schwer fällt, sich zu konzentrieren. „Ich weine die ganze Zeit“, sagt sie. Außerdem ist sie noch ausgelaugt von der langen Reise nach Deutschland. Vor vier Monaten brach Ebtesam in Latakia auf, flüchtete zuerst nach Süden in den Libanon, dann wieder nordwärts in die Türkei, wo sie sich auf ein klappriges Boot rettete, das sie nach Griechenland brachte. Zu Fuß und mit dem Zug bahnte sie sich den Weg weiter nördlich durch Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich. „Den ganzen Weg von Budapest nach München sind wir gelaufen“, erzählt sie. „Kein Essen, kein Trinken, kein Schlaf. Es war sehr schwierig.“

Damit es mit der Verständigung bald besser klappt, gibt es für die Gnewikower Flüchtlinge drei Deutschkurse, einen für Frauen und zwei für Männer. „Wir haben die Geschlechter bewusst getrennt, damit die Frauen auf die Kinder aufpassen können und trotzdem nicht außen vor sind“, sagt Susanne Jäger. Die Kreisvolkshochschule in Neuruppin schickt jeweils an zwei Tagen in der Woche Lehrer ins Jugenddorf. Zum Einkaufen fahren die Flüchtlinge selbstständig mit dem Bus nach Neuruppin. Nach dem Unterricht kochen sie gemeinsam und besonders gerne natürlich Gerichte aus der Heimat. Afghanen und Syrer nutzen zwei separate Küchen, damit sie sich kulinarisch nicht in die Quere kommen.

Während die Syrer ihr typisches Hackfleischbrot mit Tomaten und Zwiebeln zubereiten, huscht eine Afghanin mit einem Hühnchen im Topf die Treppe nach oben. Durch die Flure fliegt ein bunter Mix von Essensgerüchen und Gewürznoten.

Die Syrer kochen eines ihrer  Nationalgerichte

Die Syrer kochen eines ihrer Nationalgerichte. Salman (Mitte) würzt noch einmal nach.

Quelle: Peter Geisler

So kocht zwar jeder buchstäblich sein eigenes Süppchen, aber getrennt leben die Nationen trotzdem nicht. Im Gegenteil, sagt der Syrer Salman, der ein bisschen deutsch spricht und seine Landsleute zu Arztbesuchen begleitet: „Wir sind eine große Familie“, sagt der 21-Jährige. Salman stammt aus Aleppo, hat dort sein Studium als Businessmanager abgeschlossen und hofft, dass er die Lehre in Deutschland abschließen kann und Arbeit findet. Solange der Krieg in seiner Heimat wütet, kann er sich nicht vorstellen, nach Syrien zurückzugehen.

Auch Mona (43) aus der syrischen Stadt Hama, die für viele im Heim Mutter, Tante und Oma gleichzeitig ist, will in Deutschland bleiben, obwohl sie nicht weiß, ob ihr Mann und ihre drei Kinder nachkommen können. „Das Warten ist sehr anstrengend“, sagt sie. Dennoch hat sie die Gefahren der Flucht auf sich genommen, ist sogar nachts durch das Mittelmeer geschwommen, weil sie weiß, dass in ihrer Heimat niemand mehr sicher ist. Zwölf Tage lang war sie nach Passau (Bayern) unterwegs.

Die 82 Zimmer des Jugenddorfes Gnewikow sind zurzeit komplett belegt

Die 82 Zimmer des Jugenddorfes Gnewikow sind zurzeit komplett belegt.

Quelle: Peter Geisler

Von den Deutschen haben die Neuankömmlinge einen sehr positiven Eindruck. „Wir brauchen Respekt und ein Lächeln“, sagt Salman. Davon bekommen sie von den Einheimischen reichlich. Die Gnewikower sorgen sogar für Freizeitbeschäftigung: Zwei Frauen aus dem Dorf organisieren Vorschulunterricht für die Kleinen und ein Ehepaar spielt an einem Nachmittag mit den Flüchtlingen Tischtennis. „Mit den Rückmeldungen von den Dorfbewohnern ist es wie überall“, sagt Susanne Jäger. „Entweder sie engagieren sich oder sagen gar nichts“, so die Sozialarbeiterin.

Den Jahreswechsel in Deutschland zu verbringen, war für die Flüchtlinge etwas Besonderes, denn für Muslime hat Silvester eigentlich keine Bedeutung. Also gab es auch keine Feier im Heim. „Die lauten Knalle haben mich an die Bomben in Syrien erinnert“, erzählt Mona und hält sich bei dem Gedanken wieder die Ohren zu. „Aber die Lichter waren schön.“

Von Luise Fröhlich

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