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Verein hilft Kindern mit Lernschwierigkeiten

Neuruppin Verein hilft Kindern mit Lernschwierigkeiten

Was tun, wenn das Kind in der vierten Klasse noch nicht lesen kann? Oder der tägliche Kampf ums Lernen dem Kind auf die Seele drückt? Die Therapeuten und Trainer des Vereins „Lernen & Wachsen“ unterstützen Kinder und Jugendliche mit Lernschwierigkeiten. Auch Eltern können sich beraten lassen.

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„Der Berg ist groß, aber Sie haben auch Jahre Zeit“: Familientherapeutin Sidonie Sankowski rät, beim Kampf ums tägliche Lernen locker zu lassen.

Quelle: Frauke Herweg

Neuruppin. Das „V“ ist ein vertrackter Buchstabe. Bei „Vanille“ klingt er weich. Bei „Vater“ eher hart. Malte (Name von der Redaktion geändert) kämpft sich trotzdem geduldig durch eine Liste mit V-Wörtern. Blumenvase. Vitaminsaft. Vulkan. Am Ende hat der Sechstklässler alle Wörter in die richtigen Tabellenspalten sortiert.

Seit mehr als zwei Jahren besucht Malte ein Mal wöchentlich die Neuruppiner Lerntherapeutin Antje Bölck. Anfangs konnte der schüchterne Junge kaum lesen. Auch schreiben fiel ihm schwer. Inzwischen liest er flüssig vor. Auch das Schreiben fällt ihm viel leichter. „Er hat sich super entwickelt“, sagt Bölck.

Langweilig darf es nicht werden

Bevor Malte in Bölcks Unterrichtszimmer kam, war bei ihm eine Lese-Rechtschreibschwäche diagnostiziert worden. Er war hibbelig, konnte sich schwer konzentrieren. Vor jeder Therapiestunde überlegte Bölck deshalb, wie sie seine Aufmerksamkeit gewinnen könnte. Lesen, Englisch-Memory, eine Übung zu V-Wörtern, ein Plumpsack-Spiel für die bessere Konzentration. All das kann bei einem 45-minütigen Besuch vorkommen. „Wenn es langweilig werden würde, könnte ich einpacken“, sagt Bölck.

Die frühere Lehrerin weiß, dass sie Kinder mit Lernschwächen nicht überfordern darf. Bei den V-Wörtern trainiert sie mit Malte lediglich eine Regel. Würde es zu unübersichtlich werden, würde er möglicherweise abschalten. Doch Bölck möchte, dass Malte sich dem Lernstoff auch gewachsen fühlt.

Verein hilft 24 Kindern und Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten

Bölck arbeitet für „Lernen & Wachsen“, einem Neuruppiner Verein, der derzeit 24 Kindern und Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten hilft. Bei den Kindern wurde vielleicht eine Lese-Rechtschreibschwäche oder eine Dyskalkulie diagnostiziert. Sie können die Silben eines Wortes nicht auseinanderhalten oder sie kämpfen selbst mit einfachen Rechenschritten.

Ob sie die Schwierigkeiten überwinden, hängt von ihren besonderen Problemen ab. Für einige Kinder wird eine Funktionsgleichung möglicherweise immer unlösbar bleiben. Andere haben nach ein oder zwei Jahren Lerntherapie ihre Schwierigkeiten bewältigt.

Ständiger Misserfolg drückt auf die Seele

Jedes Kind habe besondere Fähigkeiten, sagt Geschäftsführerin Sidonie Sankowski. Kinder mit einer Dyskalkulie etwa seien häufig sehr sozial und kreativ. Sankowski und ihre Mitstreiter wollen diese Kinder in ihren besonderen Fähigkeiten bestärken. Denn wer mit einer Lese-Rechtschreibschwäche oder einer Dyskalkulie zu kämpfen hat, musste schon viele Misserfolgserlebnisse einstecken. Mitunter ziehen Kinder sich ganz in sich zurück. Im schlimmsten Fall drohen seelischen Behinderungen.

Manche Kinder verweigern sich auch allen Anforderungen. „Sie sind ganz oft abgegessen“, sagt Sankowski. Umso wichtiger sei es dann, die besonderen Interessen eines Kindes herauszufinden und spielerische Angebote zu machen. Lerntherapeuten üben das Erkennen einzelner Silben auch beim Tanzen, Klatschen oder Würfeln. Kinder, die mit einer Dyskalkulie kämpfen, können Übersicht im Zahlenwirrwarr auch vor einer Dartscheibe oder beim Legen von Spielkarten gewinnen. „Wir helfen bei der Entwicklung“, nennt Sankowski das. „Wir machen keinen Unterricht.“

Auch Eltern bekommen Hilfe

Sankowski versucht, auch die Eltern zu unterstützen. Die Familientherapeutin weiß, wie sehr der tägliche Kampf um Hausaufgaben und Klassenarbeitsvorbereitungen das Verhältnis zwischen Eltern und Kind belasten können. „Das Zuhause wird zum Kampfplatz“, sagt sie. „Dabei sollte es doch eigentlich eine Schutzzone sein.“

Grundsätzlich rät Sankowski allen Eltern im ständigen Kampf ums Lernpensum locker zu lassen. Nur ein entspanntes Kind könne Neues aufnehmen, Interesse entwickeln, Sicherheit gewinnen, argumentiert die Psychologin. Übten Eltern zu viel Druck aus, verlöre das Kind im schlimmsten Fall Vertrauen in sich und seine Eltern. „Entspannen sie“, rät die Therapeutin. „Der Berg ist groß, aber sie haben auch Jahre Zeit.“

Lernschwierigkeiten lassen sich früh erkennen

Fachleute können oft schon im Kindergartenalter erkennen, ob ein Kind später mit Lernschwierigkeiten zu kämpfen hat. Wenn Eltern untersuchen lassen wollen, ob ihr Kind eine Teilleistungsschwäche hat, können sie es von den Experten von „Lernen & Wachsen“ untersuchen lassen. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten für eine spätere Therapie nicht. In Fällen, in denen der schulische Misserfolg die Kinder stark belastet und eine seelische Behinderung droht, trägt das Jugendamt die Kosten.

Der Verein hat einen Spendenfonds eingerichtet. Auch Kinder, deren Eltern ein solches Angebot nicht bezahlen können, sollen eine Therapie in Anspruch nehmen können. Je früher einem Kind geholfen werde, umso besser, findet die Psychologin Sankowski. „Aus Lernschwierigkeiten muss kein Schulversagen erwachsen.“

Von Frauke Herweg

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