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Ostprignitz-Ruppin Verwunderung am Bad Wilsnacker Pilgerweg
Lokales Ostprignitz-Ruppin Verwunderung am Bad Wilsnacker Pilgerweg
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02:17 07.08.2015
„Wie kommt man nur auf solche Farben? Und warum überhaupt war das nötig?“, fragt sich Ortsvorsteher Albrecht Gottschalk. Quelle: Matthias Anke
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Nackel

Albrecht Gottschalk sieht rot. Er zeigt auf vier Betonklötze, die seit DDR-Zeiten an der Kreuzung zwischen Nackel, Rohrlack, Barsikow und Vichel würfelförmig gestapelt liegen und die seit Kurzem mit dieser feuerroten Lackfarbe überzogen sind. „Nun, rot passt ja noch irgendwie“, sagt Gottschalk, der Ortsvorsteher von Nackel (Gemeinde Wusterhausen). Schließlich markieren diese Steine „Das Gericht“. So, wie es noch immer Schwarz auf Weiß an ihnen geschrieben steht als Erinnerung an die grauenvolle Geschichte, die sich vor genau 275 Jahren dort zutrug. „Aber das hier, das ist unmöglich“, sagt Gottschalk und verweist auf die Bank nebenan. Diese einst schlichte Holzbank leuchtet jetzt marineblau und limonengrün. Weil sie offensichtlich aber lustlos gestrichen wurde oder die Farbe alle war, erinnern Teile der Bank noch an ihr altes Aussehen.

„Eine Schande für das Gericht“

„Das ist jetzt eine Bank zum Blauärgern, eine Schande für das Gericht“, tobt Gottschalk. Weder mit ihm noch mit irgendjemand anderem, der sich um den Ort ehrenamtlich kümmert, sei der gesamte Anstrich abgesprochen gewesen. „Schließlich ist das nicht irgendein Ort“, sagt Albrecht Gottschalk. Es handele sich um eine für die Dörfer und vor allem für Nackel historische Stätte so unmittelbar am Pilgerweg nach Bad Wilsnack. Ein Wegweiser an dieser Kreuzung ist mit entsprechenden Symbolen versehen.

„Früher lagen hier Feldsteine als Markierung“, sagt Albrecht Gottschalk. „Die wurden geklaut.“ Als Mahnmal für einen Ort märkischer Justizgeschichte, als Erinnerung an eine gnadenlose Epoche stellten Mitglieder des SV Blau-Weiß Nackel daraufhin die Betonteile auf.

Seit einigen Jahrzehnten schon markieren Betonteile den Ort. Rot gestrichen wurden sie aber erst vor Kurzem. Quelle: Matthias Anke

Gottschalk erfuhr im Wusterhausener Rathaus, dass MAE-Leuten, sogenannten Ein-Euro-Jobbern, Farbreste vom Bauhof mitgegeben wurden. Vorgaben, wie sie die Bank zu streichen haben, gab es wohl keine.

Unmittelbar neben dem geschichtsträchtigen Gerichtsort und der nun knallig-bunten Bank ist der Pilgerweg ausgeschildert. Quelle: Matthias Anke

Der für den Tourismus zuständige Verwaltungsbeschäftigte Hartmut Janschke bestätigt gegenüber der MAZ, dass die Aktion über eine Arbeitsfördermaßnahme lief. Die dahinterstehende Gesellschaft aus dem Havelland habe er bereits informiert. „Man will sich mit Nackel in Verbindung setzen und dann werden sie eine Lösung finden“, sagt Janschke. Er räumt aber auch ein: Der Weg ist von touristischem Interesse – und deshalb erfolgte seine Ausschilderung auch im gesamten Wusterhausener Gemeindegebiet – aber der angrenzende Gerichtsort an sich ist für die Verwaltung nicht von Belang. Er ist weder ein Bodendenkmal noch ein anderer für das Rathaus relevanter Ort, sondern bislang nur für das Dorf wegen der Überlieferungen von Bedeutung.

An deren Anfang stand die Geschichte um Dorte Liesbeth Mücke oder auch um Dorthe Lisbeth Büsig, wie andere Geschichtsschreiber wissen. Diese junge Frau aus Nackel brachte 1740 ihr Neugeborenes um und wurde dafür hingerichtet.

Unheimliche Begegnungen, düstere Geschichten

„Nach der damaligen Blut- und Halsgerichtsordnung wurden Kindesmörderinnen ertränkt. Da sich jedoch in der Nähe von Nackel kein tiefes Wasser befand, wurde sie durch den Scharfrichter enthauptet. Ihre letzte Ruhestätte fand sie am Gericht zwischen Nackel und Rohrlack”, weiß der Heimatforscher Klaus Kraatz aus dem Nachbardorf Läsikow: „Es dürfte eines der letzten Urteile dieser Art gewesen sein. 1747 wurde den Ortsgerichten das Blutgericht entzogen.” Die Geschichte ist in Nackels Chronik nachzulesen, im Kirchenbuch und in der Rohrlacker Chronik. Von „unheimlichen Begegnungen“ und „düsteren Geschichten” ist die Rede. Überliefert ist, dass zur Feldarbeit nie an dem Platz gerastet wurde, er nachts zu meiden sei. Pferde würden scheuen oder durchgehen. Ein Jäger brach sich das Genick. So schaffte es dieser Gerichtsplatz, diese Begräbnisstätte hingerichteter Leute auf diesem unbeackerten, dreieckigen Stück Land an der Feldwegkreuzung 2008 in Eugen Glieges Buch „Sagen und Geschichten aus dem Altkreis Kyritz”.

Für Gottschalk dagegen ist es der Horror, wenn Waschbären dort ihr Unwesen treiben. Er blickt auf einen zerfetzten Müllsack vor seinen Füßen. Der Unrat, den Pilger an dieser kleinen Raststätte hinterlassen und der von Freiwilligen hin und wieder abgeholt wird, liegt weit verstreut.

Was im Kirchenbuch geschrieben steht

Folgenden Eintrag im Nackeler Kirchenbuch verwendete 1938 Hans Bornemann im Artikel für die Dosse-Zeitung:

Es „hat dies arme Dorf das Unglück gehabt, dass ein Mädchen Dorthe Lisbeth Büsig, eines Soldaten Tochter (...), von dem Adolf Johann Neuendorf hier geschwängert (...), welche dann leider ihr heimlich geborenes Kind mit einer etliche Mal um den Hals zugezogenen Schnur selbst als eine rechte Rabenmutter umgebracht, welches aber der gerechte Gott sofort des anderen Tages früh ließ kund werden, darauf sie ihren gebührenden Lohn empfing, der auch für die sonderliche Tat verdientermaßen nicht zu hart ist“.

Weiterhin heißt es im Kirchenbuch: „Sie wurde enthauptet, der Leib auf das Rad gelegt und das Haupt oben aufgenagelt. Sie ging sehr freudig zum Tode und sehr wohl vorbereitet, wofür Gott ewig gedankt sei. Der barmherzige Gott möge dies vergossene Blut nicht vergelten. Alle, die es sahen oder davon hörten, mögen von solchen und anderen Sünden nachdrücklich abkehren. Der Mord geschehen den 28. März 1740 des Abends. Die Exekution wurde vollzogen am 28. Juni.“

„Die Leiche wurde vom Scharfrichter im Sarg hinaus nach der Gerichtsstätte gefahren und begraben. Der Gott aller Gnade verhüte solche Selbstmorde und fördere uns zu seinem seligen Ende.“

Von Matthias Anke

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