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Von Damaskus an die Knatter

Junger Syrer findet in Kyritz eine Heimat auf Zeit Von Damaskus an die Knatter

Ahmad Alsayed (25) lebt zusammen mit seinem Bruder Nour seit drei Monaten in Kyritz. Inzwischen haben die beiden eine Aufenthaltsgenehmigung für drei Jahre. Sie wollen möglichst in der Stadt bleiben und vor allem viel, viel lernen.

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Ahmed Alsayed unternimmt alles, um sich mit seiner neuen Umgebung vertraut zumachen – und um die Sprache zu lernen.

Quelle: Alexander Beckmann

Kyritz. Unfassbar, was dieser Mann an Zuversicht ausstrahlt. Da sitzt er in einem fremden Land, weit weg von zu Hause, hat keine Möglichkeit, gefahrlos zurückzukehren, spricht die Sprache kaum und schmiedet doch Pläne. „Zuerst will ich aus der Unterkunft hier raus – damit ich mehr Deutsch höre und spreche“, sagt Ahmad Alsayed auf Englisch.

Seit November lebt der 25-jährige Syrer in einem Wohnverbund für Flüchtlinge in einem Kyritzer Plattenbau und teilt sich mit seinem 19-jährigen Bruder Nour ein Zwölf-Quadratmeter-Zimmer.

Eine eigene Wohnung ist das Ziel der Brüder

Eine eigene Wohnung, das ist ihr Ziel. Für vorerst drei Jahre dürfen sie im Land bleiben. Ahmad hat die Zeit praktisch schon komplett verplant. „Zuerst müssen wir genug Deutsch lernen. Das braucht Zeit und Arbeit.“ Auch deshalb sei die eigene Bleibe so wichtig. „Dann wollen mein Bruder und ich versuchen, unsere Ausbildung abzuschließen.“ Englische Literatur will Ahmad studieren. Nour zieht es zur Physik.

Die beiden waren schon einmal auf gutem Weg zu diesem Ziel. In ihrer Heimatstadt Damaskus. Ahmad hatte nach der Schule angefangen, Englischkurse zu geben und nebenher ein Studium begonnen. „Ich hatte einen Job. Ich mochte das Unterrichten und meine Schüler.“ Er verdiente auch recht gut. „Ich hatte nie die Absicht, mein Land zu verlassen.“

In Syrien drohte die Einberufung zum Militär

Bis der Krieg immer weiter um sich griff. Ahmad drohte die Einberufung zum Militär. „Unsere Eltern wollten das nicht. Sie haben gesagt: Wir haben alles gegeben, um euch aufzuziehen, und wir wollen euch nicht an diesen dummen Krieg verlieren.“ Lange habe man in der Familie diskutiert. „Aber die einzige Lösung war wegzugehen.“

Deutschland habe er von Anfang an als Ziel im Auge gehabt. „Wir haben viel darüber gehört, wo man wohl am besten unterkommt – Schweden, Norwegen. Aber fürs Weiterlernen schien Deutschland am besten.“

Ahmad hatte Glück. Seine Eltern sind recht wohlhabend und konnten einen Teil ihres Vermögens zu Bargeld machen. Im vergangenen August passierte er die nahe Grenze zum Libanon und stieg wenige Stunden später in ein Flugzeug in Richtung Türkei. Einen Monat verbrachte er in dem Land. „Ich wollte da nur raus. In der Türkei hatten wir immer Angst. Da gibt’s zwar Polizei, aber auch sehr viel Mafia.“ Mehrere Versuche, übers Meer Griechenland zu erreichen, scheiterten. Einmal endete die Fahrt in einem winzigen Boot fast in einer Katastrophe. Andere Male griff ihn die türkische Polizei auf. Den fünften Versuch unternahm er mit seinem inzwischen nachgereisten Bruder – mit Erfolg.

Über Chios erreichten die beiden Athen. „Wir hatten das Glück, dass wir uns zu sechst ein Hotelzimmer leisten konnten. Andere haben im Freien geschlafen.“ Und auch Fahrkarten waren drin. Per Reisebus und Bahn gelangten die Brüder erst nach Mazedonien und dann über Serbien und Kroatien bis nach Slowenien.

Tage ohne Dach überm Kopf

„Da begannen die größten Probleme.“ Tage verbrachten die Brüder mit hunderten und tausenden anderen Menschen ohne Dach überm Kopf in eingezäunten Lagern. Dann habe man die Menge einfach in Richtung Österreich getrieben. Doch dort war kein Durchkommen. Vier Tage lang seien Tausende Menschen eingekesselt gewesen. „Es gab nichts zu essen. Auch nicht für Geld. Wir haben gebeten und gebettelt.“ Immer öfter sei es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen um etwas Nahrung gekommen. „Irgendwann sind die Leute einfach durch die Absperrungen gebrochen. Dann hat sich keiner mehr um uns gekümmert.“

Über Salzburg gelangten die Alsayed-Brüder nach München und weiter über Berlin ins Aufnahmelager Frankfurt (Oder). Letztes Ziel war schließlich Kyritz.

„Als wir hier ankamen, hatten wir Angst: wieder ein neuer Ort und vielleicht Menschen, die uns hassen“, erzählt Ahmad. „20 Tage lang haben wir das Haus nicht verlassen.“ Über einen Sprachkurs bei der evangelischen Gemeinde sei er dann den ersten Kyritzern begegnet. „Da habe ich angefangen, hier Freunde zu finden“, sagt der junge Mann. „Viele Leute wollen wirklich helfen.“ Sehr viele andere seien einfach unentschlossen, wie sie den Neuankömmlingen begegnen sollen. „Aber echter Hass ist uns noch nicht begegnet.“

Ahmad versucht, sich zu engagieren. Priorität haben für ihn erst einmal die Deutschkurse. Doch nebenher setzt er sich schon als Übersetzer ein. Die guten Englischkenntnisse machen es möglich. „Immer wenn neue Leute ankommen, kümmere ich mich darum. Ich verbringe fast meinen ganzen Tag mit sowas.“ Zudem hat er kürzlich Kontakt zu einer Kyritzer Theatergruppe gefunden. Ahmad ist begeistert.

Auch an den montags stattfindenden Friedensdemos in der Stadt nimmt er mit einigen Schicksalsgefährten seit einiger Zeit teil. Er will sich nicht verstecken. „Weil wir Frieden brauchen. Weil ich wegen des Krieges hierhergekommen bin. Und weil unsere Familie immer noch in Syrien lebt.“

In Kyritz eine neue Heimat gefunden

Für Zeit der Aufenthaltsgenehmigung können sich Ahmad und Nour gut vorstellen, in Kyritz zu leben – eben weil sie dort inzwischen so viele Menschen kennengelernt haben. „Viele fragen, ob wir nach den drei Jahren bleiben wollen oder nicht“, berichtet der junge Syrer. „Ich kenne die Zukunft nicht. Ich will lernen. Wir hoffen und beten jeden Tag, dass der Krieg irgendwann zu Ende geht.“ Zugleich wolle er sich aber auch in Deutschland engagieren. „Ich möchte möglichst was zurückgeben von dem, was ich hier alles bekommen habe.“

Ahmad wirkt unglaublich zuversichtlich, was das angeht. „Ich kann den Menschen hier nur sagen: Sucht den Kontakt zu den Flüchtlingen! Zeigt ihnen, wie ihr lebt! Dann kann es Verständnis geben und dann wird es ein Gewinn.“

Von Alexander Beckmann

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