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Ostprignitz-Ruppin Von Kyritz nach Afghanistan
Lokales Ostprignitz-Ruppin Von Kyritz nach Afghanistan
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00:17 13.05.2016
Der 19-jährige Afghane Dawood Quarbani kam als Flüchtling nach Kyritz und schmiedete schon Zukunftspläne, von denen er sich verabschieden musste. Er kehrte zurück. Quelle: André Reichel
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Kyritz

Fast sechs Monate lebte der junge Afghane Dawood Quarbani als Flüchtling im Waldschulheim von Karnzow. Nun ist der 19-Jährige wieder in seine Heimat zurückgekehrt, die eigentlich gar nicht seine Heimat ist. Als sich Dawood Quarbani am Montag von seinem fast schon väterlichen Freund Asadolah Fakhari, der in Kyritz das Restaurant „Mi Casa“ betreibt, verabschiedete, flossen nicht nur bei dem jungen Mann ein paar Tränen. In all den Monaten, in denen der junge Afghane in Karnzow lebte, hatte er sich bei Asadolah Fa­khari oft Rat geholt und Orientierung in dem für ihn völlig fremden Land. Verständigungsprobleme gab es keine, denn beide sprechen persisch.

Vom Entschluss, nun in ein Land zu reisen, das Dawood Quarbani eigentlich nur aus Erzählungen seiner Eltern kennt und in dem noch immer kein Frieden herrscht, konnte auch Asadolah Fakhari ihn nicht abbringen.

In Teheran zur Welt gekommen

Bevor Dawood Quarbani ging, erzählte er seine Geschichte. Seine Eltern flohen schon in den 1980er Jahren ins Nachbarland Iran, als damals die Sowjetunion in Afghanistan einmarschierte. Dawood ist in der iranischen Hauptstadt Teheran zur Welt gekommen und wuchs auch dort auf. Inzwischen kehrte seine Familie in ihr kriegsgeschundenes Heimatland zurück. Nur der 19-jährige Dawood und sein vier Jahre älterer Bruder blieben im Iran. Zwar hatte Dawood dort eine gut bezahlte Arbeit, wie er sagte, jedoch wollte der junge Mann trotzdem mehr vom Leben und die Welt kennenlernen. „So beschloss ich, mich auf den Weg nach Europa zu machen“, berichtete Dawood Quarbani.

Seinem Bruder erzählte er nichts von seinen Plänen. Mit dem Auto fuhr er bis in das bergige Grenzgebiet zur Türkei. „Dort ließ ich das Auto einfach stehen und überquerte zu Fuß die Grenze“, sagte der junge Afghane. Per Bus fuhr er weiter bis nach Istanbul. Dort kam er mit weiteren Flüchtlingen in Kontakt und auch mit Schleusern, die ein Schlauchboot besorgten, mit dem Dawood Quarbani zusammen mit 50 weiteren Menschen bei Nacht und Nebel die gefährliche Überfahrt zur griechischen Küste wagte. „Unsere Rucksäcke, Koffer und das Geld hatten uns zuvor die Schleuser mit vorgehaltener Waffe abgenommen“, berichtete der junge Afghane.

Im Flüchtlingscamp in Griechenland

Froh, überhaupt lebend in Europa angekommen zu sein, kam der 19-Jährige an der griechischen Küste in einem Flüchtlingscamp unter. Dort fehlte es an vielem. „Ich schlief die ersten Tage ohne Bett und Decke unter freiem Himmel und Verpflegung gab es auch nicht“, berichtete Dawood Quarbani. Nach vier Tagen konnte der junge Mann nach Athen weiterreisen. Das Geld für die Fahrkarte musste er sich erbetteln.

In der griechischen Hauptstadt angekommen, nahm Dawood Quarbani notgedrungen Kontakt zu seinem im Iran lebenden Bruder auf. Dieser schickte ihm Geld für die Weiterreise. Mit dem Bus ging es über Albanien weiter nach Kroatien. Dort war allerdings die Grenze dicht. „Dort stauten sich abertausende Flüchtlinge. Das war beängstigend“, erzählte Dawood Quarbani. Alle sprachen dort von ihrem angestrebten Ziel – Deutschland. Dorthin wollte nun auch der junge Flüchtling reisen. Per Bahn ging die Odyssee weiter bis nach Österreich. Zum ersten Mal seit seinem Aufbruch vier Wochen zuvor hatte Dawood Quarbani ein Bett zum Schlafen, konnte duschen und bekam etwas Ordentliches zu essen. Schließlich ging die Reise weiter nach Deutschland, ins Erstaufnahmelager in Eisenhüttenstadt.

Ohne Telefon, Internet und Fernseher

Von dort aus kam der junge Afghane zusammen mit weiteren Flüchtlingen ins einsame abgelegene Waldschulheim nach Karnzow bei Kyritz. „Dort angekommen, hatten wir Angst, aus dem Bus auszusteigen“, berichtete Dawood Quarbani. In der abgelegenen Waldeinsamkeit ganz ohne Telefon, Internet und Fernseher machte sich bald Langeweile breit. Nachrichten aus der Heimat waren so kaum in Erfahrung zu bringen. Einen Deutsch-Kurs bekam der nicht mehr schulpflichtige 19-jährige Afghane wie alle anderen „älteren“ Flüchtlinge in Karnzow.

Um wenigstens Sport treiben zu können, trat der 19-Jährige in einen Fitnessclub in Kyritz ein. Dort trainierte er fast täglich. Dafür und auch für alle Besorgungen und Einkäufe musste er, wie auch alle anderen „Neu-Karnzower“, entweder zu Fuß oder mit dem Rad nach Kyritz fahren. Doch bald schon fanden sich freundliche Kyritzer, die ehrenamtlich Fahrdienste für die Flüchtlinge anboten und ihnen auch dringend benötigte Kleidung und Möbel besorgten und bei Behördengängen halfen. „Wir haben hier in Kyritz so viele nette und hilfsbereite Leute kennengelernt. Ich bin immer noch ganz gerührt und möchte mich bei ihnen herzlich bedanken“, sagte Dawood Quarbani. Schnell entdeckte der junge Afghane in Kyritz das Restaurant „Mi Casa“ von Asadolah Fakhari. Der Iraner lebt seit gut zehn Jahren in Kyritz und half Dawood Quarbani und vielen anderen Flüchtlingen mit Rat und Tat.

Der 19-jährige Dawood begann sich einzuleben, lernte die deutsche Kultur kennen und wertzuschätzen. Vor allem aber hatte er Pläne für die Zukunft. Er wollte noch einmal zur Schule gehen und arbeiten. Doch dann bekam er von seiner Familie in Afghanistan eine Nachricht, die ihn veranlasste, dem sicheren Leben in Deutschland den Rücken zu kehren – einer seiner Brüder wurde entführt. Um seiner Familie beizustehen, packte er seine Koffer und stieg in einen Flieger.

Von André Reichel

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