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Von Perleberg nach Kairo zu Fuß

Freyenstein Von Perleberg nach Kairo zu Fuß

Strom vom Generator, Wasser aus dem Brunnen: Drei Aussteiger leben bei Freyenstein das „neue Keltentum“. Caren, Lilo und Uwe halten als Wohngemeinschaft zusammen und wollen zeigen, dass manchmal weniger mehr ist. Uwe ging in den 1990er Jahren von Perleberg bis nach Kairo zu Fuß.

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Uwe, Caren und Lilo (v.l.) vor ihrem Haus bei Freyenstein. Sie tragen keltische „Gewandungen“.

Quelle: Björn Wagener

Freyenstein. „30 Jahre lang war ich ein Angsthase“, sagt Lilo (67). Als Apothekerin führte sie kein schlechtes Leben, aber auch kein außergewöhnliches. Bis zu dem Tag, als ihre Freundin Caren (52) etwas ganz Neues beginnen wollte. „Es war Ende 2004. Ich folgte einfach einem inneren Impuls, wollte alles hinter mir lassen und sehen, wo es mich hintreibt. Das ist spannend“, erzählt Caren. Sie habe ihre Freundin schließlich gefragt: „Willst du mit?“ Diese drei kleinen Worte sollten Lilos und Carens Leben komplett auf den Kopf stellen. Denn Lilo sagte „Ja“, gab ihre Arbeit auf, kündigte ihre Wohnung im Saarland. „Ich hatte nichts mehr, aber ich war so glücklich“, erinnert sie sich.

Dann waren beide über ein Jahr lang unterwegs, zogen herum, lebten ein alternatives Leben, zeitweise auch auf einem Gehöft. So lernten sie 2006 Uwe (52) kennen – einen Wanderer und Abenteurer mit handwerklichem Geschick. Seit elf Jahren sind die Drei eine Art Wohngemeinschaft. Anfang April 2016 verschlug es sie in die Nähe von Freyenstein.

Caren und Lilo in der Küche

Caren und Lilo in der Küche.

Quelle: Björn Wagener

Es geht durch Feld und Wald. Irgendwann steht es da – ein uraltes Haus, ganz allein. Fast wie im Märchen. Wer den Keltenhof Am Frachtweg 1 betritt, lässt die Welt von heute ein gutes Stück hinter sich. Auf den ersten Blick sieht es hier aus wie auf einem Bauernhof. Hühner laufen herum, manchmal auch Pferde oder Schafe, die das Grün kurzhalten. In einer Ecke wird Gemüse angebaut. Es gibt einen von alten Feldsteinwänden umgebenen Festplatz mit stabilen Tischen und Sitzgelegenheiten. Ein Dach fehlt noch. Die selbst gebaute Dusche im Freien ist mit Schilfmatten abgegrenzt. Gespeist wird sie aus einer höher angebrachten Regentonne – nur mit Schwerkraft. Das Plumpsklo daneben ist ebenfalls ein hölzerner Eigenbau. Spartanisch, aber sauber geht es hier zu. An der Außenseite prangt der Schriftzug „Latrine“.

Das Haus der drei Austeiger

Das Haus der drei Austeiger.

Quelle: Björn Wagener

Gleich daneben will Uwe demnächst ein Badehaus bauen. Er hat goldene Hände. Was auf dem Hof auch immer ansteht. Uwe kriegt es hin. Strom gibt es nur ein bis zwei Stunden pro Woche vom Generator, Wasser kommt aus dem Brunnen. Geheizt wird mit Holz. In der Küche steht eine Kochmaschine. Jeder der Drei hat sein eigenes Zimmer im Haus. Die Möbel sind gebraucht und zusammengewürfelt. Ein ganz besonderes Einzelstück fällt ins Auge: Am Boden liegt ein Bärenfell mit Kopf.

Nach Zugeständnissen an die Moderne muss man etwas graben, doch es gibt sie – eine Waschmaschine zum Beispiel; elektrisch betriebene Werkzeuge; ein Auto; ein Handy, das über ein Solarpaneel aufgeladen wird; Internet und Fernsehempfang, obwohl die Mattscheibe nur äußerst selten einmal hell wird. „Wir sind ja keine Technikmuffel“, sagt Caren. Nachnamen spielen keine Rolle. Man duzt sich.

Einfach aber sauber

Einfach aber sauber: die Latrine.

Quelle: Björn Wagener

„Die Leute fragen uns, was wir hier machen, fast ohne Strom und so“, sagt Uwe, der es sich mit einem Zigarettchen mit Lilo und Caren in der kleinen Sitzecke vorm Haus gemütlich gemacht hat. Es gibt Kaffee und Tee, manchmal meldet sich zwischendurch Schäferhund „Rammstein“ zu „Wort“. „Wir sitzen abends viel zusammen, unterhalten uns, machen Spiele. Außerdem gibt es ja Kerzen“, sagt Uwe. „Es ist doch gar nicht schlimm, wenn der Strom mal weg ist. Dir wird vielleicht ein bisschen Bequemlichkeit genommen, aber du kriegst auch Qualitätszeit zurück. Die Kreativität kommt wieder, man spricht mehr miteinander Außerdem haben wir oft Leute zu Besuch, die sehen wollen, wie wir leben“, erzählt Caren.

Platz für Gäste und Gespräche

Platz für Gäste und Gespräche.

Quelle: Björn Wagener

Caren, Lilo und Uwe sind nicht einfach Aussteiger, sondern vertreten auch das „neue Keltentum“, wie sie sagen. Das heißt, sie lehnen ihre Lebensweise an die der Kelten, jener Volksgruppe aus der Eisenzeit, weitgehend an, sind aber auch offen für Weiterentwicklungen der damaligen Verhältnisse. Sie stünden für Heilung, Wandlung und Frieden, wie Caren sagt. „Kein Gott oder Sterblicher soll die Erde beherrschen“ steht in keltischen Schriftzeichen an der Wand über der Sitzecke. „Das männliche Patriarchat muss durch das Weibliche abgelöst werden, sonst hat Mutter Natur keine Chance“, sagt Caren. Die Kelten hätten genau das gelebt, indem sie das Weibliche in den Vordergrund stellten. Das Männliche wolle sich alles untertan machen. Jedoch müssten sich die Menschen der Natur fügen. „Glaub’ mir, das ist gesünder. Wenn du ständig alles beherrschen willst, kriegst du Herzrasen. Wir versuchen seit Jahrtausenden, der Chef zu sein. Aber das ist doch Quatsch.“ Die Entfremdung von der Natur sei schon viel zu weit fortgeschritten. „Die Natur ist nicht dein Feind, sie ist dein Freund. Sie versorgt dich. Die Leute sagen, sie haben Angst, nachts allein durch den Wald zu gehen, laufen aber abends in Berlin durch einen Park. Was ist gefährlicher?“

Hier soll ein Badehaus entstehen

Hier soll ein Badehaus entstehen.

Quelle: Björn Wagener

Auch in der Art des Zusammenlebens gehen die Drei unkonventionelle Wege. So etwas wie die Ehe ist nichts für sie. Treue, ein Leben lang? In dieses gesellschaftlich anerzogene Korsett wollen sie sich nicht pressen lassen. Stattdessen dürfe sich das Lebensmodell gern mal in Richtung Gemeinschaften verschieben, finden sie. Das Leben auf dem Keltenhof „ist ein Experiment, um herauszufinden, was wir wirklich brauchen. Es geht ums Glücklichwerden. Das Hamsterrad, in dem die meisten Leute stecken, wollen wir nicht.“

Sie seien selbst lange genug darin gelaufen. „Ich war Managerin in einem Zulieferbetrieb in der Autobranche. Ich hab’ das alles gehabt, guter Verdienst und so“, aber das war mir zu langweilig, erzählt Caren, die in Namibia geboren wurde und einige Jahre in Südafrika lebte. Sie sei oft umgezogen und viel unterwegs gewesen. Alles loslassen und neu beginnen, „das sind Prozesse, die man nicht nur einmal in seinem Leben gemacht haben sollte.“ Auf dem Keltenhof widme sie sich der alternativen Heilung, lebe von der Hand in den Mund, wie sie sagt. Manchmal beherberge der Keltenhof auch Feriengäste.

Die Keltengruppe beim Burgfest in Freyenstein

Die Keltengruppe beim Burgfest in Freyenstein.

Quelle: Björn Wagener

Uwe ist gelernter Pferdewirtschaftsmeister, kommt aus Havelberg und verbrachte lange Zeit in Karstädt bei Perleberg. Nachdem seine Freundin bei einem Autounfall starb, lebte er ohne festen Wohnsitz. „Jetzt machst du mal deinen Lebenstraum wahr und wanderst“, habe er sich gedacht. Das war 1992. Gemeinsam mit ein paar Gleichgesinnten seien sie losgezogen.

Ihn selbst trieb es letztlich zu Fuß bis nach Kairo in Ägypten – in etwa anderthalb Jahren. „Wir haben auch Abstecher in den Iran und Irak gemacht. Wenn das Geld alle war, haben wir uns auf Bauernhöfen Arbeit gesucht“, sagt er und erzählt sein größtes Erlebnis in Kairo: Ein Deutscher in abgerissenen Jeans habe ihm Arbeit angeboten und in einem klapprigen Toyota mitgenommen, in dem Uwe die Beifahrertür habe festhalten müssen, damit sie nicht abfällt. Sie kamen zu einem Luxushotel erster Güte. Wie sich herausstellte, war der Fahrer des Schrott-Toyotas der Besitzer der Anlage. Das alte Auto sei sein erstes gewesen, und er wolle sich nicht davon trennen, erinnert sich Uwe an dessen Erklärung.

Der Wanderer habe dann oft Touristen zu den Pyramiden geführt und Einheimische kennengelernt, sogar einen Turban getragen. Nach etwa einem Jahr wollte er dennoch weiterziehen. Im Privatjet seines Chefs sei er nach Hamburg mitgeflogen. Uwe lebte auch ein Jahr lang wie ein Indianer in einem selbst genähten Tipi zwischen Augsburg und München. „Dort habe ich viel über die Natur gelernt.“

Das kommt ihm auf dem Keltenhof zugute. Dort ist Uwe ein Allrounder. Er näht sich seine Kleidung und seine Schuhe selbst, kennt sich in Sachen Selbstverteidigung und Überlebenstraining aus. „Die Abenteuerlust ist das, was uns verbindet“, sagt Caren. Dennoch: Auf dem Keltenhof wollen sie bleiben, machen sogar langfristige Pläne. Vor dem Haus sollen alternative Ferienwohnungen entstehen, und am 14. und 15. Juli 2018 ein sogenannter Bruchenball stattfinden. Das ist eine Art mittelalterliches Rugby.

Von Björn Wagener

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