Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 5 ° heiter

Navigation:
Was ist der Taufengel wert?

Neue Haushaltsführung im Kirchenkreis Wittstock-Ruppin Was ist der Taufengel wert?

Die Kirchglocken mögen einen hohen ideellen Wert haben. Im Haushalt werden sie jedoch nur mit einem symbolischen Euro veranschlagt. Im kommenden Jahr müssen die Kirchengemeinden Inventarlisten ihres gesamten Besitzes schreiben.

Voriger Artikel
Die DDR darf weiterleben
Nächster Artikel
Neue Zuschüsse für bröselnde Radwege

Was ist der Taufengel wert? In der Bilanz nur einen Euro.

Quelle: Peter Geisler

Neuruppin. Welchen Wert hat ein Abendmahlskelch aus dem 17. Jahrhundert? Welchen Wert eine Kirche, die bereits seit 800 Jahren auf märkischem Sand steht? In den Kirchengemeinden des Kirchenkreises Wittstock-Ruppin beginnt im kommenden Jahr das große Rechnen. Ab 2017 sollen sie ihre Haushalte nach einem neuen System aufstellen. Damit sie wissen, was sie alles haben, müssen sie zuvor Inventarlisten ihres Besitzes schreiben. Für die so genannte Eröffnungsbilanz muss alles muss aufgelistet werden – vom Kaffeeservice im Gemeindehaus bis zum Taufbecken.

Bisher wurden in den Haushalten der Gemeinden nur die Ausgaben und Einnahmen aufgeführt. Nach dem neuen System der erweiterten Kameralistik soll der Haushalt auch Auskunft über die Vermögenswerte geben und die Anstrengungen, die dafür nötig sind, sie zu erhalten. Für jedes Gemeindehaus, für jede Kirche soll ein gewisser Prozentsatz ihres Werts im Haushalt eingeschrieben sein. Die so genannte Substanzerhaltungsrücklage soll Gemeinden zwingen, schon frühzeitig Geld für spätere Reparaturen zurückzulegen. „Werte für künftige Generationen“ lassen sich so erhalten, hofft Superintendent Matthias Puppe: „Nachhaltigkeit ist eine christliche Kategorie.“

Doch wie gelingt es den Gemeinden ihren Besitz zu beziffern? Wie berechnen sie, welche Rücklagen sie bilden müssen? Puppe arbeitet sich in diesen Tagen durch eine 120-seitige Handreichung. Die Kirchengemeinden bekommen im kommenden Jahr praktische Hilfe von einer Mitarbeiterin des Kirchlichen Verwaltungsamtes in Kyritz. Die Fachfrau soll die Gemeinden bei der Bewältigung der Finanzbürokratie unterstützen. „Alles soll einheitlich sein“, sagt Puppe.

Wie lange es dauert, Inventarlisten für die Eröffnungsbilanz aufzustellen, wird ganz unterschiedlich sein. Drei oder vier „kleine und Kleinstgemeinden“ lassen sich an einem Tag schaffen, glaubt Puppe. Für die ungleich größeren Gesamtkirchengemeinden Wittstock oder Ruppin muss die Mitarbeiterin sicherlich mehrere Tage veranschlagen. Bis Ende 2016 soll dann die Eröffnungsbilanz fertig sein. Ein ehrgeiziges Vorhaben – als die weltlichen Kommunen vor einigen Jahren auf das – aufwändigere – System der Doppik umstellten, brauchten sie dafür ungleich länger.

Von hohem ideellen Wert, aber in der Bilanz nur mit einem Euro gebucht

Von hohem ideellen Wert, aber in der Bilanz nur mit einem Euro gebucht.

Quelle: Peter Geisler

Jeder einzelne Wert über 1000 Euro soll in den Kirchengemeinden aufgelistet werden. Geringere Werte wie die Stühle oder das Geschirr im Gemeindehaus werden als Sammelwert aufgelistet. Nach Einschätzung Puppes keine uferlose Aufgabe. „In den meisten Kirchengemeinden gibt es bereits Inventarlisten“, sagt er. Bei der Einschätzung des Wertes von größeren Gebäuden helfen Bewertungsbögen der Kirche, aber auch Rechnungen – wenn etwa jüngst neue Fenster eingebaut oder andere Sanierungsprojekte umgesetzt wurden. Bei der Bewertung von Ackerflächen, die den Gemeinden gehören, sind die Bodenrichtwerte entscheidend.

Für den Abendmahlskelch oder die historische Bibel gelten besondere Regeln. Sie sind für die Finanzer der Kirchenverwaltung so genannte Erinnerungswerte. Im Haushalt schlagen sie nur mit einem symbolischen Wert zu Buche – einem Euro. Auch die wertvollen Glocken oder die alte Orgel werden lediglich mit einem symbolischen Wert beziffert.

Schwieriger wird es beim Beziffern des Wertes einer 800 Jahre alten Kirche und dem Errechnen der anfallenden Substanzerhaltungsrücklage. Die Handreichung des Landeskirche gibt dafür konkrete Vorgaben. Wird der Wert der Kirche auf 100 000 Euro geschätzt, so muss dieser Wert durch die Nutzungsdauer des Gotteshauses – im Falle einer vor 1945 gebauten Kirche 200 Jahre – geteilt werden. „500 Euro müsste die Gemeinde jährlich für den Erhalt ihrer Kirche ausgeben“, sagt Puppe.

Für den Superintendenten hat die neue Form der Haushaltsführung durchaus auch eine politische Dimension. Kirchengemeinden können künftig ihre jeweiligen Substanzerhaltungsrücklagen bündeln und dieses Geld in ein ausgewähltes Projekt investieren. „Das ist eine Chance“, sagt Puppe.

Zugleich aber gibt die neue Form der Haushaltsführung Antworten auf eine heikle Frage: „Welche Gebäude können wir uns perspektivisch überhaupt noch leisten?“ Deutlicher als früher gibt der Haushalt Auskunft über die tatsächlichen Ressourcen der Gemeinden. Zwar gilt im Kirchenkreis grundsätzlich der Beschluss, jedes Gotteshaus zu erhalten. Doch gibt es Kirchen, so Puppe, in denen „nichts mehr stattfindet, in denen es kein kirchliches Leben mehr gibt“. In solchen Fällen kann es sinnvoll sein, „die Kirche in einen solchen Zustand zu versetzen, dass die Hülle dicht ist und dann schließt man ab“.

Von Frauke Herweg

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Ostprignitz-Ruppin

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?

57811e88-cc1d-11e5-9fb5-3858ea6ed044
Babys aus Oberhavel (6)

Babys aus Oberhavel, Januar/Februar 2016

MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg