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Weder Wein noch Berg

Nackel Weder Wein noch Berg

Exakt 44,4 Meter misst eine Anhöhe bei Nackel, die einen fragwürdigen Namen trägt: Weinberg. Denn es ist eben weder ein richtiger Berg, noch lässt sich irgendwo Wein ausfindig machen. Dennoch hat diese Bezeichnung ihren guten Grund. Eine Spurensuche.

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Diese kleine Anhöhe, die bei den Bäumen 44,4 Meter über Null misst, wird als Weinberg bezeichnet.

Quelle: Matthias Anke

Nackel. Es knistert, knackt und raschelt. Schrecksekunde. Doch siehe da: Hopp, hopp, kommt er aus dem Unterholz und rennt hinaus aufs freie Feld. Nur einmal bleibt der Rehbock kurz stehen und blickt zurück. Dann flitzt er weiter und verschwindet am Horizont.

Nun ist es so muxmäuschenstill wie zuvor. Wind drückt sich an dieser Waldkante vorbei und über die Felder hinweg, die eine Anhöhe bilden. Hoch oben steht ein kleiner Baum, flankiert von zwei etwas größeren. Kartenwerke lassen wissen: Dort sind es exakt 44,4 Meter über Null. Weinberg heißt diese Landmarke. Berg ist dabei relativ, und von Wein ist weit und breit nichts zu sehen.

Zisterziensernonnen aus Lindow sorgten für den Weinbau

Aber es gibt Hinweise, woher diese Bezeichnung rührt. In dem Buch „Die Zisterzienser und ihre Weinberge in Brandenburg“ von Roland Fröhlich aus dem Jahr 2010 heißt es über das Kloster Lindow, dass es das Patronat inne hatte „über 20 Pfarrkirchen, von denen vier Filialkirchen waren. Hinzu kam das Patronatsrecht in zwei Kirchen außerhalb der klösterlichen Grundherrschaft: in Karwe und Nackel“. Bis ins letztgenannte Dorf also reichte im Hochmittelalter der Arm der Lindower Zisterzienser. Und ihnen folgte immer auch Weinbau, zumindest der Weinbauversuch. Denn sie hatten einen wohl sehr hohen Bedarf an Messwein für das Heilige Abendmahl.

Roland Fröhlich: „Von der Kirche in Nackel ist bekannt, dass zu ihr drei Hufen Land gehörten. Westlich von Nackel gibt es vor dem Wald nach Dreetz ein 1,5 Hektar großes Flurstück mit dem Namen ,Weinberg’. Ortschronisten meinen, dass der Weinberg damals von den Zisterziensern der Grafschaft Ruppin angelegt worden sei.“ Und dass es darin eben die Lindower Nonnen waren, die dort vor allem ihren Messwein erzeugten, diesen Schluss lasse das Patronat über so viele Kirchen zu. „Sowohl in Neuruppin als auch in Alt Ruppin und angrenzenden Orten gab es mehrere Weinberge.“

Nahe dem Weinberg geschah einst ein bedeutungsvoller Unfall

Für Nackels langjährige Ortschronistin Christa Calließ jedoch ist dies teilweise neu. „Ich wusste immer nur, dass dort Mönche Wein gepflanzt haben sollen und weiß auch, dass auf Karten eben noch heute Weinberg zu lesen ist“, sagt die nunmehr 91-Jährige. Und dass am Fuße der Anhöhe in einem Haus im Wald jemand lebte, der dabei war, als auf unheilvolle Weise Königshaus-Geschichte geschrieben wurde, wisse sie auch aus der Dorfchronik: Von diesem längst verschwundenen Gehöft aus war es nicht weit bis zur heutigen B 5 und der Stelle, an der 1912 ein Welfenprinz in einem Auto tödlich verunglückte. Der Nackeler war mit seinem Pferdefuhrwerk also als einer der ersten vor Ort und half beim Bergen.

Mit diesem Prinz Georg Wilhelm von Großbritannien, Irland und Hannover, Herzog zu Braunschweig und Lüneburg starb ein Welfe auf preußischem Boden. Dabei bestand seit der Einverleibung Hannovers in Preußen Feindschaft zwischen den beiden Häusern der Hohenzollern und Welfen. Um dem toten Georg trotzdem die letzte Ehre zu erweisen, schickte Hohenzollern-Kaiser Wilhelm II. damals seine Söhne Eitel Friedrich und August Wilhelm nach Nackel. Und die Herrscherhäuser versöhnten sich: 1913 heiratete Georg Wilhelms Bruder Ernst August die einzige Tochter Wilhelms II., Viktoria Luise. Und an der Unfallstelle steht noch heute das mutmaßlich weltweit älteste Kreuz für einen Auto-Verkehrsunfalltoten.

Eine Satellitenaufnahme zeigt ein unnatürliches Muster im Feld kurz vor dem Wald, das an die parallele Anordnung von Rebstöcken erinnert

Eine Satellitenaufnahme zeigt ein unnatürliches Muster im Feld kurz vor dem Wald, das an die parallele Anordnung von Rebstöcken erinnert.

Quelle: Google

„Dort, wo das Haus des Unfallhelfers nahe dem Weinberg stand, wuchsen noch lange Zeit Süßkirschen“, erinnert sich Christa Calließ. Und auch die 67-jährige Hannelore Gottschalk, der sie die Nackeler Chronik einst zur Fortführung übergab, berichtet: „Als Kind kannte ich das auch noch, weil dort noch lange eine kleine Obstplantage übrig blieb.“

Heute jedoch hat der Wald längst alles überwuchert. Und der angrenzende, leichte Hang weist ebenso keinerlei Spuren eines Weinanbaus mehr auf. Nur ein Satellitenbild, aufgenommen zu einer bestimmten Vegetationsphase, lässt ein unnatürliches Muster erkennen. Es deutet auf einen Teil der früheren, in aller Regel parallel angelegten Rebstöcke hin.

Von Matthias Anke

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