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Weg von Crystal Meth – dem Sohn zuliebe

Neuruppin Weg von Crystal Meth – dem Sohn zuliebe

Crystal Meth hätte beinahe sein Leben zerstört – bis die Geburt seines Sohnes alles änderte. In der MAZ erzählt ein alleinerziehender junger Vater, wie er nach 10 Jahren Drogenabhängigkeit in Neuruppin den Neuanfang versucht. Die MAZ-Aktion Sterntaler möchte nun helfen, den beiden ein schönes Weihnachtsfest zu bereiten.

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Marcel Jahnke war 10 Jahre lang drogenabhängig.
 

Quelle: dpa

Neuruppin.  Er will seinem kleinen, erst wenige Monate alten Sohn nicht schaden. Beim Wickeln trägt er Handschuhe. Wenn er ihn hochnimmt, passt er auf, nicht seine Haut zu berühren. Viel zu groß ist seine Angst, ein Teil des Crystal Meth in seinem Körper könne sich über den Schweiß auf das kleine Wesen übertragen.

Trotz Methamphetaminsucht versucht Marcel Jahnke (Name von der Redaktion geändert), seinem Sohn ein guter Vater zu sein. Als er jedoch fast ein Jahr ist, weiß er, dass es so nicht weiter geht. Jahnke, damals von „austrainierten 100 auf 78 Kilo runtergemagert“, geht zur Suchtberatung. Nach mehr als zehn Jahren Drogenabhängigkeit.

Stolz auf einen Neuanfang

Wenige Jahre später ist er stolz auf einen Neuanfang. Der Endzwanziger hat eine Langzeittherapie absolviert, sich von seiner ebenfalls drogenabhängigen Freundin getrennt und ist mit seinem Sohn von seinem früheren Heimatort in das mehrere hundert Kilometer entfernte Neuruppin gezogen.

Der alleinerziehende Vater hat eine eigene Wohnung, sein Sohn besucht die Kita. Einmal die Woche trifft er sich mit den Betreuern einer Neuruppiner Gesellschaft, die Hilfen zur Erziehung leistet. „Ich will meinen Sohn vor meinen Fehlern schützen“, sagt er. „Ihm soll nicht passieren, was mir passiert ist.“

Mit 13 Jahren zum ersten Mal Drogen genommen

Jahnke selbst war 13, als er das erste Mal Drogen nahm. „Zwei Drittel meiner Ausbildung habe ich auf Stoff gemacht“, sagt Jahnke. Warum er Crystal nimmt, kann Jahnke lange Zeit eigentlich gar nicht begründen. „Weil es Spaß machte“, sagt er eine Weile später.

Erst in der Therapie beginnt er Verbindungen herzustellen zwischen der Gewalt, die er als Kind erfuhr, und seinem späteren exzessiven Drogenkonsum.

Die MAZ-Aktion Sterntaler hilft Menschen in Not – wie dem einst drogenabhängigen Vater Marcel Jahnke

Die MAZ-Aktion Sterntaler hilft Menschen in Not – wie dem einst drogenabhängigen Vater Marcel Jahnke.

Quelle: Claudia Bihler

Jahnke verliert sich im Crystal-Rausch. Der junge Mann, der früher so viel einstecken musste, beginnt selbst zuzuschlagen. Die Drogen helfen ihm, die Bilder seiner Opfer auf Abstand zu halten. „Das wischt so einiges weg.“

Mehrmals versucht Jahnke von Crystal loszukommen. Mal gelingt es ihm für zwei, drei oder sechs Wochen, mal sogar für ein halbes Jahr – als er seinen Führerschein gemacht hat. Doch nach einer Weile greift er wieder zu. Fast alle seine Freunde sind damals auf Crystal. Jahnke genießt die „wahnsinnige Energie“, die ihm die Droge verschafft. Er ist 72, manchmal gar 80 Stunden wach. „Als Drogenabhängiger hat man wahnsinnig viel Zeit“, sagt Jahnke.

Er hatte Angst um seinen Sohn

Doch er sieht auch, wie seine ebenfalls Meth-abhängigen Freunde sich verändern, wie sie abbauen. Einige Bekannte haben Kinder. Manche von ihnen wachsen in vermüllten Wohnungen auf. Sie müssen miterleben, dass ihre Eltern nächtelang nicht schlafen. Als sein eigener Sohn geboren ist, bekommt er Angst: „Kinder werden wie ihre Eltern.“

Auch die permanente Geldnot macht ihm mehr denn je zu schaffen. „Wenn man 14 Tage, bevor das Geld kommt, nichts zu essen hat, ist das schlimm“, sagt er. „Richtig schlimm wird es, wenn ein Kind da ist.“

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Viele Drogen, falsche Freunde und ein Jahr im Knast: Jay Jentsch aus Senftenberg (Oberspreewald-Lausitz) hat mit ihren 31 Jahren schon einiges erlebt. Crystal Meth hätte beinahe auch ihr Leben zerstört.

Gedanken ums Geld muss sich Jahnke – auch wenn längst clean ist – noch immer machen. Gemeinsam mit seinem Sohn lebt er von Hartz IV. Sehr gerne würde er wieder arbeiten gehen, um endlich wieder ein bisschen unabhängiger zu sein. Doch bislang wollte keiner der Jobs, die er hätte haben können, zu den Betreuungszeiten seines Sohns passen.

Um seinen Sohn wenigstens ab und zu ein Spielzeug oder einen Besuch im Tierpark bieten zu können, ist Jahnke ein strenger Haushälter geworden. Das Geld für die eigene neue Winterjacke spart er über drei Monate an. Für den Geburtstag seines Sohns legt er schon Wochen vorher Geld zurück. Jahnke sei bei seinen Finanzen enorm diszipliniert, sagt seine Betreuerin.

Zu Hause ein eiserner Sparer

Im vergangenen Jahr schlug sie die Kleinfamilie für die MAZ-Sterntaleraktion vor. Mit den Gutscheinen, die die Aktion damals vergab, leisteten sich Jahnke und sein Sohn eine Bahnfahrt zur Oma. Anders hätten sie die beiden die Fahrt kaum antreten können. „Urlaube sind nicht drin.“

Von sich selbst sagt Jahnke, dass er ein strenger Vater sei. Abendessen gibt es um halb sechs. Immer pünktlich. Auf Diskussionen, ob seinem Sohn sein Zimmer aufräumen muss, lässt er sich gar nicht erst ein. Er muss. „Klarheit im Leben schafft Klarheit im Kopf“, findet er.

Für sich selbst würde sich Jahnke wünschen, endlich aus dieser Alleinerziehenden-Isolation herauszukommen. Er soll sich auch ja um sich selbst kümmern – dazu ermuntert ihn seine Betreuerin immer wieder. Jahnke hat einen Vertrag mit einem Fitnessstudio gemacht. Das könnte ein nächster Anfang sein.

Die MAZ-Aktion Sterntaler möchte Marcel Jahnke helfen, seinem Sohn ein schönes Weihnachtsfest zu bereiten. Dafür sind wir auf Ihre Spenden angewiesen. Bitte helfen Sie, liebe Leser, und spenden Sie auf das Sterntaler-Konto beim der Diakonischen Werk Ostprignitz-Ruppin,
IBAN: DE66 1605 0202 1001 0086 14.

Sterntaler-Aktion

Auch in diesem Jahr will die MAZ-Sterntaler-Aktion Menschen, die unverschuldet in Not geraten sind, in der Vorweihnachtszeit eine Freude bereiten. Dazu treffen sich Vertreter des Netzwerks Gesunde Kinder, der Neuruppiner Gesellschaft Outlaw, des ASB und der Volkssolidarität sowie Redakteure der MAZ, um gemeinsam zu beraten, wie eine bedürftige Familie oder auch ein Einzelner bedacht werden könnte. Unsere Partner aus dem sozialen Bereich machen Vorschläge, wem Sterntaler helfen kann.

Leser der MAZ und Firmen der Region hatten im vorigen Jahr mehr als 10 000 Euro gespendet. Rund 80 Familien konnte mit Gutscheinen, Haushaltsgeräten oder Kino-, Schwimmbad- oder Tierparkbesuchen eine Freunde bereitet werden.

Von Frauke Herweg

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