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Wegen blauer und grüner Haare verprügelt

Neuruppin Wegen blauer und grüner Haare verprügelt

Sie trugen T-Shirts mit der Aufschrift „Good night white pride“ und hatten blaue und grüne Haare. Das passte einem heute 22-Jährigen nicht und attackierte das junge Pärchen im Ruppiner Einkaufszentrum. Dabei hatte er doch eigentlich zur Nazidemo nach Hamburg fahren wollen. Nun muss er sich vor Gericht verantworten – und weiß von nichts.

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Quelle: dpa

Neuruppin. Weil sie grüne und blaue Haare hatten und T-Shirts mit der Aufschrift „Good night white pride“ trugen, wurden zwei junge Leute am 12. September 2015 im Ruppiner Einkaufszentrum tätlich attackiert, unter anderem von einem heute 22-Jährigen. Er steht zurzeit vor dem Neuruppiner Amtsgericht – und kann sich an nichts mehr erinnern. Er macht aus seinem Herzen keine Mördergrube, nur, „von der körperlichen Auseinandersetzung habe ich nichts mehr auf dem Schirm“.

Genau wegen dieser muss sich Sascha-Sven M. seit Dienstag vor dem Neuruppiner Amtsgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, am 12. September 2015 mit zwei 35 und 36 Jahre alten Männern gegen 21.50 Uhr im Ruppiner Einkaufszentrum (Reiz) Annalena B. und Karl F. angegriffen zu haben. Weil sie blau und grün gefärbte Haare und ein T-Shirts mit dem Aufdruck „Good night white pride“ trugen“. Nachdem ein Mann die beiden zu Boden gestoßen hatte, soll M. zugeschlagen und getreten haben. Die beiden Opfer sollen Schmerzen, Prellungen und Schwellungen im Gesicht, an Körper und Brust erlitten haben. Annalena B. soll anschließend mit massiven Angstzuständen zu tun gehabt haben.

Statt zur Nazi-Demo ging es auf Kneipentour

Er wolle sich nicht aus der Affäre ziehen, aber Erinnerungen an die Tat habe er keine mehr. Der 22-Jährige sprach von einem Filmriss, alkoholbedingt. „Es passt nicht zu mir, dass ich auf jemanden, der am Boden liegt, eintrete und dann noch in Gegenwart eines Mädchens“, sagte der angehende Tierwirt.

Er und seine Begleiter, sie waren seinen Angaben zufolge zu viert, wollten an jenem Tag eigentlich zu einer Nazi-Großdemonstration nach Hamburg. Sie hatten sich in Wittstock getroffen und wollten mit dem Auto nach Schwerin und von dort aus mit dem Zug nach Hamburg. Auf dem Schweriner Bahnhof, sollte, so hörten sie, eine große Gruppe von Antifaschisten auf die Demoteilnehmer warten. „Das war uns zu heiß“, sagte Sascha-Sven M. Kurzerhand änderten sie ihre Pläne. Statt in Hamburg ihre politische Gesinnung zur Schau zu tragen, zogen sie durch Berliner Kneipen. Irgendwann landeten sie in Neuruppin.

Scheiben beim Jugendwohnprojekt eingeworfen

Dort pöbelten sie vor dem Jugendwohnprojekt „Mittendrin“ und warfen Scheiben ein. „Wir alle vier, nehme ich an. Ich hatte Schnittwunden an den Fingern“ , wusste er noch. Ab da setzt seine Erinnerung aus und erst wieder ein, als er morgens in einer Ausnüchterungszelle aufwachte. Verkatert und voller Angst. „Ich hatte ganz schön viel getrunken.“ Wie viel, konnte er nicht mehr sagen. Damals konsumierte er regelmäßig Alkohol. Die Rede war von einem Kasten Bier und zwei Flaschen Schnaps in der Woche. Das ist Vergangenheit, genauso wie seine politische Gesinnung.

„Ich kann ja nichts gegen Menschen haben, die ich nicht kenne, zeigte er sich heute einsichtig. Das war zur Tatzeit noch anders. Damit hat er komplett abgeschlossen. „Ich habe mit dem ganzen rechten Scheiß nichts mehr zu tun.“ Zwei Wochen nach der Tat habe er den Kontakt zu den damaligen Bekannten abgebrochen. Er sei damals aus Mecklenburg-Vorpommern, wo er aufgewachsen ist, weggezogen. Wie er sagte, wegen des „rechten Mülls“. Dem konnte er sich offensichtlich auch nach seinem Umzug in die Nähe von Wittstock nicht entziehen. Denn seine Begleiter sind teilweise gerichtsbekannt.

Jugendgerichtshilfe empfiehlt Jugendrecht

Sascha-Sven M. war zur Tatzeit 20 Jahre und zehn Monate alt, stand also kurz vor seinem 21. Geburtstag. Trotzdem empfahl die Jugendgerichtshilfe dem Gericht die Anwendung von Jugendrecht. Sie sah bei dem Angeklagten eine gewisse Reifeverzögerung. Diese machte sie an seiner beruflichen Entwicklung fest. Sascha-Sven M. wuchs in einem kleinen Ort in Mecklenburg-Vorpommern auf. Er hatte eine Lehre zum Tierwirt begonnen, als sich seine Eltern trennten, die Mutter zog weg. „Die Scheidung hat ihn sehr mitgenommen“, so die Jugendgerichtshilfe. Er brach die Lehre ab, war ein Jahr arbeitslos. Dann nahm er die Ausbildung zum Tierwirt wieder auf. „Das ist mein Traumberuf. Ich kann mir nichts anderes vorstellen.“ Die Jugendgerichtshilfe ging davon aus, dass er einen Entwicklungsschub gemacht hat. Für sie war die Tat eine „Ausnahmesituation, die durch eine gewisse Gruppendynamik entstanden war.“

Am Donnerstag wird die Verhandlung mit Zeugen fortgesetzt.

Von Dagmar Simons

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