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Wehe dem, der ohne Auto ist

Katastrophale Zustände im ÖPNV der Region Wehe dem, der ohne Auto ist

Herbstniesel kriecht unter die Kleider. Fast 100 Prozent aller Bahnhöfe bieten keine warme Unterstellmöglichkeit mehr. Auch durch Buswartehäuschen, wenn vorhanden, pfeift’s. Alltag in Prignitz und Ost-prignitz-Ruppin. Und selbst dieser ist vielerorts gefährdet.

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Bus oder Bahn sollte in der Region lieber keiner verpassen.

Quelle: Matthias Anke

Blumenthal , Dienstag, 15.42 Uhr. Der letzte Zug rollt Richtung Kyritz/Neustadt und etwa eine Stunde später zum zweiten und letzten Mal an dem Tag nach Pritzwalk. "Da ist kaum was zu retten", sagt Norbert Kromer vom Fahrgastverband Pro Bahn. Er ist überzeugt, dass dort bald tatsächlich der letzte Zug rollt. "Bei einem schon so ausgedünnten Angebot kann man davon ausgehen. Wer soll das lange nutzen?" Zudem: "Im Landesnahverkehrsplan steht die Strecke ab übernächstem Jahr schon nicht mehr drin."

Bis vor Kurzem wusste man bei dem Fahrgastverband nichts vom sogenannten Prignitz-Konzept, in dem der gesamte Bahn- und Busverkehr in der Region im Auftrag beider betroffener Landkreise und des Landesverkehrsministeriums untersucht wird. Denn für den Abschnitt Kyritz‒Pritzwalk und auch weiter nordwärts bis Meyenburg soll wegen gekürzter Mittel nicht zwangsläufig Feierabend sein. Chancen werden vor allem für Kyritz‒Neustadt gesehen. Und eine Bürgerinitiative ist aktiv.

"Jetzt sind auch wir gespannt", sagt Kromer. Denn als Fahrgastverband habe man "so seine Erfahrungen". Brandenburg gehe "bislang ja sehr stiefmütterlich" mit seinem ÖPNV um. "Wer kein Auto hat, ist seit Jahren aufgeschmissen."

Das Konzept sollte im September vorliegen. Im Oktober teilte Ostprignitz-Ruppins Vize-Landrat Werner Nüse mit, dass November daraus wird. Vorgestern, am 5.November, sagte Landesverkehrsminister Jörg Vogelsänger lediglich am Rande eines Pressegesprächs, bei dem es um mehr Geld für Straßenbahnen in Städten und Rufbusse auf dem Land ging, dass das Konzept "vor der Fertigstellung" steht. Eine MAZ-Nachfrage vorab bei seinem Sprecher Jens-Uwe Schade ergab, der Schritt "von der Arbeitsebene zwischen Gutachterbüros und Beamten" hin zur "Präsentation vor den betroffenen Akteuren in den Landkreisen" wurde "vertagt auf Dezember", weil "Nacharbeiten" erfolgen.

Werbung für die Rufbusse in der Prignitz.

Quelle: Matthias Anke

Dass laut Schade intensiv gearbeitet wird, ließ auch der Minister wissen. Etwa kennt er die Idee eines zweiten Bahnhaltepunkts für Kyritz für mehr Parkplätze, mehr Nähe zu Finanzamt, Krankenhaus und drei Schulen und besseres Umsteigen in Busse. Doch Kromer vom Fahrgastverband mahnt zur Vorsicht. Gutachten sei das eine, die Umsetzung das andere. Auslöser des Konzepts ist schließlich der Spardruck aus Potsdam.

Dem Fahrgastverband geht es nicht nur um diese Nord-Süd-Verbindung zwischen den Regionalzuglinien RE 6 und RE 2, die die Landkreise durchziehen. In allen Räumen dazwischen und den von den Hauptlinien entfernten Gebieten sei die Situation "äußert problematisch". Nur wer dort lebt, wisse, wie fatal es ist, Bus oder Bahn zu verpassen. Es geht nahezu überall erst in ein oder zwei Stunden weiter. Es könnte auch die letzte Abfahrt gewesen sein.

Wer indes als Tourist und zumeist Großstädter in die Region kommt, muss die Reise besser planen denn je. Sonst kommt man nicht so leicht wieder weg ‒ wenn überhaupt hin.

Siehe Rheinsberg: Wie entlang so mancher Strecke fuhren Busse von Neuruppin auch dorthin jahrelang fast zeitgleich zur Bahn. Dieser Tage aber hat es vor allem der schwer, der noch weiter will.

"Eine ÖPNV-freundliche Ferienregion?", fragt Matthias Gärtner: "In den letzten Jahren hat sich die Situation insbesondere in der Vor- und Nachsaison immer mehr verschlechtert." Gärtner kommt aus Leipzig. Ab dem Reformationstag wollte er über das verlängerte Wochenende für einen Kurzurlaub nach Luhme. Als Großstädter ohne Auto ist er auf Bus und Bahn angewiesen. "Ein Blick in die Verkehrspläne offerierte mir, dass am Wochenende und an Feiertagen nun auch die Linie 788 Richtung Zechlinerhütte und Großzerlang und damit alle Buslinien in der näheren Umgebung von Rheinsberg ihren Fahrbetrieb einstellen. Ich frage mich ernsthaft, wie sich das mit dem hohen Anspruch verbindet, eine attraktive Urlaubsregion zu sein."

Rühstädt, Lindenberg, Plattenburg , das sind das Storchendorf, die Pollo-Kleinbahn und eine Ausflugsburg, einige der Leuchttürme im touristischen Marketing der Prignitz. Doch Touristen ohne Auto haben an Wochenenden keine Chance. Und Einwohner kommen ohne Auto nicht weg. Wo regulär kein Bus mehr rollt, wird nun besonders in der Prignitz seit einiger Zeit auf "alternative Bedienformen" gesetzt, auf Rufbusse oder Sammeltaxis.

Ostbahnhof, 22.15 Uhr. Der letzte Zug verlässt Berlin für die Neustädter, Bad Wilsnacker oder Wittenberger. Für sie sind Kino-, Theater oder Konzertbesuche in der Hauptstadt kaum drin. "Ein Zug später würde schon helfen", sagt Breddins Bürgermeister Reinhard Neumann. Auch entlang des RE6 fordern das viele Menschen, offenbar aber nicht genug. Trotzdem: "Nichts ist in Stein gemeißelt", sagt Elke Krokowski vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB). Sie macht Mut für politischen Druck. "Alles ist erreichbar", lautet der VBB- Slogan.

Wittstock, Neuruppin, Fehrbellin , 15. Dezember 2013:Land und Landkreise bestellen den Verkehr, so auch bei der ORP (in OPR) oder der VGP (Prignitz). Wegen der laut Neuruppiner Landratsbüro "sehr geringen Nachfrage" werden mit dem Fahrplanwechsel die Wochenendfahrten der Stadtlinie 740 in Wittstock, der 745 nach Meyenburg und der 746 nach Sewekow sowie der Linien 777/766 Neuruppin‒Wustrau‒Fehrbellin eingestellt.

Von Matthias Anke

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