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Wenn Reh auf Auto trifft

Fast 2000 Wildunfälle im Nordwesten Wenn Reh auf Auto trifft

Autofahrer können noch so vorsichtig unterwegs sein – vor einem Unfall mit Wildtieren ist niemand gefeit. Fast 2000 solcher Zusammenstöße registriert die Polizei jedes Jahr in den beiden Kreisen Ostprignitz-Ruppin und Prignitz. Wie oft es aber wirklich kracht, weiß niemand.

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Totes Damwild an der Straße zwischen Zechlinerhütte und Kleinzerlang. Auch für den Motorradfahrer war der Zusammenstoß tödlich.

Quelle: Peter Geisler

Neuruppin. Das Auto ist extra langsam unterwegs. Der Fahrer weiß um die Gefahr, erst recht so spät am Abend. Plötzlich springt von links ein Reh über die Straße. Der Autofahrer bremst gerade noch rechtzeitig. Die Landstraße bei Zühlen ist berüchtigt wegen ihrer vielen Wildwechsel. Wer spät am Abend zwischen Rheinsberg und Neuruppin unterwegs ist, kann sicher sein, Tieren zu begegnen, vor allem Füchsen und Rehen. In Höhe Gentzrode stehen nachts gern Wildschweine am Straßenrand.

775 Wildunfälle hat die Polizei in ihrer Statistik für das Jahr 2014 im Landkreis Ostprignitz-Ruppin registriert, in der Prignitz waren es sogar noch ein paar mehr. Die offiziellen Zahlen für 2015 werden erst Ende Februar veröffentlicht. „Aber von der Tendenz sieht es nicht wesentlich anders aus“, sagt Toralf Reinhardt, Sprecher der Polizeidirektion in Neuruppin, die für den gesamten Nordwesten Brandenburgs zuständig ist.

Wer weiterfährt, begeht keine Fahrerflucht

Im Jahr 2013 haben die Beamten in Ostprignitz-Ruppin und der Prignitz zusammen sogar knapp 2000 Unfälle mit Wildtieren regis­triert. Das ist allerdings nur die Zahl derer, die tatsächlich angezeigt wurden. Wie viele Wildunfälle es wirklich gab, weiß niemand – es besteht keine Pflicht, die Polizei zu rufen. Die Polizei kann nichts unternehmen, wenn sich ein Autofahrer nach dem Zusammenstoß mit einem Reh einfach aus dem Staub macht. „Das gilt nicht als Fahrerflucht“, sagt Polizeisprecher Reinhardt.

Viele Autofahrer rufen die Polizei allerdings schon im eigenen Interesse: Wer will, dass seine Versicherung Schäden durch einen Wildunfall am eigenen Wagen zahlt, muss in der Regel eine Anzeige bei der Polizei nachweisen.

Aber was genau sollte man tun, wenn es tatsächlich einmal kracht? „Erst einmal die Unfallstelle sichern“, rät Polizeisprecher Reinhardt. Das eigene Auto sicher abstellen, dafür sorgen, dass nicht noch jemand mit dem eventuell verendeten Tier zusammenstoßen kann.

Solche Schilder warnen vor Wildwechsel

Solche Schilder warnen vor Wildwechsel.

Quelle: Peter Geisler

Danach die Polizei verständigen, zum Beispiel über den Notruf 110. Wurde niemand verletzt und besteht auch sonst keine Gefahr, kann es besser sein, mit dem Wagen zur nächsten Polizeiwache zu fahren, um dort Meldung zu machen. Sonst könnte es passieren, dass man lange wartet, bis ein Streifenwagen zum Unfallort kommt. „Die Kollegen arbeiten die Notrufe nach Priorität ab“, erklärt Toralf Reinhardt. Stehen andere, dringende Fälle auf dem Plan, dann rückt der Zusammenstoß mit einem Fuchs oder Hasen automatisch nach hinten, sofern niemand verletzt wurde. Wer weiß, wer zuständig ist, der kann bei einem Unfall auch den jeweiligen „Jagdausübungsberechtigten“ benachrichtigen, meist ein Förster oder Jagdpächter. Die müssen sich ohnehin um verletzte oder getötete Tier kümmern. Meist werden sie von der Polizei benachrichtigt, wenn es in ihrem Revier einen Unfall gab.

Wie oft ein Jäger raus muss, ist sehr unterschiedlich. „So zwischen fünf und acht mal im Jahr“, wird Stephan Peter zum Beispiel gerufen. Peter ist als Stadtförster für den gesamten Wald von Neuruppin zuständig. Ein Teil liegt an der Straße nach Rheinsberg.

Beliebt sind die Anrufe der Polizei weder bei ihm, noch bei anderen Jägern. Schlimmstenfalls kann es passieren, dass ein Jäger nachts los muss, um ein angefahrenes und schwer verletztes Tier zu suchen, das gerade noch mit letzter Kraft in den nahen Wald flüchten könnte. Heutzutage kommt so etwas allerdings nicht so oft vor wie noch vor einigen Jahren. Jetzt werden die Jagdgenossenschaften, Jagdpächter oder Revierförster über die Polizeileitstelle in Potsdam informiert. „Und die meldet sich frühestens am nächsten Tag“, sagt Peter aus Erfahrung.

Im Notfall muss ein Jäger auch nachts zum Unfallort kommen

Da kann es allerdings schon zu spät sein. Selbst dann, wenn ein angefahrenes Tier tot war, heißt das nicht, dass die Jäger es auch wirklich finden. „Ich bin schon mehrfach rausgefahren und hab gar nichts mehr entdeckt“, sagt Jäger Claus-Dieter Mager. Er kümmert sich um ein Revier rund um Alt Ruppin, durch das gleich zwei Bundesstraßen verlaufen: die B 167 und die B 122. Rehe sind die Tiere, die dort am häufigsten unter die Räder kommen. Dass er nach einem Unfall nicht immer das getötete Tier findet, kann sich Claus-Dieter Mager leicht erklären: „Viele Autofahrer nehmen die Tiere einfach mit.“ Sei es, um die Spuren eines Unfalls schnell zu vertuschen oder sei es, als billiges Hundefutter.

Doch wer ein Tier nach einem Wildunfall mitnimmt, begeht eine Straftat. „Das wäre Wilderei“, sagt Polizeisprecher Toralf Reinhardt. Laut Strafgesetzbuch drohen dafür schlimmstenfalls bis zu drei Jahren Haft oder eine Geldstrafe.

In einem Fall von mutmaßlicher Wilderei nach einem offensichtlichen Verkehrsunfall ermittelt die Neuruppiner Polizei gerade. Der ereignete sich im Dezember zwischen dem Lindower Ortsteil Schönberg und dem benachbarten Wulkow bei Neuruppin. Wenn die Polizei den Täter findet, kann das für ihn sehr teuer werden. Erst recht, wenn er selbst den Unfall mit dem Tier womöglich gar nicht verursacht hat.

Von Reyk Grunow

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